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Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung

Neue NS-Gedenkstätte Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung

Der Geschichtsverein Wehrda hat eine ­Gedenkstätte in der Mengelsgasse errichten lassen. Am Freitag wurde sie ­eingeweiht.

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Mehr als 30 Besucher nahmen an der feierlichen Einweihung der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Wehrda teil.

Quelle: Ina Tannert

Wehrda. Bis 1970 stand das Fachwerkhaus der jüdischen Familie Hess in Wehrda, wäre heute die Mengelsgasse 4. Mit einem kleinen Haus-Modell erinnert der Geschichts- und Kulturverein Wehrda an die Familie und an alle verfolgten Gruppierungen der nationalsozialistischen Zeit.

Das Ehepaar Bertha und Levi Hess lebte bis 1938 mit ihren Kindern in Wehrda, war eine von drei jüdischen Familien im Stadtteil, die während der NS-Zeit verfolgt, vertrieben, deportiert und zum Teil ermordet wurden. Der Standort ihres ehemaligen Wohnhauses ist nun eine Gedenkstätte. Das Haus-Modell steht dabei nicht nur als Andenken an die jüdischen Opfer, es soll symbolisch an alle Verfolgten der NS-Zeit erinnern: Neben der jüdischen Bevölkerung unter anderem Anhänger anderer Religionen, die Sinti und Roma oder behinderte Menschen. „Die Familie Hess steht als Symbol stellvertretend für alle, die durch das Nazi-Regime bedroht, verfolgt und vernichtet wurden“, sagte Vereinsvorsitzender Dr. Dieter Dörne­mann während der Einweihungsfeier.

Vereinskollege und Historiker Horst Lehnert erinnerte an die Entwicklung vergangener wie aktueller Diskriminierung: Das Aufkommen, die Schrecken und Ergebnisse von politischer, kultureller, religiöser Verfolgung ist zuhauf in der Geschichte zu finden. Wie im Nationalsozialismus „beginnt es mit Ausgrenzung, es folgt Vertreibung und es endet mit Vernichtung“, betonte Lehnert. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, müsse man bereits am Anfang, bei der Ausgrenzung „als Krebsgeschwür der menschlichen Gesellschaft“ anfangen. Das Mittel der Integration alleine reiche dabei nicht aus. Auch die vertriebenen jüdischen Bewohner aus Wehrda waren voll integriert, Mitglieder in Vereinen und wichtiger Teil der Bürgerschaft. Um die Erfahrungen der Vergangenheit nicht in die Gegenwart vordringen zu lassen, sei jeder vernünftig denkende Mensch gefragt, „wehret den Anfängen, Ausgrenzung darf sich nicht ausbreiten“, betonte der Historiker.

Eine sichtbare Mahnung daran bildet die neue Gedenkstätte. Das Projekt sei ein „wichtiges Andenken an die Verfolgten aus dieser schwarzen Zeit deutscher Geschichte“, sagte Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne).

Auf der Grünfläche ist eine Sitzgelegenheit geplant

Gerade angesichts eines aktuellen Wiederauflebens von Diskriminierung und Pauschalisierung bestimmter Glaubensgemeinschaften gelte es, sich an die Vergangenheit zu erinnern - und daran, „dass diese Dinge nicht nur Historie sind, sondern noch heute existieren“.

Bis das Haus-Modell seinen ihm bestimmten Platz erhielt, dauerte es gut zwei Jahre. Das dem Original nachempfundene Fachwerkmodell wurde in mühevoller Kleinarbeit von Handwerkern und Vereinsmitgliedern zusammengefügt, besteht aus einer robusten Siebdruckplatte und Eichenstücken aus Wehrda.

Als Sockel dient ein mehr als 600 Kilogramm schwerer Sandstein. Finanziert wurde das Projekt aus Mitteln und Materialspenden des Vereins, der Stadt, der beteiligten Handwerker und der Sparkasse Marburg-Biedenkopf.

Das Modell ist ein weiterer Baustein der kleinen Gedenkstätte an der Mengelsgasse, an der seit 2007 ein Schild auf die vertriebenen Mitbürger aus Wehrda hinweist. Auf der kleinen Grünfläche ist demnächst eine Sitzgelegenheit geplant, der Platz soll „zum Verweilen und zur inneren Einkehr“ einladen. In der Vergangenheit wurde das Schild bereits zweimal Opfer von Vandalismus und mit Hakenkreuzen verunstaltet. Die Vereinsmitglieder hoffen, dass es dem neuen Haus-Modell nicht ähnlich ergeht.

von Ina Tannert

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