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Von „Eskalation“ bis „alles im Rahmen“

Reaktionen auf Erstsemester Von „Eskalation“ bis „alles im Rahmen“

Anwohner klagen über Lärm und Schmutz während der Orientierungswoche für Erstsemester, aber außergewöhnliche Störungen gab es bisher offenbar nicht.

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Spaß – auch ohne harten Alkohol – hatten diese Erstis.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Willi Acker wohnt in der Savignystraße, er beklagt mangelnden Anstand vieler Studenten. Feiernde und häufig alkoholisierte Studenten würden unterhalb der Mensabrücke ihre Notdurft in den Büschen verrichten, „sogar da, wo in der Nähe Kinder spielen“ – und zwar großes und kleines Geschäft. „Ich habe gesehen, wie sogar Mädchen ihre Röcke rafften und sich hinhockten.“ Er könne zwar nachvollziehen, dass die jungen Leute ihren Studienbeginn feiern. „Dass es aber zu solchen Auswüchsen kommt, dafür fehlt mir jedes Verständnis.“ Er fordert, dass in der OE-Woche mehr Toilettenanlagen aufgestellt werden.

Auch Dorothea Weber beklagt Probleme, es gebe Vandalismus etwa im Südviertel: „Blinde Zerstörungswut“, sagt sie mit Verweis auf beschädigte Blumenkübel und Straßenschilder.

Vergangenes Jahr gab es seitens der Organisatoren der Orientierungseinheiten einen Kursschwenk: weg vom Feier­fokus hin zu mehr Infoveranstaltungs­charakter. Die Sensibilisierung für Probleme wie Alkohol, Lärm und Müll sei erhöht worden, die Abläufe etwa der Stadtrallyes seien aber „stark abhängig“ von den Studenten, die sich am Abspracheprozess beteiligen – was „bei Weitem nicht auf alle Fachschaften zutrifft“, wie es etwa von Theologen heißt. Es seien stets dieselben Fachbereiche, bei denen es „immer wieder eskaliert“, was „ärgerlich“ sei und „für große Probleme, für Generalverdacht gegen alle sorgt“, wie etwa Theologie-Fachschaftsmitglied Patrick Fock nach dem letzten runden Tisch OE Ende 2016 sagte.

Bislang scheinen aber die konzertierten Bemühungen von Stadt, Universität und Fachschaften erste Früchte zu tragen: feiernde Studenten und entsprechende Nebenerscheinungen ja, aber keine ernsthaften Probleme, hieß es gestern Nachmittag. Polizeisprecher Jürgen Schlick sagte, bei der Dienststelle seien im Zusammenhang mit den Orientierungseinheiten keine Straftaten bekannt geworden.

Johannes Maaser, der für das Ordnungsamt der Stadt Marburg die Bemühungen um friedliche OE koordiniert und das Projekt „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“ mit ins Leben gerufen hat, hat bisher eine einzige negative Reaktion auf die OE erhalten – obwohl Stadt und Uni eigens Flugblätter erstellt haben, in denen bei Anwohnern dafür geworben wurde, sich bei Beschwerden bei Maaser direkt zu melden. „So soll vermieden werden, dass Beschwerden ins Leere laufen“, sagt Maaser. Ob die fast ausgebliebene Resonanz ein Indiz dafür ist, dass es weniger Probleme mit den Erstis gibt, will er aber nicht beurteilen.

Marburgs Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) spricht sogar davon, dass es während der OE „außergewöhnlich ruhig“ im Vergleich zu den Vorjahren sei. Beim Ordnungsamt der Stadt sei eine einzige Beschwerde eingegangen, sagte Stötzel.
Zumindest tagsüber sei der Lärmpegel in der Oberstadt erträglich, sagte Stötzel, räumt aber ein: „Es war schon deutlich lauter als sonst – wenn das jeden Tag so wäre, müsste man sich Gedanken machen.“ Der Dialogprozess, der in den vergangenen Jahren angestoßen worden sei, habe „ein Stück weit gefruchtet“, sagte Stötzel, der zudem meint: „Zwei Tage im Jahr kann man das einmal aushalten, die Studenten sollen ruhig feiern.“

Goarik Gareyan, die Ortsvorsteherin des Ortsbeirats Altstadt, sieht das ähnlich. Auch ihr sind bislang keine Beschwerden bekannt geworden, sagte sie auf OP-Anfrage. Dem Ortsbeirat sei aber daran gelegen, Studierenden auch die Befindlichkeiten der eingesessenen Oberstadt-Anlieger deutlich zu machen. Ab dem kommenden Jahr plant der Ortsbeirat deshalb, sich an Informationsveranstaltungen zum Semesteranfang zu beteiligen.

Kritischer sehen es zum Teil unsere Leser und Facebook-Freunde. Auf Facebook schrieb uns Cosima: „Überall betrunkene, grölende junge Menschen.“ Christina Wipprecht meint: „Sollen die Erstis feiern, aber bitte die Straße, die Laufwege und die Türen von Ladengeschäften frei lassen. Leider wird darauf nicht immer Rücksicht genommen, und das Ordnungsamt meint, „das müsste eine Stadt wie Marburg aushalten.“ Und Werner Teppich kritisierte, dass sich die Sportler-Fachschaft „schon sehr asozial, rücksichtslos und US-kiddie-mäßig aufgeführt hat“.

von Till Conrad und Björn Wisker

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