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Stadtbekannter Dealer muss in Therapie

Aus dem Amtsgericht Stadtbekannter Dealer muss in Therapie

Wegen mehr als 100 Drogengeschäften mit Heroin musste sich ein stadtbekannter Dealer vor Gericht verantworten. Seiner eigenen Sucht soll er sich nun in der Langzeittherapie stellen.

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Ein Drogenhändler hat vor Gericht Einblicke in sein Geschäftsgebaren gegeben – und wurde verurteilt.

Quelle: Frank Leonhardt

Marburg. Einen florierenden Drogenhandel führte ein Mann aus dem Nordkreis für mindestens zwei Jahre zwischen Marburg und Gießen. Dem schob das Schöffengericht nun einen Riegel vor.

Seinen Geschäften ging der heute 40 Jahre alte Dealer in den vergangenen vier Jahren regelmäßig nach, handelte vor allem mit harten Drogen, insbesondere Heroin, das er auch selbst konsumierte. Das war in Marburgs Nachbarstadt wohl generell günstiger zu bekommen, wie er vor Gericht erzählte. Daher fuhr er regelmäßig mit der Bahn nach Gießen, transportierte alle paar Tage mehrere Gramm Heroin und verkaufte den Stoff an Stammkunden weiter. Während einer Tour wurde er mit mehreren Heroin-Plomben im Zug erwischt.

In seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung fand die Polizei jede Menge Fixer-Besteck und weitere deutliche Hinweise auf ein von der Sucht bestimmtes Leben.

Der bereits einschlägig vorbestrafte Mann sei nicht nur vor Gericht bestens bekannt, in Marburg gelte er quasi als beliebter Dealer, „als Konsument harter Drogen, der kleinere Rauschgiftgeschäfte betreibt“, berichtete ein Kriminalpolizist vor Gericht.

"Ich war süchtig"

Seit mehreren Wochen sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft und wurde dort bereits entgiftet. Das war auch an seinem Verhalten zu beobachten – vor Gericht wirkte der Mann zappelig und nervös, konnte nicht lange stillsitzen.

Erst lehnte er eine Einlassung strikt ab, berichtete kurz darauf stockend doch ausgiebig aus seiner Vergangenheit.

Knackpunkt vor Gericht war die Frage, ob er das große Geschäft suchte oder zur Finanzierung seiner Heroinsucht dealte. Letzteres beteuerte der 40-Jährige mehrfach, der einen Teil der Vorwürfe zugab. „Das meiste habe ich für mich gekauft, ich war süchtig – das ist mit Hartz IV aber nicht bezahlbar“, gab der Arbeitslose an.

Er sah sich dabei nicht als dubiosen Händler, der in dunklen Ecken mit Fremden dealt – dieses Bild würde ihn regelrecht beleidigen. „Ich bin kein großer Dealer, ich verkaufe doch keine Plomben am Bahnhof“, bestritt er entrüstet einen Teil der vier Anklageschriften.

Auch die Verteidigung stellte die Beschaffungskriminalität in den Vordergrund, ausgelöst durch den Drang des Mannes, sich Nachschub zu beschaffen: „Oft sind Täter auch Opfer, gerade bei Betäubungsmitteln – er war Opfer seiner Sucht“, betonte Verteidiger Thomas Strecker.

Ein psychiatrischer Sachverständiger bescheinigte dem Angeklagten eine „ganz ausgeprägte schwere Abhängigkeit“. Schon sein halbes Leben lang konsumiere der Mann diverse Betäubungsmittel, seit rund zehn Jahren Heroin. Seine Drogenkarriere sei geprägt von „einem typischen Hin und Her“ aus Substitution, Abbrüchen, Rückfällen und Beschaffungskriminalität.

Angeklagter: „Ich hoffe, die Null zu halten“

Der Dealer war bereits im ­Methadonprogramm, knapp ­eine Woche vor der Verhandlung wurde der Heroinersatzstoff abgesetzt. Das sei ein großer Schritt, „ich hoffe, die Null zu halten, ich will meine Drogenprobleme endlich in den Griff bekommen“, beteuerte der Angeklagte.

Eine mehrjährige Therapie wäre zu diesem Zeitpunkt geradezu „ideal und erfolgversprechend“ und seine einzige Möglichkeit, jemals von den Drogen wegzukommen, befand auch der Gutachter, der eine Unterbringung in eine Entziehungsanstalt ausdrücklich befürwortete. Auf freiem Fuß seien langfristig „erhebliche weitere Taten zu erwarten“.

Dem folgte das Schöffengericht, das den Dealer wegen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln innerhalb von zwei Tatkomplexen in insgesamt rund 100 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt dreieinhalb Jahren verurteilte. Der Gewinn aus den Drogengeschäften, rund 12 000 Euro, wurde vom Gericht eingezogen. „Die Taten sind durch den Hang bedingt und symptomatisch durch die Abhängigkeit“, erklärte der Vorsitzende Richter Dominik Best.

Das Urteil ist rechtskräftig, der Verurteilte wird von der Untersuchungshaft direkt in die Psychiatrie überführt werden, sobald ein Platz frei wird. „Sie müssen jetzt nahtlos in die Therapie“, befand der Richter.

von Ina Tannert

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