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So läuft der perfekte Feuerwehreinsatz

Notfall So läuft der perfekte Feuerwehreinsatz

Was läuft eigentlich im Hintergrund ab, nachdem ich den Notruf gewählt habe? Wann kommt die Feuerwehr und welche Aufgaben übernimmt sie bei einem Wohnhausbrand? Wir erklären einen typischen Ablauf.

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Am Samstag brannte es in diesem Haus am Steinweg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es ist eine schwer vorstellbare Katastrophe, wenn das eigene Haus brennt und Flammen zu den Fenstern hinausschlagen. Für solche Fälle­ gibt es die Feuerwehr. Doch wie läuft ein solcher Einsatz eigentlich ab, nachdem die „112“ gewählt wurde? Ein exemplarischer Ablauf:

  • Notruf: Ein Anrufer wählt den Notruf. Einer von mindestens drei Personen in der zentralen Leitstelle des Landkreises nimmt den Anruf entgegen und gibt die Informationen in den Computer ein. „Im Computer ist hinterlegt, welche Feuerwehr in welchen Straßen zuständig ist“, erklärt Andreas­ Brauer, stellvertretender Chef der Marburger Feuerwehr. In der Regel sei dies die nächstliegende Einheit.
  • Alarmierung: Über Funk werden die Einsatzkräfte der jeweiligen Feuerwehr alarmiert. „Die Melder an den Gürteln gehen los – und egal wo die Kameraden gerade sind, machen sie sich auf den Weg zu ­ihrer Wache“, so Brauer. Ab diesem Zeitpunkt startet die Hilfsfrist, die das Land Hessen vorgibt.
  • Abfahrt am Stützpunkt: Die Kameraden treffen ein, ziehen sich schnellstmöglich um. Spätestens fünf Minuten nach der Alarmierung sollte das erste Fahrzeug ausrücken. Die gesetzliche Minimalanforderung ist eine Staffel: also ein Gruppenführer, fünf Einsatzkräfte und ein Löschfahrzeug sollten jetzt auf dem Weg sein. Für die Kernstadt, Cappel, Wehrda und Marbach hat die Stadt Marburg laut Brauer höhere Schutzziele festgelegt: Hier sollte nun eine Gruppe unterwegs sein – neun Mann, Löschfahrzeug und kurze Zeit später die Drehleiter.
  • Eintreffen am Einsatzort: Spätestens zehn Minuten nach der Alarmierung sollte die Feuerwehr – in der Regel – am Einsatzort eintreffen, wie es im Landesgesetz heißt. Das bedeutet laut Brauer, dass alle Feuerwehrstützpunkte so geplant sein müssen, dass die Feuerwehr nur fünf Minuten Fahrtzeit hat.
  • Überblick verschaffen: Zunächst muss der Einsatzleiter sich laut Brauer einen Überblick verschaffen und die Situation einschätzen, um eine Taktik zu entwickeln. Gegebenenfalls alarmiert der Einsatzleiter jetzt (oder zu einem späteren Zeitpunkt) weitere Feuerwehren nach.
  • Menschenrettung: „Die Menschenrettung ist immer das oberste Ziel“, erklärt Brauer.
  • Brandbekämpfung: Der Einsatzleiter schätzt laut Brauer vor Ort ab, ob mit der Brandbekämpfung parallel zur Menschenrettung begonnen werden kann. Die Feuerwehr startet den Löschangriff, bei Wohnhausbränden oftmals auch einen Innenangriff unter Atemschutz.
  • Glutnester löschen: Die Feuerwehrleute löschen letzte Glutnester im Haus ab, damit sich nicht einige Stunden später ein erneutes Feuer entzünden kann.
  • Nachfolgearbeiten am Einsatzort: „Meistens möchte die Kripo noch von dem ersten Trupp, der in der Wohnung war, wissen, was sie gesehen haben“, erklärt Brauer. Es kommt also zu Befragungen der Kameraden, etwa ob Elektrogeräte eingeschaltet waren oder Ähnliches.
  • Betreuung: Daneben ist die Feuerwehr auch Ansprechpartner für Betroffene: „Wir schauen, dass die Bewohner unterkommen – meistens bei Freunden und Verwandten“, so Brauer. Die Feuerwehr habe aber auch schon eine Familie über ein Wochenende in einem Hotel einquartieren müssen. „Wir halten aber auch ein Auge­ auf die Menschen, fragen sie, wie es ihnen geht. Wir lassen sie nicht mit ihrem Scherbenhaufen alleine.“ Dabei helfen etwa örtliche Pfarrer, der Kriseninterventionsdienst oder Mitglieder der Feuerwehr. Außerdem ­erklären die Kameraden den Eigentümern und Mietern, welche Schritte sie nun einleiten, wen sie anrufen müssen – etwa Versicherungen.
  • Übergabe: Zum Abschluss übergibt die Feuerwehr den Einsatzort wieder an den Eigentümer oder die Kripo. Die Kripo übernimmt etwa, wenn noch Ermittlungen zur Brandursache anstehen.
  • Einrücken in den Stützpunkt: Die Feuerwehr kehrt zurück in ihren jeweiligen Stützpunkt. Der Einsatz ist damit noch nicht beendet. Das Feuerwehrauto und die Ausrüstung werden jetzt einsatzbereit gemacht. Schmutzige Ausrüstung muss gesäubert oder ausgetauscht werden, Schläuche und Werkzeuge müssen gereinigt und überprüft werden. Den Marburger Wehren nimmt laut Brauer die Werkstatt an der Hauptfeuerwache die meiste Arbeit ab. Dort können die Einsatzkräfte­ schmutzige Ausrüstung abliefern und aufbereitete Schläuche und saubere Kleidung aufladen.
  • Nachbesprechung: Bei manchen Einsätzen findet eine Nachbesprechung statt. Laut Brauer etwa, wenn es spezielle, schwere Einsätze waren, um gemeinsam über Eindrücke zu sprechen – oder wenn es zu Fehlern kam, um nochmal über die Abläufe zu reden. Die Nachbesprechung findet nicht immer direkt nach dem Einsatz statt, sondern manchmal auch einige ­Tage später.
  • Berichte: Für die Kameraden ist der Einsatz damit abgeschlossen, für die Einsatzleiter noch nicht. Es müssen Berichte und Einsatzprotokolle geschrieben werden, etwa für die Internetseite der Feuerwehr und für die Presse, aber auch für den politisch für die Feuerwehr Verantwortlichen, wie Brauer erläutert. Abgeschlossen ist damit ein Einsatz komplett oftmals erst nach zwei bis drei Tagen.

von Patricia Grähling

Standpunkt: Feuerwehr muss Fragen zulassen

Bei der Debatte um etwaige Verzögerungen beim Feuerwehreinsatz am Steinweg darf man einen zentralen Punkt nicht vergessen: Die Marburger Wehr besteht zum größten Teil aus Ehrenamtlichen, also aus Menschen, die für das Hilfeleisten ihre Freizeit opfern und dabei nicht selten ihre Gesundheit riskieren. Sie sind Profis in dem was sie tun, und ohne den Einsatz der freiwilligen Brandbekämpfer ginge es in Marburg nicht. Man müsste sonst die Systemfrage, also die Schaffung einer Berufs- oder Bezahlfeuerwehr stellen. Und doch müssen sich auch Feuerwehrleute Fragen, bisweilen auch Kritik gefallen lassen. Menschen, im konkreten Fall Dutzende Flohmarktbesucher und somit Augenzeugen, wundern sich über den Einsatzablauf. Sie schildern unabhängig voneinander ebenso nachvollziehbar wie belegbar Probleme. Sie stellen Fragen, suchen Antworten. Das hat nichts mit Böswilligkeit oder Undank zu tun, am ehesten mit Unerfahrenheit. Wer, außer den Rettungskräften selbst, weiß schon, wie genau was wann abläuft? Nur sie können einordnen, ab wann ein Überschreiten der zehnminütigen Hilfsfrist vorliegt und ob es Auswirkungen hat, ob nach neun, zehn oder elf Minuten gelöscht wird. Dieser OP-Artikel soll der Aufklärung dienen.

von Björn Wisker

 

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Direkt neben den Oberstadtkinos brannte eine Wohnung im zweiten Stock. Die Feuerwehr gelangte mit Drehleitern ins Haus.

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