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Ausländerfeindliche Parolen gebrüllt?

Aus dem Amtsgericht Ausländerfeindliche Parolen gebrüllt?

Der Angeklagte sagte, er werde von dem Kläger und seinen Mitbewohnern terrorisiert, weil er an einer Demonstration gegen die Vertuschung von Gewalt an Frauen teilgenommen hatte.

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Der Angeklagte muss sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Marburg. „Du scheiß Kanacke! Wechsel sofort die Straßenseite! Ihr elenden Asylanten, ihr grapscht nur unsere Frauen an!“ Mit diesen Worten soll am 23. Januar der heute 72-jährige Angeklagte einen 24 Jahre alten Marburger Studenten beleidigt und ihn dabei um 23 Uhr über die Universitätsstraße bugsiert haben.

Die Vorsitzende Richterin Katharina Blumentritt musste den Angeklagten, der, in der irrigen Annahme einen Pflichtverteidiger zu erhalten, ohne Anwalt gekommen war, zunächst mehrfach über die Etikette im Gericht belehren, bevor die Verhandlung beginnen konnte.

Der Marburger Rentner und mehrfache Familienvater gab dabei an, den betreffenden ­jungen Mann nie gesehen und auch nicht zum Tatzeitpunkt am Ort des Geschehens gewesen zu sein. „Glauben Sie, ich treibe mich in meinem Alter um diese Uhrzeit auf der Straße ­herum? Ich war längst zu Hause! Außerdem hätten diese Leute mal besser recherchieren sollen, ich würde als Russlanddeutscher nie solche Worte benutzen, aber ich weiß ja, wo das Ganze herkommt!“

Als Ursache für den vermeintlichen Vorfall sieht der Angeklagte seine Teilnahme an einer ­Demonstration von Russland­deutschen gegen die Vertuschung von Gewalt an Frauen­ am Beispiel des Falls Lisa, welcher sich mittlerweile als ­unwahr herausgestellt hat. „Ich war am 24. Januar bei unserer Demo, die auch angemeldet war, und dann kamen diese Antifa-Leute und haben gestört. Ich hab‘ einen Polizisten gefragt, und der meinte auch, die wären nicht angemeldet. Schließlich gab es leichte Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen, und da sind die auf mich aufmerksam geworden, seitdem werde ich terrorisiert!“

Tatsächlich waren die Besucherbänke im Amtsgericht ungewöhnlich voll mit Männern und Frauen im Studentenalter.

Als der Rentner das Gericht fragte, ob ihn denn die Teilnahme an einer Demo schon zum Faschisten mache, murmelten einige: „So ist es!“

Kläger: „Ich bin seit dem Vorfall traumatisiert“

Die Aussage, terrorisiert zu werden, wurde hingegen mit Gelächter beantwortet. „Ich ­habe zur Flüchtlingspolitik von Merkel sicher meine Meinung, aber gegen den Einzelnen habe ich doch gar nichts, ich würde­ so was nie tun“, schloss der ­Senior seine Aussage ab.

Da sich der Vorfall nachts abspielte und die Straße verkehrsfrei war, gab es keine weiteren Zeugen, der betroffene Student gab allerdings detaillierte­ Auskunft. „Er hat mich so übel ­beschimpft, dass ich regelrecht geschockt war, und als er dann einen glitzernden Gegenstand, vermutlich ein Messer, aus seinem Rucksack zog, bin ich auf die andere Straßenseite. Am nächsten Tag habe ich zufällig auf der Seite der Oberhessischen Presse ein Video von der Demo gesehen und ihn da wiedererkannt, dann bin ich zur Polizei!“

An den starken Akzent des Angeklagten konnte sich der angehende Orientwissenschaftler allerdings nicht erinnern. Auf die Frage des Staatsanwalts, warum er so viele Besucher mitgebracht habe, entgegnete er: „Ich bin seit dem Vorfall schwer traumatisiert und traue mich alleine nachts kaum noch raus. Meine Freunde aus der Fachschaft und meine Mitbewohner unterstützen mich. Ich bin in Deutschland geboren und hatte bis zu diesem Tag nie das Gefühl, aufgrund meiner Herkunft und meines Aussehens nicht dazu zu gehören, das hat er mir genommen!“

Da die Ehefrau des Angeklagten nicht geladen war und ­dieser angab, dass sie seine ­Anwesenheit zu Hause um die genannte­ Uhrzeit bestätigen­ könnte, ­wurde die weitere ­Verhandlung vertagt.

von Marcus Hergenhan

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