Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° Schneeregen

Navigation:
Jede Stimme ist willkommen

Landeskirchenmusiktage Jede Stimme ist willkommen

Singen gemeinsam und unter freiem Himmel – dazu laden die Landeskirchenmusiktage am 9. und 10. September ein.

Voriger Artikel
Raub an den Afföllerwiesen
Nächster Artikel
Nutzer stemmen sich gegen Verkauf

Beim Maieinsingen ist der Marburger Marktplatz regelmäßig voll. Die Veranstalter hoffen auch für das Offene Marburger Singen am Samstag auf guten Zuspruch.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Neue wie bekannte­ Kirchenlieder ertönen am Sonntag um 14.30 Uhr auf dem Marktplatz, wenn ein festlicher Musikgottesdienst mit Bischof Dr. Martin Hein das große Treffen beschließt. Am Samstag erklingen um 17 Uhr beim Marburger Singen populäre Songs, die alle zusammen anstimmen.

Singen – für Jean Kleeb nichts Besonderes, und doch sehr wichtig. „Wo ich herkomme, in Brasilien, ist Musik immer dabei. Einfach so, auf der Straße.“ Schon lange lebt er in Deutschland, komponiert und leitet­ mehrere Chöre. Auch den Chor Joy of Life, der zur Evangelischen Landeskirche gehört – und der am Samstag auf der Offenen Bühne der Landeskirchenmusiktage zu hören sein wird. „Unsere Chorsänger sind es gewohnt, draußen zu singen. Jedes Jahr vor den Sommerferien ziehen wir durch die Stadt und animieren zum Mitsingen. Wir gucken in die Gesichter: sind sie interessiert, abgeneigt, schüchtern?“

Jean Kleeb will mit seinem Chor über Grenzen gehen. Musik aus vielen Ländern, Stilrichtungen von Samba bis Gospel, und die Schönheit der Sprachen und Melodien inspirieren seine Sänger und das Publikum. Sie möchten, dass Musik und eigenes Singen zum Alltag gehören, dass der Alltag zur Musik gehört. Und so kennen sie auch keine Scheu, um Kirchenlieder auf die Straße zu bringen oder Schlager in die Kirche.

"Ein feste Burg ist unser Gott"

„Wir halten uns an Luther, dessen Lieder oft Protestsongs waren, die zunächst auch nicht in der Kirche gesungen wurden.“ Das drückt er auch mit seinem Luther-Oratorium aus, in dem der historische Martin Luther die große Rede von Martin Luther King, Kämpfer gegen die Rassentrennung in den USA, vorträgt mit dem Titel „I have a dream“. Hier geht es um das Ende der Kriege zwischen Rassen, Religionen und Nationen – „Free at last“, endlich frei sollen alle sein wie es ein altes Spiritual formuliert, das Luther King anstimmt. Bei Kleeb verweben sich das Lied des deutschen Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ mit dem Gospel und ergeben eine neue Aussage. „Wir alle suchen Geborgenheit und Schutz hinter festen Mauern – und wollen doch auch Freiheit. Mit der Musik können wir darüber singen.“

Kleeb und seine Sängerinnen und Sänger machen den Auftakt zum großen „Marburger Singen“ am Samstag um 17 Uhr auf dem Marktplatz – hier singen alle gemeinsam populäre Songs und Lieder, die künftig zum Evangelischen Gesangbuch gehören: „Sailing“, „You’ll never walk alone“ oder „Amazing grace“. Für Kleeb ist das Singen von Schlagern, auch „im Rudel“, ein Anfang – denn da gebe es viele tiefgründige Texte und berührende Melodien, oft auch mit religiösem Gehalt. „Kirche und Marktplatz liegen gar nicht so weit auseinander“, sagt er und will mit vielen Marburgern gemeinsam bekannte Lieder anstimmen.

Uwe Maibaum, der als Landeskirchenmusikdirektor das Fest der Kirchenmusik nach Marburg geholt hat, nimmt die Einladung zum Singen auf: „Auch beim großen Fest-Gottesdienst am Sonntag um 14.30 Uhr gibt es auf dem Marktplatz ganz viel Musik zum Mitsingen. Jede Stimme – ob geübt oder neu dabei, ob melodisch oder schräg – ist willkommen.“ Ein großer Schatz sei das Liederbuch der Evangelischen Kirche mit seinen alten und neueren Liedern, die sich oft von Kindesbeinen an eingeprägt haben. Liebgewordene Worte und Melodien, die wie manch ein Schlager mit persönlichen Momenten und Erlebnissen verwoben im Gedächtnis haften bleiben, erklingen auch auf dem Marktplatz: „Ich singe Dir mit Herz und Mund.“

Neue Lieder werden zu hören und zu singen sein, wie etwa „Wohl denen, die noch träumen.“ Sie entstammen dem Beiheft EGplus, das mit dem Gottesdienst und der Predigt des Bischofs Dr. Martin Hein offiziell eingeführt wird. Der Fest-Gottesdienst beginnt um 14.30 Uhr vor dem Rathaus, ab 13.30 Uhr gibt es ein Vorprogramm. Liedzettel sind zu erhalten. Es gibt  auf dem Marktplatz keine Sitzplätze.

von Almuth Westecker

Evangelische Kirche so wie Luther vor 500 Jahren

Helmut Wöllenstein, Propst des Sprengels Waldeck-Marburg der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, verrät im OP-Gespräch, warum er sich auf die Landeskirchenmusiktage am Wochenende freut.

OP: Worauf freuen Sie sich bei den Landeskirchenmusiktagen am meisten?
Helmut Wöllenstein, Propst des Sprengels Waldeck-Marburg der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck: Die Landeskirchenmusiktage bieten eine Vielzahl von Höhepunkten, aber alles läuft zusammen in dem großen Abschlussgottesdienst am Sonntag auf dem Marktplatz. Den Gottesdienst wird unser Bischof, Dr. Martin Hein, gestalten, und das neue EG plus, die Ergänzung zu unserem Kirchengesangbuch, wird offiziell in Dienst gestellt.  Gemeinsam proben Bläserchöre, Kirchenchöre und Kinderchöre für den großen Auftritt in den drei großen Innenstadtkirchen, um den Abschluss und den Aufbruch auf dem Marktplatz zu feiern: Von hier geht die Kirchenmusik mit frischen Impulsen zurück in ihre Gemeinden und Orte. Damit es richtig gut wird, brauchen wir aber nicht nur musikalische Profis, sondern vor allem eine riesengroße Gemeinde, die Lust hat zu singen. Und bei Regen gehen wir alle in die Pfarrkirche.

OP: Was bedeutet EG plus für Sie?
Wöllenstein: Es ist eine schöne Ergänzung und eine Weiterentwicklung unseres Gesangbuchs. Manche „Klassiker“ der Kirchenmusik sind nun nach Jahrzehnten endlich ins offizielle Gesangbuch aufgenommen – das ist zum Teil auch ein Stück Zeitgeschichte, wenn ich an das Lied „Eine Handvoll Erde, schau sie dir an“ aus den frühen 80er-Jahren denke, der Gründungszeit der Grünen, oder Lieder, ohne die heute die evangelische Kindertagesstätten-Arbeit nicht mehr denkbar wäre, etwa „Das wünsch ich sehr, dass immer einer bei mir wär.“ Im neuen EG plus sind aber auch Lieder versammelt, von denen man vermutet, dass sie dort längst stehen – etwa das katholische ­„Maria durch ein Dornwald ging“; und das ist ein gutes Zeichen für die Ökumene.

OP: Wie finden Sie die Entscheidung, im EG plus sogar Popsongs wie „I am Sailing“ oder Fußballhymnen wie „You‘ll never walk alone“ aufzunehmen?
Wöllenstein: Find ich prima – und längst überfällig. Wir bekommen dadurch mehr Volkstümlichkeit in unsere Kirchenmusik, ein Stück weiter verlassen wir die etwas eitle evangelische Orientierung an der Hochkultur. So wie es Luther vor 500 Jahren getan hat, als er bekannte Melodien der damaligen Zeit mit einem neuen Text versehen hat. Ich finde, gerade im Jubiläumsjahr der Reformation ist mehr Volkstümlichkeit in unserer Musik genau richtig.

OP: Sie arbeiten ja sogar mit ­einem erfolgreichen Schlager­texter zusammen ...
Wöllenstein: Und daran ist die OP schuld. Ich las vor einigen Jahren in der OP ein sehr schönes Porträt über Tobias Reitz, einen der Schlagertexter für Helene Fischer. Er wirkte im Text sympathisch und nachdenklich. Ich bin damit einfach mal zu unseren Kirchenmusikleuten gegangen und habe vorgeschlagen, ihn für unser Projekt zu gewinnen. Und das ist dann geschehen. Mit Tobias Reitz zusammen haben wir Kriterien für neue Trau-Lieder entwickelt  und er hat ja auch einen Text ­geliefert.

von Till Conrad

 
Das Programm

Vom 8. bis 10. September ist Marburg Treffpunkt für Musikbegeisterte aus allen Teilen der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen-Waldeck.

Freitag, 8. September:
Wandel-Gottesdienst um 19 Uhr, ab Schloss

Samstag, 9. September
Workshops für Chorgesang und Blasinstrumente, 10 Uhr (Anmeldung www.landeskirchenmusiktage.de)
Open Stage ab 14 Uhr, Marktplatz
Marburger Singen um 17 Uhr, Marktplatz
Konzert: PSALTER UND HARFE um 19 Uhr, Pfarrkirche, und FLUID SOUNDS um 21 Uhr, Universitätskirche (Eintritt www.ekkw.reservix.de und Abendkasse)
Taizé-Andacht um 23 Uhr, ­Elisabethkirche

Sonntag, 10. September
Gottesdienst mit Bischof Martin Hein um 14.30 Uhr, Marktplatz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr