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Parteiwille zählte mehr als alles andere

Berufsverbote in der DDR Parteiwille zählte mehr als alles andere

Der Vortrag des Historikers Dr. Stefan Wolle ergänzte die im Rathaus gezeigte Ausstellung „Vergessene Geschichte: Berufsverbote“, die noch bis zum 6. April zu sehen ist.

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Der Historiker Dr. Stefan Wolle sprach in Marburg.

Quelle: Archiv

Marburg. „Grundsätzlich muss man klar sagen, dass es den Begriff ,Berufsverbot‘ so nie in der DDR gegeben hat. Es gab dafür kein Gesetz, keine Dienststellen oder Behördengänge, also an sich keinerlei Grundlage im System. Doch das Perfide an der Partei und dem Vorgehen der Stasi war eben, dass Dinge hinter den Kulissen passierten, und dass der Parteiwille immer mehr zählte als das, was formaljuristisch mal festgeschrieben worden war.“ Mit diesen Worten umschrieb Dr. Stefan Wolle im Lomonossov-Keller am Mittwochabend die Situation zum Thema Berufsverbot in der DDR.

Der Historiker – er veröffentlichte umfangreiche Werke zum Thema DDR, etwa den dreibändigen Titel „Die heile Welt der Diktatur“ – ging dabei detailliert auf die Zielsetzung des Systems ein. „Der Einfluss der Parteioberen war jedem bewusst, es brauchten nur ein paar drohende Formulierungen fallen, um aufkeimenden Widerstand zu brechen.

Diesen enormen Einfluss nutzte die SED, um etwa an Universitäten unliebsame Akademiker rauszudrängen und eigene Günstlinge für operative Aufgaben durchzusetzen, auch wenn diese teilweise fachlich eher ungeeignet waren“, sagte Wolle.

Der Verlust einer solchen Stellung an Universitäten konnte arge Folgen haben, denn die DDR stand immer vor dem Widerspruch, dass sie zwar einerseits dringend hochgebildete Menschen brauchte und folgsame Akademiker wie etwa Ärzte entsprechend mit besserem Gehalt und Privilegien bedachte, es andererseits aber eine ideologische Erhöhung des Arbeiters gab.

Einfacher war es für prominente Musiker

„Es gab dann auf den Papieren den Buchstaben A für Arbeiter, das war am besten, I für Intelligenz und S für selbstständig, da war man ganz unten durch, obwohl die Wirtschaft diese Leute brauchte. Wer als Akademiker in Ungnade fiel und seine Privilegien verlor, der hatte unter Umständen dann gar keine Möglichkeit, Geld zu verdienen“, sagte der Historiker.

Wolle weiß, wovon er spricht, er selbst flog wegen als zersetzend eingestufter Äußerungen für ein Jahr aus der Uni und arbeitete in dieser Zeit in einer Fabrik. „Zum Glück hatte die DDR immer einen gewissen pädagogischen Ansatz, wenn man sich dann als nun echter Arbeiter anstrengte und an den richtigen Vorgesetzten geriet, konnte man sich die Gunst wieder erarbeiten. Schließlich stand ich dann vor einer Kommission, der ich was vom großen Wandel hin zum aufrechten Marxisten vorlog, wobei wir alle wussten, dass das reines Theater war. Jedenfalls durfte ich zurück an die Uni, und der Typ, der in der Kommission den Vorsitz hatte, flüchtete einen Monat später in den Westen, es war eine absurde Zeit.“

Einfacher war es da für besonders prominente Musiker wie etwa Wolf Biermann, ihm verbot die SED zwar Auftritte innerhalb der DDR, wagte aber nicht, ihm Auslandsauftritte zu versagen und behielt stattdessen große Teile des Verdienstes ein.

In der anschließenden Diskussion stellten die rund 30 Zuhörer vor allem Fragen zu den ernsten Konsequenzen. Wolle sagte dazu: „Natürlich konnte das viel gravierender verlaufen als etwa bei mir, die gekappten Lebensläufe, wo der Zugang zum Abitur und Studium verbaut worden war, ließen sich ja nach der Wende nicht mehr einfach reparieren, da wurden viele Karrieren zerstört. Auch wer im Gefängnis saß wegen seiner kritischen Meinung, galt deswegen im wiedervereinten Deutschland ja noch lange nicht per se als Held, den der Arbeitsmarkt empfangen hätte.“

von Marcus Hergenhan

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