Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 6 ° bedeckt

Navigation:
Moschee weist Salafismus-Vorwürfe zurück

Islam Moschee weist Salafismus-Vorwürfe zurück

Viele Moslems in Marburg sehen sich seit den Extremismus-Vorwürfen gegen die "Dar Al-Salem"-Moschee am Richtsberg Verdächtigungen ausgesetzt. Die Gemeinde wehrt sich nun gegen Verdächtigungen.

Die „Dar Al-Salem“-Gemeinde wehrt sich gegen Extremismus-Vorwürfe.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Moschee-Gemeinde spricht gegenüber der OP von einer „Verleumdungs-kampagne“. Badreddine Chabaoui, Vereinssprecher, sagt: „Wir sind keine Salafisten und möchten auch nicht als solche betitelt werden. Wir sind lediglich praktizierende Muslime, die ihren Glauben in Frieden leben wollen.“ Die Priorität in der Gemeinde liege auf Werten wie Güte und Frömmigkeit, Nachsicht und Barmherzigkeit seien Kernbotschaften. Weder der Verein noch seine Mitglieder „gehören irgendwelchen Sekten und fragwürdigen politischen Parteien an“. Man arbeite mit Männer, Frauen und Kindern, helfe Flüchtlingen. „Dabei bewegen wir uns in keinster Weise auf salafistischen Wegen.“

Konservativer, aber nicht radikal

Mehrere Moslems von „Dar Al-Salem“ sollen nach OP-Informationen bis 2015 in der Marbacher Omar-Ibn-Alkhattab-Moschee gebetet, die dort vertretene Islam-Auslegung aber als zu liberal empfunden haben. Daher habe es eine – wie es im Stadtteil-Magazin „Richtsberg Aktiv“ heißt – „Alternative zum bisherigen Angebot“ geben sollen. Konservativer, aber nicht radikal oder gewaltbereit seien die Ansichten, wie Muslime, die einige „Dar Al-Salem“-Anhänger kennen, zur OP sagen. Viele würden zwar „Vorstellungen eines Ur-Islam“ anhängen, das bleibe aber Privatsache; Gewaltverherrlichung oder Terror-Sympathien habe man nicht erlebt, wie Szene-Kenner sagen.

Anders ist die Situation in Kassel. Vor einem halben Jahr verbot das Landesinnenministerium die dortige Medina Moschee. Dem „Almadinah Islamischen Kulturverein“ wurden salafistische Predigten samt Gewaltaufrufen nachgewiesen. Das verstoße gegen die Völkerverständigung und gefährde die verfassungsmäßige Ordnung, begründete das Ministerium den Schritt. 2016 stand bereits die Sunnah-Moschee in Fulda unter Beobachtung, der angeschlossene Verein „Muslime Fulda“ und die Gemeinde seien „salafistisch beeinflusst“, hätten speziell in und um Flüchtlingseinrichtungen Asylbewerber dazu motivieren wollen, in Syrien oder Irak zu kämpfen.

An der islamischen Frühzeit orientiert

Unter Salafismus versteht man laut deutschen Sicherheitsbehörden indes eine Ideologie, die sich an den Vorstellungen der ersten Muslime und der islamischen Frühzeit orientiert. Der Salafismus, dem in allen Ausprägungen ein erzkonservatives Weltbild eigen ist, ist jedoch keine einheitliche Bewegung. Während sich Anhänger dieser sunnitischen Denkrichtung in ihren Auffassungen – der Umgestaltung von Staat und Gesellschaft auf Grundlage religiöser Normen – zwar grundsätzlich ähneln, unterscheiden sie sich in ihren Handlungen, dem praktischen Ausleben ihres Glaubens, gerade in Bezug auf Gewalt. Die Wissenschaft unterscheidet drei salafistische Handlungsstile.

Individuelle Frömmigkeit

Puristischer Salafismus: Die Formulierung bezieht sich auf die „Reinheit der Lehre“. Alle angeblich oder tatsächlich nicht-islamischen Bestandteile oder Einflüsse werden aus dem eigenen gesellschaftlichen und religiösen Selbstverständnis ausgeschlossen. Diese Auffassung ist allgemein dem Salafismus eigen. Als Besonderheit des puristischen Salafismus gilt, dass seine Akteure allein auf die individuelle Frömmigkeit abzielen, welche erhöht und erweitert werden soll. Dabei geht es nicht um eine gesellschaftliche Dimension, etwa durch Gewinnung von sozialer Akzeptanz. Vielmehr beschränkt man sich darauf, den jeweiligen Gläubigen in Richtung der eigenen Islam-Interpretation zu festigen. Anhänger des puristischen Salafismus agieren in der Regel nicht öffentlich, und man kann auch keine politischen Aktivitäten konstatieren. Eine gesellschaftliche Islamisierung erwarten Angehörige dieser Strömung als automatische Entwicklung aus dem individuellen Glauben.

„Dar Al-Salem“ neige, so sagen es Islamkenner, am ehesten dieser Handlungsform zu.

Politischer Salafismus

In Bezug auf die Gesellschaft vertreten die Anhänger eines „politischen Salafismus“ eine andere Auffassung. Sie fordern sowohl gegenüber anderen Muslimen als auch Nicht-Muslimen aktiv und offensiv die Ausrichtung und Umorientierung der Gesellschaft und des Staates im Sinne ihrer Deutung des Islam. Dies geschieht etwa durch Agitation in Gestalt von öffentlichen Missionierungen und Predigten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der muslimischen Gemeinde. „Politischer Salafismus“ bedeutet nicht, dass sich seine Akteure demokratischer Instrumente wie Parteien, Wahlen oder Volksentscheiden bedienen – säkulare Beteiligungsformen an politischen Prozessen akzeptieren Vertreter des politischen Salafismus nicht. Die Aktivitäten sind zumeist auf Propaganda, speziell in sozialen Netzwerken im Internet ausgerichtet – und Gewalt von anderen Salafisten wird oft akzeptiert, gutgeheißen, aber diese nicht als Option für das eigene Handeln gesehen.

Terroristischer Salafismus

Die Anhänger des „terroristischen Salafismus“, der auch als „dschihadistischer Salafismus“ bezeichnet wird, sehen in der Anwendung von Gewalt hingegen ein legitimes Mittel, um die eigenen politischen und religiösen Auffassungen soziale Realität werden zu lassen. Anschläge und Attentate richten sich ebenso gegen Nicht-Muslime wie gegen Anhänger anderer islamischer Strömungen, die als Abweichler oder Verräter gelten.

Deutschlandweit werden vom Verfassungsschutz derzeit 10 300 Anhänger gezählt (Hessen: 1650). Die Mehrzahl der salafistischen Akteure und Gruppierungen in Deutschland gehört dem politischen Salafismus an, sie wollen Nicht-Muslime und nicht-salafistische missionieren. Der politische gilt als Vorstufe zum dschihadistischen Salafismus, das verbreitete Gedankengut bilde „den Nährboden für eine islamistische Radikalisierung“, heißt es vom Verfassungsschutz.

Der Muslimbruderschaft zugeneigt

Viele Muslime in der Universitätsstadt galten in den vergangenen Jahren als der Muslimbruderschaft zugeneigt. Das zeigte sich zuletzt 2016, als die Islamische Gemeinde Sheikh Taha Amer zur Feier „60 Jahre Muslime in Marburg und 30 Jahre Moschee“ eingeladen hatte. Sheikh Taha Amer ist im Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland (RIGD), der vom Hessischen Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wird. Die Gemeinde selbst ist Teil der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die laut Verfassungsschutz „größte Organisation, die die Ideologie der Muslimbruderschaft vertritt“. Die IGD versuche, „durch soziales und religiöses Engagement sowie durch Dialogangebote Akzeptanz in der Gesellschaft zu finden, letztlich zielt dies aber darauf ab, die Ideologie der Muslimbruderschaft gesellschaftsfähig zu machen“.

Muslimbrüder erkennen demokratische Prozesse an

Deren Ideologie weist Überschneidungen mit dem Salafismus auf, jedoch auch wesentliche Unterschiede: Muslimbrüder lehnen die Beteiligung an demokratischen Prozessen etwa über Parteien und Wahlen nicht ab. Frauen spielen sowohl in der praktischen Arbeit wie auch in der Hierarchie eine bedeutende Rolle. Der Koran wird nicht im Wortlaut verstanden, sondern kann zeitgenössisch interpretiert werden.

von Björn Wisker

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr