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Hass, Hitler und echte Waffen

Marburger Pistolenverkäufer steht bald vor Gericht Hass, Hitler und echte Waffen

Ende des Monats beginnt der Prozess gegen den Mann, der dem Münchener Amokläufer die Pistole verkauft hat. Philipp K. aus Marburg glaubte, mit dem Waffenhandel aus seinem alten Leben ausbrechen zu können.

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Ein 18-jähriger Amokläufer erschoss in München vor knapp einem Jahr neun Menschen. Die Waffe kaufte er beim Marburger Philipp K. im Ludwig-Schüler-Park.

Quelle: Lukas Schulze

Marburg. Als er das Video sieht, in dem die Schüsse peitschen, bricht er zusammen. Ein junger Mann mit Waffe, schwankender Gang, O-Beine. Wie damals, Treffen am Bahnhof, eine Zeitung als Erkennungszeichen. Als er das Foto des Täters entdeckt, denkt er: Junge, was machst du da für einen Scheiß?

So gab es Philipp K. aus Marburg einen knappen Monat später in einer Vernehmung durch Zollbeamte an. Er schilderte, wie er sich an den Jungen vom Bahnhof erinnerte: Ein fast kindliches Gesicht, Bartflaum, die Hände schwitzig, nervös war er, schimpfte über Kanaken. Und dann kaufte der 18-Jährige mit den Schweißhänden bei K. eine Pistole. Diskret im Ludwig-Schüler-Park nahe dem Hauptbahnhof, Kaufpreis 4 000 Euro, 100 Schuss Munition inklusive. Philipp K. packte immer ein paar Patronen extra mit dazu. Er wollte, dass seine Kunden zufrieden sind.

Sein Kunde war der Amokläufer von München

Als er das Video und das Bild am 23. Juli 2016 im Internet findet, ist K. am Ende, sagt er aus. Sein Kunde war David S., der Amokläufer von München. Mit der Pistole vom Typ Glock 17 erschoss er am Tag zuvor neun Menschen am Olympia-Einkaufszentrum, fünf verletzte er. Als Polizisten ihn stellten, tötete er sich selbst mit einem Kopfschuss. Nach Ansicht der Münchener Staatsanwaltschaft ist K., heute 32 Jahre alt, mitschuldig an der Bluttat. Ab dem 28. August steht er unter anderem wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht.

Ermittler des Zollfahndungsamts nahmen ihn etwa einen Monat nach der Tat fest. Angebahnt wurden die Verkäufe stets im Darknet, einem abgeschotteten, anonymen Teil des Internets. Dort fädelten die Beamten einen Scheinkauf ein, überredeten K. zu einem Treffen. Nach der Verhaftung gestand er, sich zweimal mit David S. in Marburg getroffen zu haben: Einmal für den Waffendeal im Mai 2016, dann erneut vier Tage vor der Tat, als er S. mindestens 350 Schuss zusätzlich verkaufte. Ob und wie er vor Gericht aussagen wird, ob er die Vorwürfe einräumt, ist nicht bekannt. K.s Anwälte ließen eine Anfrage der OP unbeantwortet.

Anklage lautet auf fahrlässige Tötung

In den Vernehmungen erinnerte sich K. an viele Einzelheiten von David S. – den Gang, die Hände, die fremdenfeindlichen Äußerungen. Sicher ist der mutmaßliche Waffenhändler nach eigenen Angaben, dass S. ihm nichts von seiner Absicht gesagt hatte, Menschen zu töten. Sein Kunde habe behauptet, er brauche die Waffe zum Selbstschutz. Auch die Staatsanwaltschaft sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass er in den Amok-Plan eingeweiht war. Deshalb lautet die Anklage nicht auf Beihilfe zum Mord, sondern auf fahrlässige Tötung.

Ein Mitgefangener sagte aber bei der Polizei aus, was K. ihm angeblich in der Untersuchungshaft erzählt habe: S. habe beim Pistolenkauf angekündigt, er wolle Ausländer erschießen. Ob der Informant die Wahrheit sagt, ist unbekannt. Auch dazu gaben K.s Anwälte keine Stellungnahme ab.

Offenbar lagen K. und S. ideologisch auf einer Wellenlänge: Der Amokläufer hinterließ ein Manifest mit dem Titel „Ich werde jetzt jeden deutschen Türken auslöschen, egal wer“ auf seinem Rechner. In anderen Botschaften machte er deutlich, dass er Migranten als Tiere und wertlos betrachte. Sprüche, wie sie auch von K. zu hören waren.

„Es gibt nichts Besseres als Philipp, der sich aufregt.“

Auf Youtube gibt es ein Video, in dem ein Mann das Computerspiel Battlefield 4 spielt und brüllt: „Wer hat diese Juden­kacke erfunden? Nigger! Das kann nur ‘n Kack-Nigger sein!“ Die Erkenntnisse legen nahe, dass es K. ist, der da spricht. Ein Mitspieler kommentiert amüsiert: „Es gibt nichts Besseres als Philipp, der sich aufregt.“ Auf K.s Handy fanden die Ermittler ein Foto von Adolf Hitler, die Abbildung eines Hakenkreuzes und ein Video, in dem K. den Hitlergruß zeigt. Auch, wenn er auf WhatsApp mit seinem besten Freund chattete, grüßte er gern mit „Heil Hitler“.

Auch diesen Freund, einen Nachbarn aus gemeinsamen Kindertagen in Köln, nahmen die Ermittler fest. Wie er aussagte, fiel ihm auf, wie K. sich über die Jahre veränderte. Als junge Erwachsene spielten sie gemeinsam Paintball und Airsoft – Gefechtsspiele mit weitgehend ungefährlicher Munition. Doch K. wollte mehr. Mit Mitte 20 sprach er davon, echte Waffen zu besorgen. Damit lässt sich Geld machen. Und Geld war bei K. knapp. Er hat einen Hauptschulabschluss, arbeitete mal als Staplerfahrer, mal als Paketkurier, oft hatte er gar keine Arbeit. Zwischenzeitlich war er ein Jahr lang obdachlos. Manchmal musste er sich bei Freunden Geld leihen.

Er kassierte bar in Marburg

Aber die Waffen, die waren sein Ding – und das Darknet der richtige Raum. Wie jeder dort gab er sich einen Tarnnamen: Rico. Er fuhr in die Schweiz, nach Tschechien, in die Slowakei. Nach einem Jahr reiste er von dort aus zum ersten Mal mit einer Schusswaffe nach Köln. Seinen wichtigsten Kontakt baute er in Tschechien auf. Ein Mann, den er nur unter dem Pseudonym „Hyena“ kennt, verkaufte ihm bei mehreren Treffen zehn Pistolen verschiedener Marken.
Seinem Freund fiel auf, dass Philipp K. plötzlich immer viel Bargeld bei sich hatte, obwohl er mal wieder arbeitslos war. Den Ermittlern teilte K. mit, dass er sich persönlich mit seinen Kunden traf und bar kassierte – entweder in Köln oder in Marburg. Dorthin war er zu seiner Freundin gezogen.

Anfang August 2016 ist K. noch ein freier Mann. Doch die Zollfahnder haben Dokumente aus dem Fundus von David S. gesichtet und herausgefunden, dass sie nach einem Darknet-Händler suchen müssen, der sich Rico nennt und Käufer nach Marburg einlädt. Ihnen gehen Kunden von Rico ins Netz – darunter ein 17-jähriger Schüler aus dem Großraum Kassel. Oder Sectorplantone, ein 61-jähriger Unternehmensberater aus einer Stadt am Rande des Sauerlands. Er gestattet der Polizei, seinen Zugang für verdeckte Ermittlungen zu nutzen.

Getarnte Ermittler überführen ihn

Für die Beamten ist es die Chance, ein Treffen zu arrangieren, um den Verkäufer festzunehmen. Doch sie wissen nicht: Wird K. wirklich so verblendet oder geldgierig sein, sich wieder auf einen Handel einzulassen? Unter dem Tarnnamen des Ertappten schreiben sie ihm eine Nachricht und fragen nach einer Maschinenpistole. K. antwortet am selben Abend und erzählt freimütig von dem Amoklauf: Der Täter habe die Waffe von ihm, er habe große Angst bekommen. Ob er denn nun noch eine Pistole verkaufen könne, fragen die Ermittler zum Schein. Die Antwort kommt am nächsten Morgen. K. schreibt: Für 5 000 Euro wäre die Waffe zu haben.

Seit fast einem Jahr sitzt Philipp K. nun in Untersuchungshaft. Am Ende der ersten Vernehmung fragten ihn die Beamten, ob er noch etwas zu sagen habe. K. antwortete, er schäme sich. Während der zu erwartenden Gefängnisstrafe wolle er möglicherweise eine Ausbildung machen und neu starten. Und dann vielleicht wieder ein normales Leben führen.

von Tom Sundermann

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