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Langzeittherapie dauert ein ganzes Jahr

Serie "Über Gewicht": Adipositaszentrum Langzeittherapie dauert ein ganzes Jahr

Abnehmen ist nicht leicht: Bewegung und gesunde Ernährung sind wichtig, oftmals also eine komplette Lebensumstellung. „Das erfordert jede Menge Disziplin“, sagt Jutta Schick vom Adipositaszentrum der Uniklinik.

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Das Adipositaszentrum hilft beim Abnehmen.

Quelle: Archiv

Marburg. Kalorien reduzieren,  auf Pizza und Schokolade verzichten und Sport treiben – Gewicht abnehmen klingt einfach. Es erfordert aber Disziplin und den Kampf gegen eine Sucht, die in der Gesellschaft nicht als Sucht wahrgenommen wird. Im Adipositaszentrum der Marburger Uniklinik (UKGM) werden stark übergewichtige Menschen beim Abnehmen unterstützt. Mit einer Langzeittherapie, die über ein ganzes Jahr geht, nehmen die Teilnehmer in der Gruppe ab – und stellen dabei ihr komplettes Leben um.

„Unser Programm richtet sich an Menschen mit einem BMI von 30 und deutlich mehr“, erklärt Jutta Schick vom Adipositaszentrum. „Wir helfen damit Menschen, die große Probleme mit ihrem Gewicht haben und nicht denen, die in den Bikini passen wollen.“ Wer mit seinem BMI (Body-Mass-Index) unter einem Wert von 30 liegt, könne etwa bei seiner Krankenkasse Kurse zur Ernährungsberatung anfragen. Im UKGM gehe es jedoch nicht nur um das reine Abnehmen, sondern auch um eine Verhaltensänderung der Betroffenen und eine medizinische Betreuung. Neben Ärzten sind laut Schick daher Physiotherapeuten, Ernährungsberater und Psychologen wichtiger Teil der Langzeittherapie.

Jede Woche wird gewogen und gemessen

Insgesamt 52 Wochen lang trifft sich eine Abnehm-Gruppe am Adipositaszentrum jeden Mittwoch für dreieinhalb Stunden. Haben sich 10 bis 12 Teilnehmer gefunden, startet eine­ neue Gruppe, wie Schick erklärt. Der Ablauf ist dabei immer gleich: „Zunächst kommen die Teilnehmer immer zu mir“, so Schick. Sie wiegt, misst den Blutdruck, den Bauchumfang und den Fettgehalt im Körper. Stagniert das Gewicht, rät Schick schon mal zu mehr Bewegung. Danach geht es zum Arzt für Einzelgespräche. „Manche Adipöse haben Haarausfall, bei anderen gehen die Leberwerte hoch. So was wird besprochen.“

Danach macht die Gruppe ­eine Stunde Sport unter medizinischer Aufsicht – entweder im Physiotherapiebereich oder an der frischen Luft. Doch gerade in den ersten Wochen bleibe die Gruppe noch im Gebäude: „Manche kommen anfangs mit Rollator hierher oder schaffen es mit der Luft noch nicht lange“, so Schick. „Aber man sollte bald mindestens zwei Mal die Woche eine Stunde stramm spazieren gehen, schwimmen oder Rad fahren.“ Eigentlich empfiehlt sie das Schwimmen. Das ist gut für die Gelenke. „Aber jemand, der 150 Kilo wiegt, möchte sich oft nur ungern öffentlich im Badeanzug zeigen.“

Ein Physiotherapeut zeigt den Adipösen laut der Krankenschwester immer andere Übungen – mal steht Pilates auf dem Programm, mal Gymnastikübungen oder Nordic Walking. „Wir zeigen Möglichkeiten der Bewegung, damit jeder für sich etwas findet, was ihm Spaß macht.“ Eine ehemalige Teilnehmerin habe dadurch mit dem Marathon-Lauf begonnen.

Nach der Bewegung gibt es ­Input für den Kopf: Psychologen oder Ernährungsberater referieren etwa über gesunde und schlechte Fette, erklären, wie man Kochrezepte berechnet oder bringen den Teilnehmern Strategien für den Alltag bei: Wie verhalte ich mich bei Geburtstagsfeiern oder bei einem All-Inclusive-Urlaub, wo es viel Essen gibt und auch viele ungesunde Gerichte?

Eingeteilt sind die 52 Wochen des Programms zudem in drei Phasen der Ernährung, wie Schick erläutert. Die erste Phase ist eine Fastenphase: Zwölf Wochen lang ernähren die Teilnehmer sich ausschließlich von fünf Fastenshakes am Tag. Je nach Ausgangsgewicht und Disziplin verlieren die Teilnehmer in der Zeit mindestens 20 Kilogramm, oft sogar 30 bis 40 Kilo. „Manche brechen das Fasten auch mal“, erklärt sie. „Das ist nicht gut, aber wir können es weder verbieten noch kontrollieren.“

„Wer mal Pizza isst, muss sie wieder abarbeiten“

In einer Umstellungsphase werden die Fastenshakes nach und nach gegen richtige Mahlzeiten ausgetauscht. Dabei ist eine Umstellung auf eine neue, gesunde ­Ernährung wichtig. „Wir zeigen schöne Rezepte. Es gibt Quark und Obst, ein Käsebrot oder Fisch und Salat. Es ist wichtig, dass man nicht in das alte Schema zurückfällt. Daher wird das Essen neu gelernt.“

Schließlich soll das Gewicht stabilisiert, das Pulver komplett abgesetzt und die neue Ernährung weiter umgesetzt werden. „Manche halten dann ihr Gewicht. Andere wollen noch weiter abnehmen“, erzählt Schick. So oder so: Jede Menge Disziplin sei erforderlich. „Wer mal ein Stück Pizza isst, muss auch bereit sein, es wieder abzuarbeiten.“ Besser sei es da, ganz auf Pizza, Schokolade und Co. zu verzichten: „Es kann sonst auch eine Schleuse öffnen“, warnt Schick. Denn Adipositas ist eben auch eine Sucht – wie die Alkoholsucht. „Nur kann man den Alkohol meiden. Essen müssen wir aber alle.“

von Patricia Grähling

Hintergrund

Die Langzeittherapie am UKGM ist kostenpflichtig, je nach Krankenkasse gibt es aber Zuschüsse oder Kostenübernahmen. Seit 2011 haben laut Jutta Schick 60 Menschen in sechs Kursen mitgemacht. Dabei gebe es immer wieder ein bis zwei Teilnehmer, die abbrechen.

Drei Teilnehmer haben innerhalb des Jahres Idealgewicht erreicht. „Unser Ziel ist aber nicht das Idealgewicht, sondern das Herausbringen aus dem Gefahrenbereich“, betont Jutta Schick Leberwerte sollen sich verbessern, Blutdruck und Cholesterin gesenkt werden. „Es ist ja auch nicht gesund, von 180 Kilo auf 75 Kilo in einem Jahr abzunehmen.“

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