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Wie man die Angst vorm Sterben verliert

20 Jahre Hospiz Wie man die Angst vorm Sterben verliert

Als das Marburger Hospiz vor 20 Jahren gegründet wurde, waren Dr. Klaus Widdra und Ursula Widdra unter den Ersten, die Todkranke beim Sterben begleiteten und Angehörige trösteten. Das ist ihre Geschichte.

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Ursula und Dr. Klaus Widdra mit dem Geschenk einer Trauernden, deren Freund im Hospiz verstorben ist. Das Ehepaar aus Beltershausen ist seit der Gründung des Hospiz‘ vor 20 Jahren dort ehrenamtlich aktiv, hat seitdem Hunderte Sterbende und Angehörige ­begleitet. Sie sagen: „Man ist dankbarer geworden, für das, was man hat.“

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Am Anfang war die Theorie. Klaus Widdra, Experte­ für Latein und Griechisch beschäftigte sich ab 1972 an der Stiftschule Amöneburg mit antiken Texten. Vor allem die Schriften des römischen Philosophen Seneca („Das Leben muss man das ganze Leben lernen, und, was dich vielleicht noch mehr erstaunen mag: Das ganze Leben muss man sterben lernen“) sollten den Oberstufenschülern das Thema der eigenen Sterblichkeit vermitteln.

Dem Tod, dem Sterbeprozess, der Begleitung Schwerstkranker in ihren letzten Lebenstagen, kam der Beltershäuser aber erst nach seiner Pensionierung 1996 nah. „Ich wollte nach Jahren der Theorie nun die Praxis“, sagt der 83-Jährige, der sogleich seine Frau Ursula (79) für die Idee des Aufbaus eines Hospiz‘ in Marburg, der ehrenamtlichen Arbeit darin begeisterte.

16 Vereinsmitglieder leiteten Mitte der 1990er-Jahre den Prozess ein, der zu einem Sechsbetten-Hospiz auf dem Gelände des Elisabethenhofs am Rotenberg führte. Der erste Gast – in der Hospizbewegung wird nicht von Patient gesprochen – war eines der Gründungsmitglieder. „Wir wussten anfangs ja auch gar nicht, wie Sterben funktioniert. Man hat einfach geholfen, gepflegt, war für die Menschen da“, erinnert sich Ursula Widdra, Ex-Grundschullehrerin.

Tränen fließen vor Trauer und aus Freude

In den Folgejahren gab es Menschen, die zum Sterben kamen, genesten und außerhalb der Einrichtung zwei Jahre weiterlebten. Sie erinnern sich noch an Gesichter derer, die 30 Minuten nach dem Ankommen im Zimmer starben. An eine Mutter, die auf Chemotherapie verzichtete, um ihr ungeborenes Baby zu schützen, den Säugling gebar und kurz später starb.

Und trotzdem: „Das Hospiz­ ist kein Sterbe-, sondern ein Gasthaus. Es ist ein Ort des Lebens, des Lachens, an dem viele nochmal aufblühen“, sagt Ursula Widdra. An den letzten Tagen ein „intensives Leben, bei dem jede Minute ausgekostet wird“, zu ermöglichen, sei das Ziel. Es gehe es darum, Wünsche zu ­erfüllen – „auch sehr obskure“. Wenn jemand sein geliebtes Pferd ein letztes Mal sehen wolle, werde das möglich gemacht. Wenn jemand eine Bauchtänzerin haben wolle, ebenfalls.

Die Tränen, die bei Todkranken, ihren Angehörigen oder den Haupt- wie Ehrenamtlichen im Hospiz fließen, entstünden sowohl aus Trauer als auch aus Freude. „Der soziale Tod ist schlimmer als der biologische. Sterbende brauchen Solidarität, sie brauchen Beistand“, sagt Klaus Widdra. Es brauche aber ein „feines Gespür für die Nähe und Distanz, die jemand braucht“. Denn: „Nicht jedem tut Nähe gut.“ Doch fast immer steige das Verlangen nach menschlicher Zuwendung, je näher das Lebensende komme.

„Man muss nicht elende Qualen erleiden“

2001 gründeten Widdras die Trauergruppe, die sie bis vor kurzem gemeinsam leiteten. Denn die Hilfe für Angehörige habe sich schnell zu einem untrennbar mit der Sterbebegleitung verbundenen Element des Hospiz, das seit 2012 auf dem Vitosgelände steht, herausgestellt. „Und diese Arbeit ist noch belastender als die Sterbebegleitung, weil man mit so viel, oft über Jahre anhaltende Trauer und Schmerz konfrontiert ist“, sagt Ursula Widdra.

Bei der Erfahrungs-Bewältigung habe dem Ehepaar, das seit 1962 auf einem Hof in Beltershausen lebt und deren Leidenschaft Pferden gilt, das permanente Besprechen des Erlebten geholfen. Aber: „Eine Elefantenhaut haben wir nicht. Es ist so, dass wir das Gefühl zu helfen als ein schönes erleben.“ Hat das Ehepaar, das so lange und so oft mit dem Tod zu tun hat, Angst vorm Sterben? „Jetzt kann ich sagen, dass ich Ängste verloren habe. Die Möglichkeiten der Palliativmedizin machen Mut, weil man nicht elende Qualen leiden muss. Aber wenn der Zeitpunkt des Sterbens gekommen ist, weiß ich nicht, ob ich nicht doch Angst haben werde“, sagt Klaus Widdra. „Wir sehen nur, wie unterschiedlich das Sterben sein kann. Wie es geht, was da passiert, was es mit einem macht, wissen wir bis heute nicht“, sagt Ursula Widdra.

von Björn Wisker

Hintergrund

Das 20. Geburtstagsjahr wird vom Hospiz mit mehreren Veranstaltungen gefeiert. Ein Auszug aus dem Terminplan:

  • 1. November, 18 Uhr: Gottesdienst in der Elisabethkirche samt Gedenken an die in der Einrichtung Verstorbenen
  • 10. November, 19 Uhr: Rock-, Pop- und Gospelkonzert der Band „GosPop“ in der Vitoskirche.
  • 27. November, 17.30 Uhr: Festvortrag „Leben in Würde bis zuletzt“ von Professor Herta Däubler-Gmelin (Ex-Bundesjustizministerin) in der Evangeliumshalle in Wehrda
  • 17. März 2018, ab 9 Uhr: Symposium zu Palliativmedizin in der Stadthalle
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