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Ausladung für umstrittenen Forscher

Studium generale Ausladung für umstrittenen Forscher

Zoff um das Studium generale: Auf Empfehlung von Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause wird der Auftakt-Vortrag abgesagt.

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Der Evolutionsbiologe Professor Ulrich Kutschera wird nicht beim Studium generale das Audimax füllen.

Quelle: Horst Galuschka (Archiv)

Marburg. Erst war es nur eine Frage der Uni-Frauenbeauftragten Dr. Silke Lorch-Göllner unter dem Punkt „Fragen an das Präsidium“. Doch dann entwickelte sich im vergangenen Uni-Senat schnell eine längere Debatte. Diese führte mittlerweile zur Empfehlung der Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause, den für den Auftaktvortrag eingeladenen Referenten Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera ganz auszuladen und an seiner Stelle den eigentlich als zweiten Vortragenden gedachten Professor William Martin als ersten Referenten im „Studium generale“ einzuladen.

Getroffen wurde diese Entscheidung in der gestrigen Sitzung des Marburger Uni-Präsidiums. „Das Präsidium befürchtet, dass der ursprünglich geplante Auftaktvortrag von Professor Kutschera nicht der Intention des Studiums generale gerecht wird, Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung in einer für die Öffentlichkeit verständlichen Form zu vermitteln“, heißt es dazu in einer Stellungnahme des Präsidiums. „In der Öffentlichkeit wird Kutschera in ­jüngerer Zeit vor allem wegen seiner sehr polarisierenden Position zur Genderforschung wahrgenommen“, so das Präsidium weiter. Es stehe deswegen zu erwarten, dass das Generalthema „Evolution“ in den ­Hintergrund gerate.

Ausschlaggebend für die Entscheidung des Präsidiums sei das jüngste Buch Kutscheras gewesen, sagte Krause auf OP-Anfrage. Darin verknüpfe Kutschera seine wissenschaftlichen Überlegungen zur Evolutionsbiologie mit Polemik gegen die Genderforschung (Geschlechterforschung).

Der Organisator, der Marburger Biologie-Professor Stefan Rensing beugt sich der gestern getroffenen Entscheidung des Präsidiums, wenn auch ein wenig mit Bauchschmerzen. „Ich finde die Absage bedauerlich. Kutschera war eigentlich eingeladen als international anerkannter Experte in der Evolutionsbiologie“, sagte Rensing, der die allgemeine Vortragsreihe der Uni Marburg in diesem Sommersemester organisiert hat. Allerdings solle das Studium generale nicht darunter leiden, dass es zu Störungen kommen könne. Durch das Mitte Februar erschienene neue Kutschera-Buch „Das Gender-Paradoxon“ gebe es nun allerdings eine neue Lage. In dem Buch legt Kutschera auf 440 Seiten dar, wieso er die „Gender studies“ für eine gefährliche Pseudo-Wissenschaft hält - ähnlich wie den Kreationismus.

Aus Rücksicht auf Stamm-Publikum abgesagt

Eigentlich sei Kutschera eingeladen gewesen, in dem Eröffnungsvortrag die Vorzüge der Evolutionstheorie gegenüber der christlich-fundamentalistischen Kritik im Kreationismus darzulegen. Wenn die Debatte um Evolutionsbiologie und Genderforschung aufgrund der Neuerscheinung nicht mehr sauber trennbar sei und darunter eventuell die Vortragsreihe leiden würde, dann müsse wohl den Vortrag auch mit Rücksicht auf das Stamm-Publikum abgesagt werden. Ob jetzt der Auftakt-Vortrag am Mittwoch, 13. April, ersatzlos abgesagt werde oder ob es eine Alternativ-Veranstaltung gebe, darüber müsse er jetzt noch nachdenken, sagte Rensing der OP.

Die Diskussion im Senat entzündete sich an der Person des Kasseler Biologie-Professors ­Ulrich Kutschera. „Warum wurde Kutschera eingeladen“, fragte Lorch-Göllner, die diese Einladung nicht verstehen kann. „Kutschera ist durch seine diffamierenden Äußerungen gegenüber der Geschlechterforschung in die Öffentlichkeit geraten“, sagte die Uni-Frauenbeauftragte. Dass ein wegen seiner Äußerungen zu Genderforschung so umstrittener Forscher den Eröffnungsvortrag bei der Vorzeige-Veranstaltung der Universität halten dürfe, sei nicht akzeptabel, monierte Lorch-Göllner.

Deswegen wolle sie das Marburger Uni-Präsidium und den Uni-Senat um eine Stellungnahme bitten. Ein klares Statement kam daraufhin von dem Studierendenvertreter Konstantin Korn. Er erwarte vom Präsidium, dass Kutschera ausgeladen werde.

Auch Elisabeth Kula vom Allgemeinen Studierenden-Ausschuss ist dieser Meinung und sagte: „Er ist ein knallharter Frauenfeind. Den kann man nicht einfach einladen“. Für eine genaue Abwägung der Sachlage plädierte in der Debatte hingegen Uni-Senator Professor Michael Bölker. „Steht ein Redeverbot der Universität wirklich gut zu Gesicht?“, fragte Bölker.

von Manfred Hitzeroth

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