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Nutzer-Streit überlagert Konzept-Duell

Privatisierung Nutzer-Streit überlagert Konzept-Duell

Die Lokschuppen-Investoren buhlen um die Gunst der Marburger. Bei der Vorstellung der Nutzungskonzepte entzündete sich aber vor allem Kritik an dem Konzept, das die Präsenz des "Christus Treffs" vorsieht.

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Lokschuppen an der Waggonhalle in Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Applaus brandet auf, Buhrufe schallen durch den Saal als eine Demonstrantengruppe auf dem Oberrang im Stadtparlament ein Banner enthüllt: „Kein Raum für Sexismus, Homophobie und religiösen Fundamentalismus“ steht darauf geschrieben. Es ist der Moment, als Gunter Schneider, Geschäftsführer Optik Schneider, bei seiner Lokschuppen-Konzeptvorstellung auf die Integration des „Christus Treffs“ (CT), der im baufälligen Werkstattgebäude eine Kindererlebniswelt aufbauen und einmal wöchentlich im Veranstaltungssaal Gottesdienst halten will, zu sprechen kommt.

Die Kritik: „Der CT steht im Widerspruch zu all dem, was auf dem Waggonhallenareal stattfindet. Bei denen werden diskriminierende Inhalte vertreten, nicht unbedingt offen geäußert, aber mindestens toleriert“, sagt Marie Demandt, Ortenberg-Anwohnerin. „Deren Wertvorstellung insgesamt ist problematisch, und es ist eine politische Entscheidung, ob man denen noch mehr Räume als ohnehin schon überlässt oder eben nicht - denn es gibt schon zu viele evangelikale Strukturen in der Stadt“, ergänzt Katharina Nickel. „Harmlos sind diese Evangelikalen nicht, vielmehr sind sie ein Problem, sie passen nicht zu Marburg, schon gar nicht zu dieser Umgebung“, sagt Michael Horstmann.

Die Demonstranten verweisen auf eine umstrittene Tagung in Marburg vor acht Jahren, damals fand der „6. in­ter­na­tio­na­le Kon­gress für Psy­cho­the­ra­pie und Seel­sor­ge“ statt - Kritiker warfen den Organisatoren, Evangelikale, und speziell einem Redner unter anderem vor, Ho­mo­se­xua­li­tät als Krankheit darzustellen. Der CT wies die Vorwürfe in einer Stellungnahme zurück, man sei weder „homophob“ noch „religiös-fundamentalistisch“, als Christen respektiere man die „Lebensentscheidungen eines jeden Menschen“.

Spies für Anti-Diskriminierungsklausel

Zu diesen während der Konzeptvorstellung neuerlich erhobenen Vorwürfen äußerte sich Matthias Schäfer im Auftrag des CT-Vorstands: „Egal wie die sexuelle Ausrichtung eines Menschen ist und egal woher er kommt: Alle sind uns willkommen, wir wollen missionieren im Sinne von begeistern, aber nicht im Sinne von Vorschriften machen - eine Gesinnungsprüfung liegt uns fern.“ Auch Gunter Schneider, dem Demonstranten persönliche Verflechtungen in die Religionsgemeinschaft vorwarfen, distanzierte sich:„Sexuelle Orientierung und ethische Herkunft sind uns völlig egal.“

Von den rund 300 Zuhörern gab es zwar größtenteils Kritik am CT, darunter Schmähungen und Buhrufe einer Besuchergruppe. Zuhörer Patrick Bösser hingegen verteidigte das Engagement der Religionsgemeinschaft: „In ihrem Gebäude in der Sudetenstraße am Richtsberg etwa haben sie für Belebung gesorgt, da wird viel Gutes gemacht.“

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) versuchte zu vermitteln: „Eine Gefahr, eine Schädigung des Gesamt-Arrangements Waggonhallen-Areal durch den CT erkenne ich nicht. Wir verbieten sicher nicht das Abhalten von Gottesdiensten, das ist absurd. Aber es kann auch niemand wollen, dass man sich am Ortenberg ins Gehege kommt.“ Der OB will nun im Falle eines Zuschlags an Schneider eine Anti-Diskriminierungsklausel in die Verträge einbetten.

von Björn Wisker

Das sind die Detail-Planungen der Investoren

Veranstaltungshallen-Schwerpunkt oder Zentrum für Unternehmensgründer: Angesichts des Nutzer-Streits rückte die grundsätzliche Ausrichtung der Investoren-Pläne in den Hintergrund. Das sind die Detailplanungen.

„Die Geschichte des Gebäudes wollen wir nachzeichnen“, sagt Bernhard Paulick (Architekt Optik Schneider). „Der Charme des Industriecharakters zu erhalten und zu stärken, ist unser Hauptanliegen. Die Vergangenheit soll nicht überdeckt werden, Graffiti etwa sollen sichtbar bleiben, eine Verfallsgeschichte soll ablesbar bleiben. Das ist für die Seele und Atmosphäre wichtig.“ Die Proportionen und den Charakter des Lokschuppens wolle man erhalten, die Nutzung im Inneren sehe eine Dreiteilung vor: Einen Veranstaltungs-, einen Kreativ- und einen in der Mitte des Gebäudes angesiedelten gläsernen Freiraum. Die Drehscheibe im Außenbereich sei ein wichtigstes Element des Areals, daher wolle man diese reparieren, funktionstüchtig machen – zu touristischen Demonstrationszwecken. Die Veranstaltungshalle, so konkretisiert Guntram Schneider, fasse zwischen 200 und 650 Personen – von Tagungen und Messen bis zu Hochzeiten sei darin alles denkbar. Im Kreativbereich würden – ähnlich wie bei Konkurrent C+P – Arbeitsräume für Kleinunternehmen, für Foto-Ateliers oder Künstler bereitgestellt.

Wohnungsbau verworfen, Hotel-Idee wird überdacht

Auf diesen Aspekt legt C+P indes seinen Schwerpunkt: Der Lokschuppen soll Marburgs Zentrum für Unternehmensgründer, Sammelplatz für innovative Firmen, die Räume mieten, werden. „Software, Musik, Werbung: Die Kreativwirtschaft ist ein Wirtschaftsfaktor, der ebenso unterschätzt wie wachstumsstark ist. Dieser Wirtschaftszweig braucht einen Platz in Marburg, solche Unternehmensgründer machen die ganze Stadt wettbewerbsfähig für die Zukunft, hier kann eine Drehscheibe für Ideen entstehen“, sagt Karen Weitzel, Projektmanagerin. In der Umsetzung setze man auf „behutsame Veränderungen, möglichst wenig Eingriffe in die Substanz“ soll es laut Architekt Stefan Lappe geben. „Das soll keine lasche Sanierung sein, aber wir wollen heute nichts festlegen, was in einigen Jahren nicht mehr gebraucht wird. Die Rückbaubarkeit von Elementen etwa ist daher gewährleistet.“

Man wolle­ „Altes ergänzen, ohne dass es seinen Ausdruck verliert“ und gleichsam die vorhandenen Strukturen – etwa Waggonhalle, Rotkehlchen und Kletterhalle – nicht behindern. Konkurrenz zu Bestehendem, das befürchtet Linken-Stadtverordnete Elisabeth Kula im Hinblick auf die Gastronomie-Integration im Schneider-Konzept in Bezug auf die angrenzende Gaststätte (C+P sieht keine Gastronomie vor).

Auto-Stellplätze sollen bei beiden Konzepten über Parkhäuser geschaffen werden.

Optik Schneider rechnet mit einem Baubeginn im Frühjahr 2018, mit Fertigstellung im Herbst 2019 und 12,4 Millionen Euro Investitionsvolumen – davon entfallen 2,4 Millionen auf den „Christus Treff“ (CT), der in das Werkstattgebäude ziehen will. Dessen Erhalt ist für Schneider ein „zentrales Anliegen“, der CT plane darin die Einrichtung eines Elterncafes, Kinderkulturarbeit, Kindergeburtstage und Hausaufgabenhilfe.  C+P-Architekt Lappe sieht eine­ Rettung des Werkstattgebäudes wegen des Beschädigungsgrads „eher skeptisch“. Nach dessen Abriss würde am Standort ein noch nicht näher beschriebenes Hotel – exklusiv für ­Unterstützer, Projekthilfsarbeiter der anzusiedelnden Startups – gebaut. Mehrere der 300 Zuhörer im Saal äußerten Kritik an einer Zerstörung des denkmalgeschützten Gebäudes, mahnen den Investor zur Modifikation des Vorhabens. Der signalisiert ein Entgegenkommen: „Man braucht dort nicht unbedingt ein Hotel, auch andere Dinge sind vorstellbar – und wenn es tatsächlich irgendwie geht, das Werkstattgebäude zu erhalten, und es sich rechnet, machen wir auch das“, sagt Lappe.

Aktuell plant C+P mit einem Baubeginn im Frühjahr/Sommer 2018, Kosten von 8,1 Millionen Euro sind kalkuliert – sofern man nicht von einer vertraglich zu verankernden Ausstiegsklausel gebraucht macht (OP berichtete). Gunter Schneider versicherte, ein solches Recht nicht zugestanden haben zu wollen. „Wir kaufen, weil wir es können, es wollen und der Stadt Planungssicherheit garantieren.“

von Björn Wisker

Kommentar

Unterstellungen und Häme, permanente Zwischenrufe und abfällige Gesten gegenüber einem Investor und möglichen Gebäudenutzer: Demonstranten legten bei der Lokschuppen-Konzeptpräsentation einen unterirdischen, ebenso respektlosen wie kindischen Auftritt hin. Die selbsternannten Beschützer der angeblich vom „Christus Treff“ diskriminierten Homosexuellen lieferten im Saal des Parlaments ein Meisterstück an Intoleranz und mangelnder Diskussionskultur ab. Investor Schneider und ein Religionsgemeinschafts-Vertreter konnten sich von Vorwürfen distanzieren wie sie wollten, das Weltbild auf der Protestierer-Seite war zu festgelegt. Wenn also das die Toleranten, die aufgeklärten Demokraten, die Gutbürger sind, muss einem in Hinblick auf die Gesellschaftsentwicklung Angst und Bange werden. Jedenfalls mehr als vor den, wenn man sie so bezeichnend will, evangelikalen Sonderlingen.

von Björn Wisker

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Die OP hat Besucher der Lokschuppen-Info-Veranstaltung befragt. Foto: Thorsten Richter

Veranstaltungshallen-Schwerpunkt oder Unternehmensgründer-Zentrum: Die OP hat mit Besuchern der Informationsveranstaltung zur Lokschuppenzukunft gesprochen.

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