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Wissen und Werte für den Wiederaufbau

Terra Tech hilft Flüchtlingen Wissen und Werte für den Wiederaufbau

Insgesamt 680 Studenten unterschiedlicher Religionen unterstützt Terra Tech im nordirakischen Kirkuk gemeinsam mit einer Kirche vor Ort.

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„Hinter jedem Lächeln steckt auch eine traurige Geschichte“, berichtet Christian Schmetz, Mitarbeiter der Hilfsorganisation Terra Tech von  seiner Reise in den Nordirak.

Quelle: Christian Schmetz

Marburg. Nach Mossul gilt Kirkuk derzeit als angespannteste Stadt im nördlichen Irak. „Dafür ist es überraschend ruhig“, sagte Christian Schmetz im Skype-Interview am Mittwoch. Auffällig sei jedoch die allgemein hohe Präsenz von Waffen im Alltag. Gemeinsam mit Leonie Dylla reiste der Terra-Tech-Mitarbeiter vergangene Woche in den Irak, um das Flüchtlingshilfsprojekt der Marburger Hilfsorganisation vor Ort zu besuchen. „Die Stadt gilt als sehr irakisch, wegen der vielen verschiedenen Kulturen, die hier zusammen leben“, sagt Schmetz.

Seit 2013 arbeitet Terra-Tech in Kirkuk mit der chaldäisch-katholischen Kirche zusammen und gibt insgesamt 680 geflüchteten Studenten ein sicheres Zuhause. Rund 380 davon junge Frauen und 300 junge Männer, die nach Geschlecht getrennt voneinander in Gemeinschaftswohnungen leben. Jeweils 25 Studenten können in den Wohnungen sicher leben, bekommen zu essen, einen Internetanschluss und Studienmaterial. „So können sie sich auf ihr Studium konzentrieren und wenn der Konflikt in der Region vorbei ist, helfen, das Land wieder aufzubauen“, erklärt Schmetz. Besonders gefragt seien deshalb neben Medizin die Ingenieursstudiengänge und Architektur. „Wir wollen ihnen zeigen, es gibt für sie eine Zukunft im Irak“, sagt Schmetz.

Rollenbilder sollen durchbrochen werden

Neben dem Wissen erlernen die Studenten das Zusammenleben mit gleichaltrigen Menschen wieder. „Die Studenten werden in den Häusern nicht nach Religion getrennt, denn das Konzept beruht auf dem friedlichen Zusammenleben der jungen Leute“, sagt Schmetz. Die jungen Menschen organisieren ihr Leben in den Häusern selbst. Aufgrund dieser Eigenverantwortung werde das traditionelle Rollenbild in der Gesellschaft aufgebrochen, da auch die Männer in ihren Häusern kochen und putzen müssen. „Diese Tatsache wird vor allem von den Studentinnen als etwas sehr besonderes herausgestellt“, sagt Schmetz. Bei einem gemeinsamen Abendessen in einem der Häuser konnten sich die Terra-Tech-Mitarbeiter davon überzeugen, dass es funktioniert.

Die jungen Männer lebten zusammen wie 25 Brüder. „Und ich war für einen Abend der 26. Bruder“, berichtet Schmetz. „Viele haben ihre Familie verloren oder müssen zumindest getrennt von ihr Leben. Da werden die Mitbewohner zur Ersatzfamilie“, ergänzt Dylla. Bei den vielen positiven Erlebnissen in Kirkuk berichtet Schmetz von Momenten, die ihn sehr berührten. „Hinter jedem Lächeln steckt auch eine traurige Geschichte.“ Etwa die der jungen Frauen, die sich 18 Stunden lang unter ihren Betten vor IS-Kämpfern verstecken mussten, bis sie endlich befreit wurden. Auf ihrer Reise von Erbil über Zakho, Dohuk, Sulaymaniyah und Kirkuk haben sich Schmetz und Dylla einen Eindruck von der Situation im Nordirak verschafft.

Selbst wenn es so aussieht, als könnte der Konflikt mit dem IS in der Region bald beendet werden, gibt es große Zukunftsangst. „Die Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen werden sich nicht auf einmal in Luft auflösen. So schnell wird die Region nicht zur Ruhe kommen“, vermutet Schmetz. Bis die geflüchteten Menschen in ihre Heimatregionen zurück kehren können, werden wohl noch Jahre vergehen. „Und nur weil eine Region nicht mehr im Fokus der Berichterstattung liegt, verschwindet das Leid nicht“, sagt Schmetz. Er sieht auch in Zukunft noch enormen Bedarf an Hilfe im Nordirak. In Kürze soll auf der Homepage www.terratech-ngo.de eine Video-Dokumentation über die Reise samt einem Interview mit Studentin Yaldiz online gehen. Dort stellt die Marburger Hilfsorganisation auch ihre anderen Projekte vor, für die jeweils auch zweckgebundene Spenden angenommen werden.

von Philipp Lauer

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