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NS-Zeit warf Schatten auf Klinik

Kinder- und Jugendpsychiatrie NS-Zeit warf Schatten auf Klinik

Über die Verstrickung von zwei Gründervätern der Marburger Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in das System des Nationalsozialismus referierte Professor Helmut Remschmidt.

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Das Haupthaus der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Ortenberg wurde 26 Jahre lang von Professor Helmut Remschmidt geleitet.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Er war Zeitzeuge und in den vergangenen Jahrzehnten ein weltweit entscheidender Mitgestalter des Fachs Kinder- und Jugendpsychiatrie: Insofern war der emeritierte Professor Helmut Remschmidt – von 1980 bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden 2006 Leiter der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie – ein idealer Referent für einen Fachvortrag über die Geschichte seines Fachs am Montag im Staatsarchiv. Und diese Geschichte­ hatte besonders in der Zeit des Nationalsozialismus einiges an Schatten aufzuweisen. Dazu zählte Remschmidt besonders die staatlich betriebene Zwangssterilisa­tion von jungen psychisch Kranken – beispielsweise aufgrund von Diagnosen wie Schwachsinn oder Idiotie.

Daran seien auch Nervenärzte beteiligt gewesen. So seien auch Uni-Psychiater damals als Gutachter an der sogenannten „T 4“-Aktion der Nationalsozialisten beteiligt gewesen. Unter der Überschrift „Vernichtung unwerten Lebens“ wählten diese Gutachter psychisch kranke Patienten für den Abtransport in die Tötungsanstalten aus.

Zwar wurde die Marburger Uni-Klinik für Kinder- und ­Jugendpsychiatrie erst im Jahr 1947 gegründet. Jedoch habe­ ­die NS-Zeit ihren „dunklen Schatten“ dennoch über die ­Anfangsjahre in Marburg gelegt, erläuterte Remschmidt.

Denn die beiden Marburger Gründerväter Werner Villinger (1887 bis 1961) und Hermann Stutte (1909 bis 1982), beide­ zuvor Professoren in Tübingen, waren beide als Psychiater in das NS-System verstrickt. Dies erläuterte Remschmidt zunächst am Beispiel Villingers, dem kurz vor seinem Tod im Jahr 1961 in einem Gerichtsverfahren der Vorwurf der Erstellung ­von „T 4-Gutachten“ in der NS-Zeit gemacht wurde.

Die Spur dieser Vorwürfe, auf die vor einigen Jahren bereits der Marburger Sozialpädagoge Dr. Wolfram Schäfer hingewiesen hatte, verfolgte jetzt auch Remschmidt, indem er unter anderem in mehreren Archiven recherchierte und Akteneinsicht nahm. Das Gerichtsverfahren sei damals eingestellt worden, weil kein sicherer Nachweis der Erstellung von „T 4“-Gutachten“ in seiner Zeit als Ordinarius für Psychiatrie in Breslau von 1940 bis 1945 geführt worden sei. Eine Beteiligung Villingers an den NS-Verbrechen sei zumindest fraglich, sagte Remschmidt. Laut bereits vor einigen Jahren publizierten Forschungsergebnissen von NS-Forschern war Villinger in seiner Zeit als Chef der Bodelschwingschen Anstalten in Bethel mit seinen Gutachten für zahlreiche Zwangssterilisationen von Heimzöglingen. ­Darauf ging Remschmidt in seinem Vortrag nur kurz ein.

Gutachten zur Zwangssterilisation

Im Gegensatz zu Villinger, der nach dem Krieg von der Ent­nazifizierungsbehörde als entlastet eingestuft wurde, galt Hermann Stutte (1909 bis 1982) als Mitläufer in der NS-Zeit. So sei seine Mitwirkung an Gutachten zur Zwangssterilisation von Jugendlichen und Erwachsenen in seiner Tübinger Zeit nachgewiesen. Zudem habe Stutte zwischen 1933 und 1945 erbbiologische Untersuchungen an Fürsorge-Zöglingen durchgeführt. Allerdings würde man diese Untersuchungen heutzutage wahrscheinlich „genetische Untersuchungen“ nennen, schränkte Remschmidt ein.

Stutte habe nach dem Krieg die Kinder- und Jugendpsychiatrie der Marburger Universität mit aufgebaut und auch 1952 die „Bundesvereinigung Lebenshilfe“ mitgegründet, erklärte Remschmidt den weiteren Lebensweg Stuttes.
Zudem habe er sich gewandelt: So sei er vom Exponenten einer repressiven Erziehung zum ­Vorkämpfer einer modernen Erziehung geworden.

Die Frage, warum die Aufarbeitung der Verstrickung der Uni-Psychiater in den Nationalsozialismus in den Fachgesellschaften erst so spät erfolgt sei, beantwortete Remschmidt vielschichtig. Vielleicht sei eine bestimmte Distanz zu den Geschehnissen aus der Vergangenheit erforderlich, und man habe deswegen oft auch gewartet, bis die handelnden Akteure nicht mehr gelebt hätten. Dennoch seien da vielleicht Versäumnisse gemacht worden, bekannte Remschmidt.
Zwar habe er Stutte noch selber gekannt. Er habe aber mit ihm nie über seine Rolle in der NS-Zeit gesprochen. Aber als junger Nachwuchsforscher habe­ Remschmidt, der 1968 zum ersten Mal an die Uni Marburg gekommen war, sich eher mit eigenen Forschungsprojekten beschäftigt und habe  als Kriegsvertriebener vom Krieg nichts mehr wissen wollen. Diejenigen Psychiater, die in der NS-Zeit ­„Täter“ gewesen seien, hätten danach vornehmlich versucht, „ihre Haut zu retten“.

von Manfred Hitzeroth

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