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„Passen wir gut aufeinander auf“

„Tag der Begegnung“ der Jüdischen Gemeinde „Passen wir gut aufeinander auf“

„Wir suchen das Gespräch, um Hass und Vorurteilen keinen Raum zu geben“: Dieser Satz aus der Begrüßungsrede von Amnon Orbach gibt das Motiv für den „Tag der Begegnung“ der Jüdischen Gemeinde.

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Juden und Christen beim „Tag der Begegnung“ der Jüdischen Gemeinde beim Tanzen im Erwin-Piscator-Haus: beim Tanzen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Amnon Orbach (87), Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde und inzwischen Marburger Ehrenbürger, war vor 35 Jahren „der Liebe wegen“, wie er selbst sagt, nach Marburg gekommen und gründete die Jüdische Gemeinde neu, weil er sich ein Leben ohne religiöse Gemeinschaft nicht vorstellen konnte.

Inzwischen sei das Judentum in Marburg wieder das, was es 700 Jahre lang, seit der ersten urkundlichen Erwähnung einer Synagoge 1317, gewesen ist: ein fester Bestandteil der Marburger Stadtgesellschaft.

Jüdische Tänze, jüdische Musik, jüdisches Essen und koscheren (nach den jüdischen Speisegesetzen hergestellten) Wein konnten die Besucher bereits am Nachmittag im Erwin-Piscator-Haus erleben, vor allem aber eins: Gespräche. Die verschiedenen Gesprächsrunden waren ausdrücklich nicht als Podiumsdiskussion, sondern so angelegt, dass Gastgeber und Besucher wirklich in den Dialog kamen.

Antisemitische Drohungen "kein aktuelles Thema"

Etwa zum Thema Antisemitismus: Wie denn die Marburger Jüdische Gemeinde antisemitisch motivierte Bedrohung erlebe, wollte Hannes Eibach wissen. „Glücklicherweise kein aktuelles Thema“, antwortete Monika Bunk, die stellvertretende Vorsitzende. Die Gemeinde erhalte weder Droh- noch Hassbriefe. Gleichwohl werden Veranstaltungen der Jüdischen Gemeinde ebenso wie die Synagoge von Polizisten geschützt.

Daniel Neumann, Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, ergänzte aber, dass die Situation bei größeren jüdischen Gemeinden in Hessen, etwa in Frankfurt, eine andere sei. Nach den Demonstrationen gegen den Gazakrieg 2014 habe sich die Bedrohungslage noch einmal verschärft – äußeres Kennzeichen: die Polizisten, die jüdische Einrichtungen beschützen, wurden mit automatischen Waffen ausgerüstet.

Drohungen gegen jüdische Einrichtungen kämen heute längst nicht mehr nur von rechtsextremistischen Tätern, sondern seien etwa zur Hälfte vom Dschihadismus motiviert.

"Was ich schon immer mal einen Juden fragen wollte"

Der Titel einer zweiten Gesprächsrunde namens „Was ich schon immer mal einen Juden fragen wollte“ erinnert ein wenig an den Titel eines Woody-­Allen-Films, hat aber einen ernsten Hintergrund: „Warum wissen die meisten Menschen so wenig über jüdische Sitten und Gebräuche?“, wollte ein Teilnehmer wissen. „Weil wir so wenige sind“, antwortete Neumann. Weltweit gebe es nur 14 Millionen Juden, in Deutschland sind es 100.000.

328 von ihnen sind zur Zeit in der Jüdischen Gemeinde Marburg organisiert, mit abnehmender Tendenz. Die Zahlen ihrer Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts – 1905 lebten 512 Juden in Marburg – wird sie wohl nicht mehr erreichen.
Dabei präsentieren die Mitglieder eine überraschende Vielfalt.

Zu ihnen gehören beispielsweise ein gutes Dutzend Männer, die vor einem Vierteljahrhundert aus der Ukraine nach Marburg eingewandert sind und in der jüdischen Gemeinde eine Schachgruppe auf die Beine stellten. Auch sie präsentierten sich beim „Tag der Begegnung“ – und erhielten Lob von Monika Bunk: „Bei Wettkämpfen zwischen einzelnen jüdischen Gemeinden schließen unsere Marburger gut ab.“

Einigkeit gegen die Ideen der AfD

Überschattet war der „Tag der Begegnung“ vom Wahlerfolg der AfD bei den Bundestagswahlen am 24. September. Einen „schwarzen Tag in der Geschichte Deutschlands“ nannte Neumann das Ergebnis, der evangelische Propst Helmut Wöllenstein rief in einem Grußwort aus Anlass des Ergebnisses dazu auf: „Lassen Sie uns sehr wachsam sein und den Anfängen wehren – passen wir gut auf, auf uns selbst und aufeinander.“

Und Dr. Bilal Al-Zayat, Vorsitzender der Muslimischen Gemeinde, sprach von der „gemeinsamen Aufgabe aller, dass Rassismus und Menschenfeindlichkeit in Marburg keinen Raum haben.“

Mit den Wählern der AfD müsse man dennoch im Gespräch bleiben, die AfD sei zumindest von ihrer Programmatik keine klar rechtsextreme Partei, sagte Daniel Neumann. Man müsse aber Geschlossenheit zeigen und sich gemeinsam gegen die Ideen der AfD zur Wehr setzen.

40 Prozent der Schüler wissen nicht, was Auschwitz ist

Neumann sieht zwei wesentliche Gründe für Antisemitismus in Deutschland: mangelnde Kenntnis der Geschichte – laut einer Studie wüssten 40 Prozent der Schüler nicht, was Auschwitz ist – und die „moralische Mission“, mit der die Juden von Gott auf die Geschichte „losgelassen“ worden seien: „Wir sind das auserwählte Volk!“ Das bedeute für religiöse Juden eine Verpflichtung, sich zu ihrer Religion, ihren Gebräuchen und Gesetzen zu bekennen, und kein Privileg.

Das wiederum werde in anderen Religionen gelegentlich missverstanden und führe zu Konflikten. Neumann meint aber: „Wir Juden tun uns keinen Gefallen, wenn wir uns zu sehr von unserem Glauben und unseren Gebräuchen entfernen.“
Mit dieser Haltung ist er nicht allein, und Neumann bemühte einen prominenten Kronzeugen, der einmal gesagt hat: „Das, was uns unterschiedlich macht, ist das, was uns ausmacht.“ Das Zitat stammt von Winnieh Puuh: einer Comicfigur.

von Till Conrad

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