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Keine Langeweile im Ruhestand

Senioren im Ehrenamt Keine Langeweile im Ruhestand

Im Sportverein, bei der Marburger Tafel oder der Flüchtlingshilfe: Ohne die Generation 60 plus würden viele Angebote nicht aufrechterhalten werden können. Immer mehr ­Senioren übernehmen ­Ehrenämter.

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Annette Kreuzberger (von links), Marie Connan, Helga Gaitzsch und Eva Ruth Tietz helfen regelmäßig bei der Marburger ­Tafel und sortieren Lebensmittelspenden. Ein großer Teil der ehrenamtlichen Helfer gehört dabei der Generation 60 plus an – einer ­fitten Generation, die mit dem Ruhestand oftmals neue Aufgaben sucht und im sozialen Engagement findet.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Paprika und Tomaten aus der Verpackung holen, angefaultes Gemüse wegwerfen, Joghurt in das Kühlhaus bringen und Brötchen in kleine ­Tüten packen: Jeden Donnerstag macht Helga Gaitzsch die gleichen Handgriffe – zusammen mit einigen anderen Helfern. Sie engagiert sich seit acht Jahren ehrenamtlich für die Marburger Tafel, hilft dort einmal in der Woche dabei, die angelieferten Lebensmittel zu sortieren, damit benachteiligte Menschen Brot, Gemüse und Fleisch bekommen können.

„Ich habe 30 Jahre die Verbraucherzentrale geleitet und als ich in Rente gegangen bin, wollte ich etwas tun“, sagte Gaitzsch. So ganz habe sie noch nicht gewusst, in welchem Bereich sie sich engagieren wolle – bis sie mit dem Deutschen Hausfrauenbund die Marburger Tafel besucht hatte. „Ich habe mich noch während des Besuchs als Helferin angemeldet“, erzählte­ Gaitzsch. Eigentlich wollte sie als „Feuerwehr“ helfen, wenn irgendwo Engpässe seien. Gebraucht wurde sie aber schon eine Woche später. Seither ist sie jede Woche dort, hilft zusammen mit rund 200 anderen Ehrenamtlichen – von denen laut dem Helfer Dieter Rautenhaus die meisten ebenfalls schon Rentner seien. „Ohne die Generation 60 plus würde die Tafel so nicht funktionieren“, sagte er.

Die Generation 60 plus wird eine immer wichtigere Säule im gesellschaftlichen Leben. Nicht nur bei der Tafel oder im Sportverein, auch in vielen anderen Bereichen engagieren sich immer mehr Senioren. „Die Altersklasse 60 plus macht einen immer größeren Anteil der ehrenamtlich Engagierten aus“, bestätigte auch Katja Kirsch von der Freiwilligenagentur. Viele Menschen seien mit Eintritt in die Rente noch fit, gesund und motiviert, suchen daher nach einer neuen Aufgabe. „Die Entwicklung beobachten wir seit ein paar Jahren: Immer mehr Menschen kommen kurz vor ihrem Rentenbeginn zu uns und informieren sich, was sie tun können, wo sie helfen können.“

Die Freiwilligenagentur Marburg-Biedenkopf vermittelt im Landkreis Menschen in Ehrenämter. Aktuell hat die Agentur laut Kirsch 500 Aktive in der Datenbank – davon seien ein Drittel aus der Generation 60 plus.

„Wenn man aus dem Berufsleben ausscheidet, ist da erst mal eine Leere“, erklärte Rautenhaus von der Tafel. „Deshalb suchen sich viele Menschen eine neue Aufgabe. Und die sozialen Kontakte hier möchte ich auch nicht missen.“ Rautenhaus fährt jeden Montag raus und holt Lebensmittelspenden bei den Märkten im Landkreis ab.

Senioren übernehmen gerne Patenschaften

Besonders beliebt sind bei den Rentnern laut Kirsch Patenschaftsprojekte und andere soziale Themen – vor allem für Kinder setzen sich Frauen dabei gerne ein. „Wir haben vor kurzem eine Leihoma gesucht. Dafür gab es viele Interessenten.“ Aber auch Vorleseprojekte oder Hausaufgabenhilfe würden gerne übernommen. „Für viele unserer Freiwilligen ist es wichtig, etwas von ihrem Wissen weiterzugeben.“

Gaitzsch selbst war einst ein Flüchtlingskind. „Ich weiß, wie uns geholfen wurde und ich will nun etwas weitergeben“, erklärte sie. Sie helfe mit ihrem Ehrenamt nicht nur Menschen, sondern genieße dabei auch die ­sozialen Kontakte zu Gleichgesinnten. Außerdem spende sie ihre Freizeit ganz bewusst für diese sinnvolle Arbeit. „Das gibt natürlich auch Befriedigung“, sagte sie.
Die Generation 60 plus ist laut Kirsch aber auch immer wichtiger für die Seniorenarbeit: „Viele setzen sich für ältere Senioren ein, die nicht mehr so fit sind“.So entstünden etwa Nachbarschaftsnetzwerke, wie die „Aktiven Bürger Cappel (ABC)“.

Über die Freiwilligenagentur­ wird das ehrenamtliche Engagement der älteren und auch jüngeren Freiwilligen auch gefördert, etwa durch Kurse zur Buchführung für Vereine, durch Rhetorikschulungen oder Informationen über Asylrecht. Außerdem helfen die Berater nicht nur bei der Suche nach passenden Engagements – sie helfen auch bei der Umsetzung eigener Ideen. „Wir haben auch jemanden, der ein Aquarium in einem Altenheim betreut und jemanden, der sich für die Camera Obscura einsetzt“, so Kirsch. Auch Wegepaten für den Hugenotten- und Waldenserpfad habe sie schon vermittelt. „Es gibt eben ganz ungewöhnliche Ideen – aber jeder kann sich mit seinen Hobbys und Fähigkeiten irgendwie einbringen. Wir finden da gemeinsam Projekte.“

von Patricia Grähling

Frauen im sozialen Ehrenamt

Frauen übernehmen laut Katja Kirsch von der Freiwilligenagentur überwiegend Ehrenämter im sozialen Bereich. „Das ist unabhängig von der Altersklasse“, sagt sie. Bei der Freiwilligenagentur seien zudem mehr Frauen als Männer registriert. Laut Kirsch finden sie über spezielle Themen in das Ehrenamt, über Leidenschaften, die sie weitergeben wollen. Viele frühere Lehrerinnen seien so in den Sprachunterricht für Flüchtlinge vermittelt worden. Es gebe aber auch spezielle Engagements, die erst im persönlichen Gespräch in der Agentur entwickelt würden. So bringe sich eine Imkerin mittlerweile in die Seniorenarbeit in Marburg ein und mache mit den Teilnehmern etwa Kerzen aus Bienenwachs – und ein Hobbyschreiner gebe in Kindergruppen seine Leidenschaft weiter.

Männer sind laut Kirsch natürlich auch ehrenamtlich aktiv – aber vor allen Dingen innerhalb von Vereinen. „Das meiste Engagement findet in den Vereinen statt. Das Engagement über die Freiwilligenagentur macht nur einen kleinen Teil aus“, erklärte Kirsch. „Das ist die Form des Ehrenamts in Deutschland.“ Und auch dort seien viele ältere Freiwillige zu finden, etwa in den Leitungspositionen: „Das machen meistens Männer“.

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