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„Ich mache dir das Leben zur Hölle“

Aus dem Amtsgericht „Ich mache dir das Leben zur Hölle“

Das Jugendschöffen­gericht verurteilte den ­gewalttätigen Ex-Freund wegen zwölffacher ­Nötigung, Nachstellung, Beleidigung und Körperverletzung in 64 Fällen zu einer Freiheitsstrafe.

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Ein Mann sendet auf diesem gestellten Foto den Text „Wenn du nicht zu mir zurückkommst, dann passiert etwas schlimmes“ mit einem Mobiltelefon.

Quelle: Franziska Kraufmann

Marburg. Der 25 Jahre alte Angeklagte wohnt mittlerweile im Lahn-Dill-Kreis, lebte Jahre zuvor mit seiner Freundin und dem gemeinsamen Kind in einer Wohnung in Marburg. Laut Anklage war die Beziehung seit 2012 geprägt von gewalttätigen und sexuellen Übergriffen und diversen „Kontrollmaßnahmen“ des dominanten, herrschsüchtigen Partners.

Demnach soll der Mann über den Alltag der jungen Frau bestimmt haben, verwehrte ihr den Umgang mit Freunden, der Familie und kontrollierte ihren Tagesablauf. Regelmäßig verlangte er Geschlechtsverkehr von ihr, den die junge Frau trotz Schmerzen aus Angst über sich ergehen ließ, so der Vorwurf. Den Sex soll der Mann quasi gegen Gefälligkeiten eingetauscht haben, wie Besuche bei ihrer Mutter, die ihr sehr wichtig waren.

Mindestens zwei Jahre lang kam es regelmäßig zu gewalttätigen Übergriffen, der Partner soll seine Freundin mehrfach ins Gesicht geschlagen, sie gestoßen oder gewürgt haben.

Auch nach der Trennung im Jahr 2013 ließ er nicht von der Frau ab, die mit dem gemeinsamen Kind bei einer Bekannten untergekommen war, und terrorisierte sie bis zum vergangenen Jahr mit Hunderten dokumentierten Handy-Nachrichten. In denen stieß er wüste Beleidigungen und Drohungen aus: „Ich mache dir das Leben zur Hölle, warte ab du Hure, ich werde dir zeigen, was Schmerzen sind“ ist nur ein winziger Ausschnitt einer ganzen Reihe an bedrohlichen Chats, berichtete Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier.

Die Nachrichten und diverse „Stalking-Attacken“ gab der Angeklagte von Anfang an zu. Die Handy-Nachrichten habe er „aus Wut“ über die Trennung und einen Streit über das Umgangsrecht mit seiner Tochter verfasst.
Alle anderen Vorwürfe bestritt er, beschrieb die Beziehung als normal und harmonisch: „Es gab Höhen und Tiefen, aber nie Handgreiflichkeiten oder Nötigungen.“

Vor Gericht gab sich der junge Mann vernünftig, ruhig und verblüfft ob der schweren Vorwürfe gegen ihn. „Ich verstehe nicht, warum ich ihr irgendetwas verwehren sollte – ich kann es immer noch nicht glauben“, teilte der Mann stockend unter Tränen mit.

Junge Frau unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt

Das Paar kam bereits im Jahr 2009 noch im Jugendalter beziehungsweise als Heranwachsende zusammen, bekam schon früh ein Kind und lebte zeitweise bei der Mutter des Mannes. Diese habe nichts bemerkt von angeblichen Übergriffen, „ich habe nie erlebt, dass er sie geschlagen oder zu etwas gezwungen hat“, betonte die Zeugin, die eine gleichberechtigte, normale Partnerschaft zwischen beiden beschrieb.

Eine Freundin und die Mutter der Geschädigten berichteten dagegen von einem zunehmenden Kontrollzwang und Dominanzgehabe seinerseits. „Sie durfte nicht mehr weggehen, musste immer aufpassen, was sie sagte, wenn er dabei war“, berichtete eine Zeugin. Immer wieder habe sie blaue Flecken an der ehemals fröhlichen jungen Frau bemerkt, die sich zunehmend introvertiert gab, Verletzungen mit langer Kleidung zu kaschieren versuchte und Ausreden erfand.

„Sie hat sich alles schöngeredet, ihr ging es richtig schlecht“, befand die Zeugin. Auch nach der Trennung habe sie in Angst vor dem „Ex“ gelebt, ging lange Zeit nur in Begleitung aus dem Haus und suchte sich psychologische Hilfe.

Die Geschädigte wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen, bestätigte die schweren Vorwürfe und gab „ein sehr rundes, umfassend glaubhaftes Bild“ von dem Geschehen, wertete die Staatsanwältin die Aussage.

Demnach habe der herrschsüchtige Angeklagte die Mutter seines Kindes massiv verfolgt, misshandelt und weise dabei „eine hohe Tatfrequenz und keinerlei Empathie auf“.

Die Verteidigung hob das damals junge Alter des Paares und seine Situation hervor. „Da waren zwei Menschen völlig überfordert mit ihrer kleinen Familie“, sagte Verteidiger Thomas Strecker. Heute sei das Verhältnis zwischen beiden halbwegs normal, Besuchsrechte des gemeinsamen Kindes seien klar geregelt und der Kontakt laufe „ganz vernünftig“ ab, betonte der Rechtsanwalt. Bis zuletzt bestritt der Angeklagte, jemals gegen seine Ex-Freundin psychische oder körperliche Gewalt ausgeübt zu haben.

Gericht: Mann war der dominante Kontrollpart

Dem schenkte das Jugendschöffengericht keinen Glauben, das vielmehr die Angaben der Geschädigten als nachvollziehbar, werthaltig und mit „hoher Stringenz“ wertete. Der Mann war demnach der dominante Kontrollpart innerhalb der Beziehung, die Frau war „kleinzuhalten, zu unterwerfen und zu beherrschen“, fasste der Vorsitzende Richter Dirk-Uwe Schauß zusammen.

von Ina Tannert

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