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„Ich denke, dass es ein gezielter Wurf war“

Aus dem Amtsgericht „Ich denke, dass es ein gezielter Wurf war“

Ein grundloser Streit zwischen Partygästen endete mit dem Wurf einer Bierflasche und einem Klinikaufenthalt des verletzten Opfers.

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Ein 22-Jähriger wurde vor dem Amtsgericht Marburg wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Für den Angriff mit dem harten Wurfgeschoss musste sich der Täter wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Schöffengericht verantworten. Er erhielt eine neunmonatige Haftstrafe, die zur ­Bewährung ausgesetzt wurde.

Ende August vergangenen Jahres feierte der 22-Jährige mit Freunden ausgiebig in einem Marburger Club. Gegen halb vier Uhr nachts geriet er mit ­einer anderen Gästegruppe aneinander. Wie der Beschuldigte zugab, ergriff er ohne Grund eine leere Bierflasche und warf sie nach den anderen Gästen. Das Geschoss traf einen jungen Mann mit voller Wucht ins Gesicht, zersplitterte und verletzte den Geschädigten. Dessen Lippe platzte auf, zwei Schneidezähne brachen teilweise ab.

Bis heute trägt er ein Zahnprovisorium, weitere Behandlungen stehen noch aus.

Dass er sich in dieser Nacht dermaßen rücksichtslos verhalten und den eher unbeteiligten Gast verletzt hatte, war dem nervösen Angeklagten sichtlich peinlich. Den Flaschenwurf gab er zu. „Ich bereue das ganz stark, es tut mir fürchterlich leid“, betonte er mehrfach. Gehandelt habe er „aus Wut, aus dem Affekt heraus – aber ich wollte niemanden treffen“, beteuerte er.

An Details der feucht-fröhlichen Nacht könne er sich jedoch nicht mehr erinnern, sei damals äußerst betrunken gewesen. Die Alkoholkontrolle durch die alarmierte Polizei ergab keine Stunde nach dem Angriff einen Wert von 1,7 Promille.

Außergewöhnlich viel für ihn, betonte der Angeklagte. Laut seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von 0 bis 10, nach der ihn Strafrichterin Annika Woltmann fragte, lag er bei „9 bis 10 – ich wusste ­danach nichts mehr von dem Vorfall“.

„Nicht gut gelaunt“

Nur die andere Gruppe habe sich durch ihn „irgendwie angegriffen gefühlt“, vermutete er. Warum und wie es zu dem Streit kam, daran könne er sich angeblich nicht mehr erinnern.

Mehrere Zeugen halfen ihm da gerne auf die Sprünge: Der ihnen fremde Mann kam in der Nacht sichtlich betrunken, „nicht gut gelaunt und provokant“ auf sie zu, begann ohne Grund zu pöbeln, berichteten drei Partygäste. Nachdem man ihm mehrfach mitgeteilt hatte, „keinen Stress zu wollen“, spuckte er eine junge Frau aus der Gruppe an, die ihm prompt eine runter haute. Als sich ­ihre Begleiter beschwerten, kam es zur „Diskussion, aber es gab kein Handgemenge“, berichtete der Geschädigte.

Er selbst habe sich aus der ­Debatte schließlich zurückgezogen, stellte sich neben Bekannte an eine Wand. „Ich drehte mich um und da kam die Flasche schon geflogen“, teilte er mit. Das bestätigten mehrere­ Bekannte. „Ich denke schon, dass es ein gezielter Wurf war“, vermutete ein Kumpel.

Damit traf er den Knackpunkt der Verhandlung, die sich um die Frage drehte, ob der Beschuldigte die Glasflasche einfach impulsiv ohne Ziel von sich warf oder das Opfer direkt anvisierte. Letzteres vermutete die Vertreterin der Staatsanwaltschaft. Der Wurf des wütenden Angreifers sei mehr gewesen als „sich nur Luft zu machen – er hat zielgerichtet gehandelt“, befand Amtsanwältin Keil, die ­eine einjährige Bewährungsstrafe beantragte.

Dass es an dem Wurf „gar nichts zu deuteln“ gab, dabei stimmte Verteidiger Arik Thaye Bredendiek mit der Anklageseite überein. Einen klaren Vorsatz sah der Rechtsanwalt jedoch nicht, „er hat den Geschädigten nicht gezielt ausgesucht, es ist eine fahrlässige Körperverletzung“, sprach sich der Verteidiger für eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen aus.

Einschlägig vorbestraft

Mehrfach entschuldigte sich der Angeklagte für die schwere Attacke, die „gar nicht typisch“ für ihn sei, wiederholte er. Dass dies nicht ganz stimmte und Gewalt in seiner Vergangenheit durchaus schon vorkam, bewies sein Vorstrafenregister: Er ist bereits einschlägig unter anderem wegen gemeinschaftlicher, gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung oder räuberischer Erpressung vorbestraft. Mit ein Grund, weshalb sich die Richterin nicht mit einer weiteren Geldstrafe zufriedengab. „Ich gehe hier nicht von Absicht aus“, gestand sie dem Mann zu. Wer jedoch eine Bierflasche durch einen voll besetzten Club werfe, „der nimmt billigend in Kauf, jemanden zu treffen und zu verletzen“, schloss die Richterin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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