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Oma hilft bei Heroinhandel

Aus dem Landgericht Oma hilft bei Heroinhandel

Zwei Männer betreten den Gerichtssaal, der eine 43 Jahre alt, groß und mit finsterem Blick, der andere zehn Jahre jünger, kleiner und unruhiger, beide sind sie wegen Heroinhandels angeklagt.

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Die angeklagten Männer sind selbst drogensüchtig.

Quelle: Archiv

Marburg. So weit passt das Bild in die gängigen Vorstellungen, auch ist der Ältere der beiden Marburger erwartungsgemäß als Kopf des Unternehmens zu bezeichnen. Beide gestanden ihre Taten bereits am ersten Verhandlungstag. Zu den beiden gehörten noch ein nicht ermittelter, russischstämmiger Lieferant aus Gießen und diverse „Läufer“, welche mindestens im observierten Zeitraum von April bis August 2016 das Heroin am Bahnhof von den Angeklagten erhielten und verteilten.

Ganz und gar nicht in das Bild passt aber die dritte Person, die am zweiten Verhandlungstag den Gerichtssaal betrat und sich ebenfalls vor Richter Dr. Frank Oehm verantworten musste. Es handelt sich um die 85-jährige Mutter des Rädelsführers, die ebenso wie ihr Sohn und sein Komplize aus dem Volk der Sinti stammt. Durch ihre Herkunft erklärt sich auch die tragische Geschichte: Als Kind kam sie in ein Konzentrationslager, wurde­ sterilisiert, adoptierte später ­ihren Sohn, der seit Jahren mit wechselndem Erfolg gegen die Heroinsucht kämpft. Trotz der Rente, die aufgrund ihres Status‘ als Holocaust-Überlebende und Witwe rund 2 100 Euro beträgt, reichte das Geld nicht für den Lebenswandel der Familie und Freunde. „Wenn wir uns die Videospiele nicht leisten können, dann gehen wir raus, und wenn wir raus gehen, dann machen wir Unsinn, willst du das?“ So lautete eine abgehörte Aussage des Mitangeklagten gegenüber der Rentnerin. Er lebte zeitweilig im Nachbarwohnwagen.

Also half sie beim Rauschgifthandel aus, fuhr etwa ihren Sohn zum Bahnhof, wo dieser die kleinen gelben Heroinplomben an die Läufer weiter verteilte, wenn diese ausverkauft waren. Dabei war die Seniorin aber weder allein Opfer der Umstände, noch nur gutgläubige Aushilfe. So konnte nachgewiesen werden, dass sie bei ihren Enkeln nachfragte, wie es mit Zusatzeinnahmen aus dem Cannabishandel aussehe und mehrfach am Telefon darauf hinwies, dass einige Kunden noch Schulden hätten.

Dabei wurde die Tonlage auf den Überwachungsausschnitten durchaus energisch. „Ihr glaubt wohl, das Geld fliegt nur so“, herrschte sie den jüngeren der beiden Männer an. Der 33 Jahre alte Komplize, der selbst immer wieder nach schwerem Heroinmissbrauch in Entgiftungskliniken eingeliefert wurde, war selbst als Läufer in dem kleinen Familienunternehmen gestartet und später auch für die Verteilung zuständig. Wie die Angeklagten einräumten und vom zuständigen Ermittlungsleiter bestätigt wurde, holte der Ältere von beiden etwa alle zwei Wochen rund 35 Gramm Heroin aus Gießen, etwa diese Menge wurde auch an Reserven im durchsuchten Wohnwagen gefunden. Die bislang ermittelten Läufer wurden mit zwei „Plomben“, also etwa 0,4 bis 0,5 Gramm Heroin am Tag bezahlt und verkauften jeweils die fünf- bis zehnfache Menge, wobei es regelmäßig zu Streitigkeiten wegen zu großen Eigenkonsums und Qualitätsproblemen kam.

Illegale Geschäfte fielen schnell Passanten auf

Da die beiden Angeklagten ihre Untergebenen stets am Parkdeck des Bahnhofs belieferten und dort oft handelten, fielen ihre illegalen Geschäfte schnell Passanten auf, die der Polizei einen Tipp gaben. Wie lange die Geschäfte liefen, ist kaum zu ermitteln. Da noch einige Details rund um die Menge der Ware,­ die weiteren Beteiligten und die Straffähigkeiten sowie möglichen Therapiemaßnahmen zu klären sind, wird die Verhandlung am Mittwoch, 26. April, fortgesetzt.

Staatsanwalt Sebas­tian Brieden stellte fest: „Sicher stehen bei beiden längere Klinikaufenthalte an, über die Dauer der Haft möchte ich noch nicht spekulieren. Bei der Mutter kann man zwar sicher davon ausgehen, dass sie genau wusste, was da abläuft, aber natürlich hat die Staatsanwaltschaft angesichts ihres Alters und der Vorgeschichte kein Interesse an einer Inhaftierung, zumal davon auszugehen ist, dass sie ohne ihren Sohn keinen weiteren Handel betreiben wird.“

von Marcus Hergenhan

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