Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Gewitter

Navigation:
Frau schildert Todesangst um ihr Baby

Prozess wegen versuchten Mords Frau schildert Todesangst um ihr Baby

„Mein Baby zu beschützen war der einzige Gedanke“: Unter Tränen hat eine 29-Jährige, die vor einem Jahr als Schwangere im Südviertel zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde, vor dem Landgericht ausgesagt.

Voriger Artikel
Die neuen Studenten sind da
Nächster Artikel
18-Jährige erst angestarrt, dann geschlagen

Polizisten und Justizvollzugsbeamte führen den wegen versuchten Mordes Angeklagten ins Landgericht Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am zweiten Prozesstag wegen versuchten Mordes (die OP  berichtete), sagte am Montagmorgen eines der Opfer aus. Auf dem Weg zum Samstags-Wochenmarkt in der Frankfurter Straße, als sie Geld in der Sparkasse abhob, sei ihr auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Jogger aufgefallen. Wenige Minuten später, nachdem sie gegen 8 Uhr ihren Einkauf erledigt hatte und auf dem Rückweg war,  „sah ich im Augenwinkel, wie plötzlich jemand über die Straße auf mich zurennt. Dann spürte ich nur noch Schmerzen im Kopf.“

Sofort nachdem sie durch die Wucht des Schlags auf den Boden gefallen sei, hätte der Angreifer mit Schlägen und Tritten begonnen – und trotz des Flehens und der Hilferufe nicht aufgehört. Immer und immer wieder habe er auf die Ärztin eingetreten, schildert sie. „Ich habe mich kleingemacht, zusammengekauert, um die Schläge und Tritte irgendwie abzuwehren, abzumildern. Ich wusste nicht, was er wollte, ich dachte auch nicht an die Geldbörse. Mein Baby zu beschützen war der einzige Gedanke“, sagt die 29-Jährige, deren Stimme bei der Zeugenaussage vor dem Landgericht immer wieder bricht.  Nachdem der Mann, dessen Gesicht sie – wie alle bisher gehörten Zeugen – nicht erkannte, ihr die Geldbörse mit rund 40 Euro entrissen habe, sei dieser entlang der Stresemannstraße geflohen.

Zeuge: Opfer schrie immer nur "Mein Baby, mein Baby"

„Panik“ hätte sie gespürt, als sie die Feuchtigkeit am Unterkörper bemerkte. „Da war alles nass, ich dachte, die Fruchtblase ist geplatzt, dass mit meinem Baby etwas ist.“ Erst Untersuchungen im Krankenhaus zeigen, dass es dem Ungeborenen gut geht. Neben Verletzungen an Kopf, Hals, Schulter und Schienbeinen trägt die Ärztin, die nicht mehr in Marburg wohnt, nach eigenen Angaben vor allem psychische Schäden davon. „Ich habe Angst, bei Dunkelheit gehe ich nicht mehr alleine raus. Nie würde ich noch in einen Wald oder Park gehen, nirgendwo hin, wo nur wenige Menschen sind.“

Die dramatischen Szenen vor der Sparkassen-Filiale, die in Teilen von einer Überwachungskamera des Geldinstituts gefilmt wurden, beschreibt auch ein 37-Jähriger, der gegenüber des Tatorts wohnt. „Auch nachdem sie in Sicherheit war, schrie sie immer nur ‚Mein Baby, mein Baby‘. Sie war völlig verzweifelt.“ Der Mann habe zuvor „gezielt, kontrolliert und konzentriert“ auf Kopf und Bauch der am Boden liegenden Frau eingetreten. „Mit voller Wucht.“
Polizei: Kleidung bei Taten„fast identisch“

Eine 63-jährige Zeugin, die auch die Tat beobachtete, sagt aus, das Opfer sei für jeden „sichtbar schwanger“ gewesen, hätte einen „ziemlich dicken, schwangerschaftstypischen Bauch“ gehabt. Der „unheimliche Typ“, der die 29-Jährige überfallen habe, sei ihr zuvor nahe des Tatorts aufgefallen. Aber außer „vollen Lippen“ unter einem tief ins Gesicht gezogenen Kapuzenpulli habe sie nichts erkannt.

Angeklagter sorgt für einen Eklat

Ein Kriminalpolizist skizzierte die Ermittlungen, die zur Festnahme des Angeklagten führten. Demnach identifizierten die Sicherheitsbehörden bei der Analyse von drei Überwachungsvideos – Sparkasse Südviertel, Lebensmittelmarkt Richtsberg und Tankstelle Gisselberger Straße – den 34-Jährigen als möglichen Täter. Denn obwohl dessen Gesicht beim Überfall auf die Schwangere nicht eindeutig erkennbar ist, seien körperliche Merkmale (Statur und die von einer anderen Zeugin beschriebenen „vollen Lippen“), vor allem aber Kleidung und Schuhe des in Marburg als Intensivtäter geführten Mannes „fast identisch“ mit denen, die auf den Videos am Richtsberg (Einbruch) und in der Tankstelle (Diebstahl) zu sehen seien. Aufgenommen wurde alles zwischen dem 8. und 10. Oktober 2016.

Wie die weitere Zeugenvernehmung ergab, hielt sich der Angeklagte in den Tagen der Gewalttaten in der Obdachlosenunterkunft Gisselberger Straße auf – und verließ 30 Minuten vor dem Angriff auf die 29-Jährige am 9. Oktober 2016 das Haus.

Der Angeklagte, dem nach einer Verurteilung die Sicherheitsverwahrung droht, sorgte indes für einen Eklat: Beim Anblick des Ermittlers, der ihn festnahm, rastete er aus. Er bedrohte Polizisten, Journalisten und Beamte („Ich kriege euch, habe schon Leute auf euch angesetzt“), beleidigte sie massiv. Er sehe sich – so erklärt es sein Verteidiger Sascha Marks – wegen falscher Einbruchs-Verdächtigungen im Jahr 2013 als Justizopfer. Er wurde, nachdem er sich minutenlang nicht beruhigen ließ, vom Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm für den Rest des Verhandlungstags von der Sitzung ausgeschlossen.

  • An den kommenden Verhandlungstagen (ab Mittwoch, 9 Uhr in Saal 101) wird es vor allem um den Stein-Angriff auf zwei Frauen in der Wilhelmstraße gehen.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr