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Kunsthandwerk wie in Lateinamerika

Neues Ladenprojekt Kunsthandwerk wie in Lateinamerika

Ringe und Halsketten aus Silberbesteck oder alten Zahnrädern, kunstvoll geknüpfte Armbänder: Drei lateinamerikanische Artesanos pflegen in Marburg ihre Handwerkskunst und geben ihre Fertigkeiten weiter.

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Die drei Marburger Artesanos (von links) Clara Amanda Sabo, Ignacio Nahuel Vega und José Miguel Tomayo-Morales fertigen Schmuck in typisch lateinamerikanischen Techniken.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im „Lädchen wechsle dich“ in der Neustadt 24 in Marburg kann man an diesem und weiteren Samstagen einen Einblick in lateinamerikanisches Kunsthandwerk bekommen. Drei Marburger Artesanos - so nennt man Kunsthandwerker in Lateinamerika - bieten ihre Schmuckstücke zum Verkauf an und leiten einen Kurs zur Knüpftechnik Makramée. Beginn des vierstündigen, kostenpflichtigen Kurses ist um 13.30 Uhr, vorher anmelden muss man sich nicht. Die Schmuckausstellung läuft von 11 bis 18 Uhr.

"Lieber Kunst statt Massenware"

In Südamerika haben sie vom Verkauf ihres selbstgefertigten Schmucks gelebt. Das soll nun auch in Marburg funktionieren. „Lieber-Arte“, dieser Name steht für die Kooperation der drei Marburger Kunsthandwerker José Miguel Tomayo-Morales (36), Ignacio Nahuel Vega (33) und Clara Amanda Sabo (30). „Lieber Kunst statt Massenware, dieser Gedanke verbirgt sich dahinter“, erklärt Sabo. Von den drei Artesanos hat sie als einzige Marburger Wurzeln. Die 30-Jährige wuchs in der Universitätsstadt auf, kehrte 2015 nach zehn Jahren in Südamerika zurück in ihre alte Heimat. „Ich brauchte wieder etwas mehr Kontakt zu meinen Wurzeln, wollte näher dran sein an der Familie“, sagt die Kunsthandwerkerin, die inzwischen Mutter geworden ist und einen dreieinhalbjährigen Sohn hat.

Gemeinsam mit Ignacio Nahuel Vega (Argentinien), dem Vater ihres Kindes, verbrachte Sabo zwischenzeitlich immer wieder einmal einige Monate in Deutschland, besuchte die Familie in Marburg. „Dann haben wir unsere Schmuckstücke beispielsweise auf dem Weihnachtsmarkt in der Oberstadt verkauft“, berichtet Sabo.

Den Dritten im Bunde, den gebürtigen Peruaner José Miguel Tomayo-Morales, lernten die beiden erst in Marburg kennen. Der 36-Jährige kam vor zehn Jahren in die Uni-Stadt, um zu studieren und Deutsch zu lernen. Er wurde Vater und blieb.

"Jedes Produkt hat seine eigene Handschrift"

Die drei haben sich nun zusammengeschlossen. Sie wollen an das anknüpfen, was die südamerikanische Kunsthandwerker-Szene ausmacht: Schulter an Schulter arbeiten, gemeinsam verkaufen, oft auf Märkten, manchmal auch in gemeinschaftlich bestückten und betriebenen Läden. „So profitieren alle voneinander. Wir arbeiten mit den selben oder ähnlichen Techniken, allerdings hat jedes Produkt eine ganz eigene Handschrift“, sagt Clara Sabo über die Schmuckstücke.

Stundenlanger fingerfertiger Einsatz

Die drei Artesanos arbeiten unter anderem mit Makramée, einer traditionsreichen Knüpftechnik. Stundenlanger fingerfertiger Einsatz steht vor jedem kunstvoll geknoteten Ohrring, jeder Kette, jedem Armband. Aus Silbergabeln werden Ringe oder elegante Colliérs mit eingefassten Halbedelsteinen. „Einen Stundenlohn darf man da nicht ansetzen, das würde nicht funktionieren“, sagt Clara Sabo und ist trotzdem zufrieden mit ihrer Arbeit. Unikate herzustellen, sein eigener Chef zu sein, die Produkte direkt an den Kunden zu verkaufen, die Fertigung daheim bei freier Zeiteinteilung - das wiege finanzielle Nachteile wieder auf. Nicht zuletzt gehe es um „das gute Gefühl, etwas zu erschaffen, dass sich vom Einerlei der Massenware abhebt“, betont die 30-Jährige.

Für Ignacio Nahuel Vega ist es wichtig, dass traditionelles Kunsthandwerk weitergegeben wird, dass der Kreis der Artesanos wächst. So seien jederzeit auch weitere Kunsthandwerker beim Projekt „Lieber-­Arte“ willkommen. In Argentinien gründete er gemeinsam mit Sabo und weiteren Artesanos neue Märkte und Kooperationen, unter anderem in der Hauptstadt Buenos Aires und in Cordoba. Durch politisches Engagement habe man erreicht, dass Artesania zum Inhalt eines kunstgeschichtlichen Studiums gemacht wurde, übersetzt Sabo die spanischsprachigen Ausführungen von Vega.

Verkauf vor allem auf Märkten und Festivals

Bislang haben die drei Kunsthandwerker ihren Schmuck auf Märkten und Festivals verkauft. „Nach und nach sammelt man Erfahrungen, lernt, wo man gut verkauft und wo weniger gut“, erklärt José Miguel Tomayo-Morales, der es inzwischen gewohnt ist, seine Schmuckstücke sorgfältig in weiche Tücher einzuwickeln und in einem großen Koffer zu verstauen. Die Schmuckstücke sind mit ihren Verkäufern ständig auf Reisen. Die nächsten Ausstellungstermine führen dabei direkt in die Nachbarschaft. Beim Weihnachtsmarkt vorm Rathaus werden die drei Artesanos einen gemeinsamen Stand betreiben. „Die kalte Winterzeit ist im Straßenverkauf echt eine Herausforderung“, sagt Sabo, „deshalb auch unser gemeinsames Ladenprojekt“.

Ein Netzwerk von Kunsthandwerkern

Um vollständig von der Schmuckherstellung leben zu können, brauche man viel Geduld, weiß die 30-Jährige, die von finanzieller Unterstützung unabhängig werden will. „Wir müssen uns hier ein Netzwerk aufbauen, dann könnte es klappen.“ José Miguel Tomayo-Morales hält sich mit einem festen Job in einer Marburger Kneipe über Wasser. „Trotzdem versuche ich, jeden Tag mindestens zwei Stunden in die Schmuckherstellung zu investieren.“

von Carina Becker-Werner

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