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Marburgerin hat Mate-Tee mitentwickelt

Trendgetränk hilft bei der Integration Marburgerin hat Mate-Tee mitentwickelt

Ein Getränk von Flüchtlingen, das Flüchtlingen zugutekommt. Das ist die Idee hinter „Solimate“, an dem auch einige Marburger beteiligt sind. Das
 Projekt wurde nun für den Deutschen Integrationspreis nominiert.

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Dr. Frauke Wiegand präsentiert zwei Solimate-Flaschen. Auf dem Etikett steht „Flüchtlingsrechte? Menschenrechte!“.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Flucht und Migration – dieses Thema beschäftigt Dr. Frauke Wiegand nicht erst seit dem Jahr 2015, als ganz Europa plötzlich über eine Flüchtlingskrise sprach. Die 33-Jährige, die in Marburg geboren und in Niederwald aufgewachsen ist, widmet sich der Integration schon aus beruflichen Gründen. Die Postdoktorandin lehrt an der Uni Kopenhagen, lebt und forscht aber in ihrer Wahlheimat Berlin. Ihr aktuelles Forschungsthema „Struktureller Rassismus in Kulturinstitutionen“ lasse sich dort gut ­unter die Lupe nehmen.

Doch auch aktiv unternimmt sie etwas, um die Integration­ von Flüchtlingen voranzutreiben. Gemeinsam mit zwei ­Bekannten aus der Hauptstadt, Roberta di Martino und Patrick Kintzi, gründete sie 2014 das ­soziale Unternehmen „Soli­drinks“. Das Ziel dabei: Auf Flüchtlingsinitiativen aufmerksam machen, gleichzeitig aber auch diese Menschen in Arbeit bringen.

Für die Produktion des „Solimate“, eines Mate-Teegetränks, werden Flüchtlinge angestellt, die auf diese Weise einen Job erlangen. Gleichzeitig gehen alle Gewinne, die das Unternehmen erwirtschaftet, an Initiativen im Raum Berlin-Brandenburg. Doppelte Wirkung also für die Integrationsarbeit, und nicht nur als Almosen. Vielmehr gehe es darum, den Flüchtlingen eine langfristige Perspektive zu bieten. Bei Solidrinks arbeiten sie im „Tandem-Modell“ immer gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen.

Etiketten sind das Markenzeichen

Und damit nicht genug: Auch zum Nachdenken soll das Trendgetränk anregen. Mit eindeutigen Botschaften auf den ­Etiketten, dem „Solishout“, werben die jeweiligen Initiativen für ihre ­Anliegen. Die Slogans lauten etwa „Kick out Racism“ (für ein Fußballprojekt mit Flüchtlingen) oder „Flüchtlingsrechte? Menschenrechte!“.

„Die Etiketten sind unsere Markenzeichen“, sagt Wiegand. Denn der Gedanke, zur Unterstützung der Flüchtlinge ein ­Getränk zu kreieren, sei auch deshalb entstanden, weil Trinken „etwas Soziales“ sei. Wenn man sich gemeinsam, etwa nach dem Feierabend, hinsetze und bei einem Drink etwas entspanne, sei das oft „ein Moment, um auch mal nachzudenken“. „Mate-Tee ist nach Cola das meistgetrunkene Getränk bei jungen Leuten in Berlin“, erklärt die Gründerin zudem. So habe man etwas Trendiges mit der Botschaft besetzt, also ­„Style mit Politik verbunden“.

Von der Idee bis zur Umsetzung war es zunächst aber ein langer Weg. „Wir haben erst einmal ein Dreivierteljahr rumprobiert und viele blinde ­Geschmacksproben mit Freunden gemacht“, berichtet Wiegand. „Dann hatten wir einfach Glück, dass unser Rezept gleich geschmeckt hat. Doch auch die Flaschen samt Etiketten, die Rechtsform der Firma und die Kommunikation nach außen mussten auf den Weg gebracht werden.

Ziel: 200 000 Flaschen
 2018 verkaufen

Inzwischen sind über 70 000 Flaschen verkauft worden, für 2018 peilt Solidrinks einen Absatz von mindestens 200  000 Flaschen an – dann könnte das Unternehmen laut Wiegand so kostendeckend arbeiten, dass auch die drei Gründer davon ­leben könnten. Aktuell arbeiten sie ehrenamtlich, über das Crowdfunding sollen aber bald dieTrainee-Stellen für mitarbeitende Flüchtlinge bezahlt werden.

„Wir wachsen bewusst langsam, denn wir sind ja ein Sozialunternehmen und wollen auch keine Investoren, die auf Rendite aus sind“, so Wiegand. Zudem nehme man in Kauf, dass der „Solimate“ etwas teurer ist, als die Konkurrenz. „Zum einen muss das ja so sein, damit die Initiativen auch etwas davon haben“, erklärt die Marburgerin.

Zum anderen setze­ man eben auf Bio-Produkte und ­fairen Handel. Alles andere wäre inkonsequent, meint sie. Schließlich sei der rein profitorientierte globale Handel „eine der Haupt-Fluchtursachen“. Zu haben ist das Getränk derzeit noch hauptsächlich in Berlin, es gibt jedoch auch Bars und Geschäfte, die etwa in Hamburg, Köln, Mannheim, Kassel oder sogar in Schweden vertreiben. In Marburg ist es bei „Onkel Emma“ erhältlich.

Finanzielle Förderung durch die Stiftung

Das soll aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein. Zukünftig sollen noch weitere Solidrinks entwickelt werden. In der Planung sind aktuell zwei weitere Getränke, ein Klassiker und etwas eine Neukreation, so Wiegand.
Aber auch der Mate-Tee alleine findet schon hohe Anerkennung. Von der Hertie-Stiftung wurde „Solimate“ für den Deutschen Integrationspreis 2017 nominiert.

Ihn im Oktober tatsächlich zu gewinnen, „wäre­ ­natürlich eine enorme Auszeichnung“, sagt Wiegand. Zuvor muss aber erst mal eine­ ­finanzielle Hürde genommen werden, denn die Stiftung hat den Preis als Crowdfunding-Contest ausgeschrieben, der über Video-Trailer auf der Internet-Plattform „Startnext“ ausgetragen wird.

Wer von sich aus mit seinem Konzept überzeugen und somit Geld für Flüchtlingsinitiativen sammeln kann, bekommt obendrauf noch eine finanzielle Förderung durch die Stiftung. Bis zum 2. Mai muss „Solimate“ auf der Crowdfunding-Plattform 20  000 Euro eintreiben. Mitte April waren bereits zwei Drittel dieser Summe erreicht.

Das Video für die Kampagne wurde ebenfalls von einem Marburger, nämlich dem Filmemacher Benjamin Kahlmeyer, produziert. „Und auch viele andere Marburger sind beteiligt“, sagt Wiegand. „Das Kampagnen-Netzwerk kommt hauptsächlich von hier.“

von Peter Gassner

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