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#MeToo: Solidarität gegen Sexismus

Marburger Studie #MeToo: Solidarität gegen Sexismus

Unter dem Hashtag #MeToo solidarisieren sich Zehntausende Frauen, die Opfer sexueller Belästigung wurden. Was der Aufschrei zeigt: Das Problem scheint größer zu sein als angenommen.

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Eine unangenehme Berührung oder ein Blick: Sexuelle Belästigungen passieren häufig nebenbei und wirken zufällig.

Quelle: Jens Kalaene

Marburg. Marburg. Eine Frau schreibt auf Twitter: „#MeToo: Als ich 16 war, greift mir der Koch im Großküchenferienjob ständig in den Schritt und betatscht mich. Die KollegInnen sagen NICHTS.“ Eine andere: „Ein Kino, ca. 2005. Freundin rechts. Ein alter Mann rückt auf, links neben mir, während des Films. Grabschend. Beschissenste 10 Min. #metoo“. Und eine weitere berichtet: „#MeToo: Ein aufdringlicher Flirtversuch, ein nicht akzeptiertes Nein, KO-Tropfen im Bier, in eine Ecke geschleift werden, Hände überall.“

Das Ausmaß sexueller Belästigung lässt sich kaum bestimmen, denn nur wenige Opfer sprechen darüber. So war es zumindest bis vor acht Tagen – seitdem berichten Frauen weltweit unter dem Hashtag #­MeToo im Internet von ihren Erfahrungen. Was der Aufschrei zeigt: Das Problem scheint größer zu sein als bislang angenommen. Seither läuft die Debatte über sexualisierte Gewalt online wie offline.

Amend-Wegmann: „Ein sehr schambesetztes Thema“

Dass die Debatte mehr in die öffentliche Wahrnehmung rückt, findet Dr. Christine Amend-Wegmann, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Marburg, sinnvoll. „Wenn man ehrlich ist, müsste jede Frau schreiben, dass ihr das auch schon passiert ist“, sagt sie. Auch beim Gleichberechtigungsreferat gehen Beschwerden über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und alltäglichen Sexismus ein. „Viele beschweren sich über sexualisierte Werbung“, macht Dr. Amend-Wegmann deutlich. Die Dunkelziffer bei sexueller Belästigung ist noch deutlich höher, meint sie. „Es ist ein sehr schambesetztes Thema“, sagt Dr. Amend-Wegmann. Insbesondere verbale Übergriffe werden laut der Frauenbeauftragten oftmals verharmlost. „Besonders am Arbeitsplatz treffen sexuelle Belästigungen Frauen hart, weil sie überhaupt nicht damit rechnen“, sagt sie.

Rund die Hälfte der Befragten schon einmal Opfer von sexuellen Beschimpfungen

Doch geht sexuelle Gewalt gegenüber Frauen nur von älteren Männern aus? Die Studie einer Marburger Forscherin zeigt klar: Nein! Sabine Maschke von der Philipps-Universität hatte gemeinsam mit Ludwig Stecher von der Justus-Liebig-Universität in Gießen mehr als 2700 Schüler im Alter zwischen 14 und 16 Jahren befragen lassen (die OP berichtete). Das Ergebnis: Rund die Hälfte der befragten Jugendlichen wurde bereits Opfer von sexuellen Beschimpfungen. Knapp ein Viertel der Jugendlichen gab zudem an, gegen den Willen schon einmal angefasst, geküsst oder an den Geschlechtsteilen berührt worden zu sein. Dies gelte vor allem für Mädchen. Das besondere: Die verbale oder körperliche sexuelle Gewalt gehe vor allem von Gleichaltrigen aus, erklärte Maschke bei der Vorstellung der Studie in Wiesbaden.

Bei sexueller Belästigung ist Freiheitsstrafe möglich

Laut Sozialpsychologin Sandra Schwark hemmt viele Frauen die schlechte Aussicht auf Erfolg vor Gericht davor, sich zu „outen“. Doch sexuelle Übergriffe sollen nun leichter zu verfolgen sein. Seit Juli 2016 gibt es in Deutschland ein verschärftes Sexualstrafrecht. Dem Gesetz zufolge kann sexuelle Belästigung, wie zum Beispiel Grapschen, mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden.

Die Idee hinter der Netz-Kampagne #MeToo ist indes nicht neu. Vor vier Jahren löste der Hashtag #Aufschrei die in Deutschland bis dahin größte Sexismus-Debatte aus. „Damals wurden exakt die gleichen Themen wie bei #MeToo diskutiert, verändert hat sich das Verhalten der Männer aber nicht“, sagte Teresa Bücker, Chefredakteurin des Frauenmagazins „Edition F“, dem WDR.

Vielleicht ist es dieses Mal anders. Seit kurzer Zeit kursiert auf Twitter auch ein Gegenstück zu #MeToo. Unter dem Hashtag #HowIWillChange reflektieren Männer ihr Verhalten.

von Tobias Kunz und Patricia Averesch

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