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Pflegerin bestiehlt Senioren

Aus dem Amtsgericht Pflegerin bestiehlt Senioren

Mehrere hundert Euro stahl eine Pflegekraft von den Bewohnern eines ­Altenheims, missbrauchte das ihr entgegengebrachte Vertrauen hilfloser ­Senioren. Dafür musste sich die Mitarbeiterin vor ­Gericht verantworten.

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Die Diebin musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Insgesamt fünf Mal nutzte die angeklagte Altenpflegehelferin die Schutzlosigkeit der in ihrer Obhut lebenden Patienten aus und machte bei der Arbeit lange Finger. Das Strafgericht verurteilte die geständige Angeklagte wegen fünffachen schweren Diebstahls zu einer eineinhalbjährigen Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Ein Berufsverbot erhielt die Pflegerin nicht.

Sie legte mit ihrem Handeln „ein ganzes Stück Einfallsreichtum und kriminelle Energie“ an den Tag, fasste Strafrichterin Barbara Steinmann den Fall zusammen. Die 31-jährige Pflegekraft war im August vergangenen Jahres in einem Marburger Altenheim tätig, kümmerte sich um die Pflege der Bewohner.

Dabei wusste die Mitarbeiterin, dass mindestens zwei der Patienten ihr Bargeld in abgeschlossenen Kommoden in ihren Zimmern aufbewahrten. An die Schlüssel kam die Pflegerin leicht heran, stahl mal 50 Euro, mal bis zu 100 Euro Bares von den Senioren.

Vor allem bei einer alten Dame im Rollstuhl langte sie zu, drehte deren Gefährt extra herum, bevor sie sich an der Schublade zu schaffen machte. Die Bewohnerin war aufgrund ihres Zustands nicht in der Lage, die Diebin davon abzuhalten, konnte sich „nicht selbstständig fortbewegen“, heißt es in der Anklageschrift. Die Hilflosigkeit der bestohlenen Personen war nur ein Grund, weshalb die Sache von Gesetz wegen als besonders schwerer Fall eingestuft wurde.

Die ihr vorgeworfenen Diebstähle gab die sichtlich beschämte Frau unumwunden zu. Sie vernahm die Verlesung der Anklageschrift scheinbar bestürzt, mit hochrotem Kopf und gesenktem Blick. „Es tut mir sehr leid, ich bereue das wirklich sehr“, beteuerte sie unter Tränen vor Gericht. „Die Vorwürfe sind komplett zutreffend“, erklärte Verteidigerin Nadin Nitz. Als Hintergrund nannte sie eine „desolate finanzielle Situation“ ihrer Mandantin. Das Leben der 31-Jährigen sei zum Tatzeitpunkt „aus den Fugen geraten“. Seit ihrer Jugend habe die Frau mit mehreren Schicksalsschlägen zu kämpfen gehabt, müsse den Selbstmord ihres Vaters und einen angeblichen Missbrauch des neuen Partners der Mutter verarbeiten, berichtete die Rechtsanwältin.

Mehrere tausend Euro Schulden hätten sie zu den Diebstählen getrieben, „sie wusste sich nicht mehr zu helfen“. Das gestohlene Geld habe sie bereits in Gänze zurückgezahlt. „Das war mir das Wichtigste – dass die Leute ihr Geld wiederbekommen“, ergänzte die Angeklagte.

Heute habe sie ihre Situation besser im Griff, gehe zur Schuldnerberatung und zahle ihre Schulden ab. Ein Grund ist auch eine neue Anstellung in einem anderen Altenheim. Die Stelle fand die Beschuldigte wenige Monate, nachdem ihr der frühere Arbeitgeber gekündigt hatte. Ihr Job stand während der Verhandlung zeitweise auf der Kippe.

Gericht entscheidet sich gegen ein Berufsverbot

Die Staatsanwaltschaft beantragte ein vierjähriges Berufsverbot. Begründung: Auch wenn sich die geständige Diebin sichtlich „aufrichtig und unrechtseinsichtig“ gab – das Vertrauen der Heimbewohner und ihre Stellung habe sie „grob missbraucht“, betonte der Anklage-Vertreter. Dagegen sah die Verteidigung keinen beruflichen Zusammenhang, der ein Berufsverbot rechtfertigen würde: Nicht zu stehlen sei eine generelle Pflicht, aber „keine berufstypische Pflichtverletzung“, so Nadin Nitz.

Auch Richterin Steinmann sah angesichts der scheinbar geläuterten Angeklagten „keine besondere Gefahr, dass sich die Taten wiederholen“ und entschied sich gegen ein Berufsverbot. Neben der Bewährungsstrafe hat die Beschuldigte 400 Euro Geldstrafe an eine gemeinnützige Organisation zu zahlen. Diesem Vertrauen könne sich die Verurteilte innerhalb der dreijährigen Bewährungszeit als würdig erweisen, andernfalls sehe es düster für sie aus. „Nehmen sie das ernst – sie lassen sich nichts mehr zuschulden kommen“, ermahnte die Richterin die Frau eindringlich.

von Ina Tannert

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