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„Knallt mich doch einfach ab!“

Prozess wegen versuchten Mordes „Knallt mich doch einfach ab!“

Über das wechselhafte Verhalten des Angeklagten berichteten mehrere Polizisten und Mediziner. Von den Zeugen fühlte er sich erneut provoziert.

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Der Angeklagte steigt zum Prozessauftakt aus dem Fahrzeug der Justizvollzugsanstalt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Während der Vernehmung eines Kriminalbeamten erwachte der Angeklagte vergangene Woche aus seiner üblichen Lethargie. Mit starrem Blick fixierte er den Zeugen samt weiterer Polizisten im Saal. Diesen drohte er mehrfach mit dem Tod, „du hast mir alles genommen, mein Ruf ist zerstört – ich werde dich töten“, schrie er den Zeugen aufgebracht an.

Nach mehreren wütenden Beleidigungen, stand der Angeklagte auf und warf die Akte der Verteidigung quer durch den Raum. Die Kammer setzte dem ein Ende und verbannte den wutentbrannten Mann vorübergehend aus dem Saal.

Die Liste an Auseinandersetzungen mit der Polizei ist lang – auch nach einer der angeklagten Taten soll sich der Mann mit einigen alarmierten Polizisten angelegt haben. Am 9. Oktober vergangenen Jahres wurde er nach einem Diebstahl in einer Tankstelle in der Gisselberger Straße aufgegriffen. Umgehend soll er angefangen haben, gegen die Polizisten samt Hund zu pöbeln und sie wüst zu beleidigen. „Er war unkooperativ und verhielt sich aggressiv, er wollte sich mit den Kollegen und dem Diensthund anlegen“, berichtete ein Polizist. Das Verhalten setzte sich auf der Dienststelle fort. Der Angeklagte wirft den Polizisten wiederum ein „übertriebenes Vorgehen“ vor, er ­habe sich provoziert gefühlt.

Seine wiederholten Wutanfälle­ fußen wohl auf einem tiefen Misstrauen, „einem angespannten Verhältnis zur Polizei“ erklärte Verteidiger Sascha Marks. Den Ordnungshütern ist der Angeklagte bereits gut bekannt, unter anderem aus Ermittlungen wegen diverser Diebstähle­ und Gewaltdelikten. Mehrfach sei es in den vergangenen Jahren zu Drogenmissbrauch, gewalttätigen Ausbrüchen und Psychiatrie-Aufenthalten gekommen, so ein weiterer Zeuge.

Dieses Schema setzte sich auch kurz vor dem aktuellen Tatzeitraum fort: Am 29. September 2016 wurde der Beschuldigte nach einer Auseinandersetzung in einem Männerwohnheim in die Psychiatrie in Gießen eingewiesen. Da befand er sich „in einem hoch aggressiven Zustand und äußerte Mordgelüste – wir haben ihn als höchst gefährlich eingestuft“, teilte am Montag ein Polizist vor Gericht mit.

Der Angeklagte wurde mit Verdacht auf eine Psychose per Gerichtsbeschluss für eine Woche untergebracht. Dort besserte sich sein Verhalten anfangs noch, er stimmte einer Entgiftung zu, berichtete eine Ärztin. Der als suchtkrank geltende Patient konsumierte lange Zeit Cannabis und ein starkes Schmerzmittel, dessen Wirkstoff zur Substitution genutzt wird. Über die Dosierung wollte der Angeklagte selbst entscheiden, nach Meinung seiner Ärzte reduzierte er die Dosis zu schnell und zu massiv nach unten. Seine Stimmung wandelte sich „von heiter bis feindselig – er war angespannt und unruhig, wollte alles selbst bestimmen“, sagte die Zeugin.

Anzeichen eines Entzugs

Das bestätigte auch der Angeklagte, der eine Art Verschwörung gegen sich vermutet und den Ärzten wutentbrannt Lügen vorwarf. „Die wollten mich wieder hochsetzen, das wollte ich nicht“, gab er an. Seiner Meinung nach hätten die Mediziner, wie schon zuvor die Polizei, gegen ihn gearbeitet. Sich selbst sieht er dabei als Opfer, „knallt mich doch alle einfach ab“, rief er gereizt in den Saal.

Seiner Erklärung nach habe er eigentlich in der Psychiatrie bleiben wollen, jedoch nur zu seinen Bedingungen. Während der Behandlung zeigte der Mann zunehmend Anzeichen eines Entzugs, eine Psychose konnte indes nicht festgestellt werden. Am 6. Oktober verließ er die Psychiatrie gegen ärztlichen Rat. Zwei Tage später soll er eine schwangere Frau angegriffen haben.

Das wechselhafte Verhalten des Angeklagten ist vor allem für den psychiatrischen Sachverständigen von Interesse, der den Prozess begleitet und die geistige Verfassung des Beschuldigten zu bewerten hat.

  • Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

von Ina Tannert

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