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Wenn Wörter plötzlich verschwinden

OP-Serie „Leben mit...“ (Teil 3): Aphasie Wenn Wörter plötzlich verschwinden

Wenn bei einem Unfall oder Schlaganfall das Sprachzentrum stark beschädigt wird, verstummen manche Menschen für immer. Mitmenschen müssen dann ihr Sprachrohr werden. Eine Angehörige berichtet.

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Nach einem Schlaganfall kann das Sprachzentrum so geschädigt sein, dass die Betroffenen nicht mehr sprechen können. Manche verlieren sogar die Fähigkeit, zu lesen oder zu schreiben.

Quelle: Pixabay

Marburg. Vor fünf Jahren hatte Heinrich Müller einen schweren Schlaganfall. Er war Anfang 50, stand mitten im Berufsleben, als er ins Koma fiel. „Es war sehr heftig“, sagt Linda Schneider (Namen von der Redaktion geändert). Sie ist seither an seiner Seite, ist für ihren guten Freund da, agiert als sein Sprachrohr. Denn Müller kann nicht mehr reden. Sein Sprachzentrum ist derart geschädigt, dass er auch nicht mehr schreiben oder lesen kann – und für seine Belange gibt es noch keinen passenden Sprachcomputer. „Das ist schon ein Extremfall“, erklärt sie. Zusätzlich sitzt Müller seit dem Schlaganfall meist im Rollstuhl, kann kleine Wege mit dem Gehstock zurücklegen.

Die Diagnose Aphasie musste Schneider damals im Internet nachlesen. Wichtiger als der Verlust der Sprache seien aber zunächst andere Probleme gewesen, etwa die körperlichen Probleme, die neuen Medikamente, der Rollstuhl. Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie mussten organisiert werden. „Da passiert so viel auf einmal. Das schmeißt einen um.“

„Man muss nicht 60 Jahre alt sein“, so Schneider. „Auch junge Menschen bekommen einen Schlaganfall.“ Sie stünden eigentlich noch – wie ihr Freund – mitten im Leben. Doch durch den Verlust der Sprache kapseln sie sich vom Leben ab, wenn sie keine Unterstützung bekommen. „Schließlich können sie nicht kommunizieren. Sie brauchen jemanden, der das für sie übernimmt“, erklärt Schneider. Telefonate, Terminabsprachen oder einfach die Erklärung, warum Müller nicht spricht – das übernimmt sie seit fünf Jahren für ihn. Dabei spricht sie nicht für ihn, entscheidet nicht für ihn, sondern versucht, seine Wünsche herauszufinden. „Die Intelligenz ist bei Aphasikern nach wie vor da“, betont sie. „Sie können ihre Gedanken nur nicht ausdrücken, sind in sich gefangen.“

Schneider hat mittlerweile einen Weg gefunden, mit ihrem Freund zu kommunizieren. Vieles gehe über Gestik und Mimik – und über das Raten von Begriffen. „Einmal meinte er das Wort ,Geschwister‘, aber ich kam nicht darauf. Ich wusste, dass es um Personen ging und habe viel geraten. Das ist für ihn auch frustrierend, wenn er sich nicht ausdrücken kann, ihn niemand versteht.“

Besonders traurig mache Schneider, dass manche Menschen ihren Freund – oder auch andere Menschen mit Aphasie – für geistig behindert halten. „Sie denken, er versteht nichts. Aber er kann einfach nicht antworten.“ In einer Klinik sei er deshalb einmal sehr schlecht vom Personal behandelt worden. Danach habe sie ein Schild geschrieben und darauf erklärt, dass ihr Freund sehr wohl denken und verstehen, sich aber eben nicht ausdrücken kann. Auch im privaten Umfeld muss Schneider den Menschen immer wieder klar machen, dass ihr Freund alles versteht. „Es ist nicht einfach für ihn. Er muss lernen, nicht zu verzweifeln.“

Nicht nur die Probleme mit der Sprache und der Bewegung machten ihm zu schaffen – „viele Freunde sind plötzlich nicht mehr da“, erzählt die Freundin, die einen Teil der Pflege übernommen hat. Das liege einerseits daran, dass viele nicht wüssten, wie sie mit ihm umgehen sollen. Andererseits habe er auch nicht mehr so viele Freizeitmöglichkeiten: Er sitzt meist im Rollstuhl, ermüdet zudem schneller als früher.

Austausch ist wichtig

Schneider ist seit Jahren Mitglied der Aphasie-Selbsthilfegruppe. Sie geht mit ihrem Freund dorthin – und unterhält sich mit anderen Mitbetroffenen. Austausch sei ihr wichtig, etwa über Ärzte, Therapien und den Alltag. „Es gibt mir das Gefühl, dass ich nicht alleine dastehe und sehe, wie andere die Dinge angehen.“

Das sei auch für die Betroffenen wichtig, die sich oft schämen. „Meine Devise ist: man muss raus und Dinge machen, die möglich sind und einem Freude machen“, sagt sie. Wer nicht mehr sprechen kann, könne dennoch ins Kino gehen oder einen Spaziergang machen – einfach am Leben teilnehmen. „Das ist für die Betroffenen wichtig, um nicht zu verzweifeln“, findet sie. Eine wichtige Hilfestellung seien heute für viele auch Sprachcomputer, die die Kommunikation ermöglichen. Sie selbst hat neue Hoffnung geschöpft durch eine Intensiv-Sprachtherapie, die ihr Freund bei einer Reha gemacht hat. Einiges habe sich dadurch verbessert. Sie hoffe nun darauf, dass er es auf ein Level schaffe, auf dem er zwei bis drei Wörter aneinanderreihen kann. „Sein Gegenüber kann dann schon sehr genau erfassen, worum es ihm geht. Das würde die Kommunikation einfacher machen.“

  • Die Selbsthilfegruppe Aphasie in Marburg trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat von 18 bis 19.30 Uhr am Krummbogen 2. Interessierte Betroffene und deren Angehörige sind dazu eingeladen.

von Patricia Grähling

Hintergrund
Eine Aphasie ist eine Sprachstörung wegen Hirnschädigung. Betroffene sind in der Sprache eingeschränkt – die Ausprägungen können unterschiedlich stark sein. Manche Menschen haben Wortfindungsstörungen, andere verlieren die Sprache komplett, einige können auch nicht mehr lesen und schreiben. Der Verlust der Sprache ist nicht zwingend dauerhaft. Sprachforscher der Universität Münster haben zudem nun herausgefunden, dass eine mehrwöchige, tägliche Intensiv-Sprachtherapie eine besonders wirksame Behandlung ist. Allerdings übernehmen Krankenkassen bislang meist nur Kosten für ein bis zwei Stunden in der Woche.
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