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„Ich dachte, die wollten mich erschießen“

Aus dem Amtsgericht „Ich dachte, die wollten mich erschießen“

Blutige Racheaktion: Eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen zwei verfeindeten Gruppen Heranwachsender samt einer heftigen Messerattacke gab dem Schöffengericht Rätsel auf.

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Ein 19-Jähriger musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wer fing an zu pöbeln, wer schlug und wer stach zu? Zweifelsfrei konnte der Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung nicht mehr nachgewiesen werden. Der angeklagte 19-Jährige wurde freigesprochen.

Der junge Mann aus Marburg war Ende Dezember vergangenen Jahres in eine handfeste Schlägerei mit mehreren Beteiligten geraten. Gemeinsam mit zwei Kumpels traf er in einer dunklen Gasse am Gerhard-Jahn-Platz auf eine weitere Dreiergruppe. Nach kurzer Pöbelei entstand ein handfestes Gerangel. So weit waren sich sämtliche Beteiligte halbwegs einig. Laut Anklageschrift zückte der Angeklagte mitten im Getümmel ein langes Küchenmesser, fuchtelte damit herum und rammte es einem Kontrahenten in den Unterarm. Seine Dreiergruppe flüchtete daraufhin angeblich, wurde von den Gegenspielern noch einige hundert Meter verfolgt. Oder vielleicht auch nicht – denn einig waren sich die Zeugen darüber nicht, die vor Gericht einen bunten Blumenstrauß an unterschiedlichsten Aussagen zum Besten gaben.

Eine Übereinstimmung gab es in den seltensten Fällen. Beide Dreiergruppen beschuldigten die jeweils andere. Ein Trio, welches konnte nicht geklärt werden, lockte das andere wohl von der Biegenstraße weg in die dunkle Gasse – man wollte anscheinend miteinander reden und einen früheren Streit klären. Denn am Abend zuvor waren die Kontrahenten schon einmal aneinandergeraten: Während einer ausufernden Schlägerei­ zwischen zwei Gruppen vor der Mensa soll einer der Männer mit einer Schreckschusspistole bedroht worden sein, die laut Vorwurf zudem einmal abgefeuert wurde. Als Vergeltungsmaßnahme folgte daraufhin der Zwist am Folgetag, „ich glaube das war eine Art Racheakt“, vermutete ein Zeuge.

Staatsanwalt: „Alle sind keine Chorknaben“

Ein weiterer Anwesender meinte hingegen, die Gegengruppe habe das Opfer selber versehentlich verletzt. „Das erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich“, kommentierte der Vorsitzende Richter Dirk-Uwe Schauß, der die Zeugen mehrfach an ihre Wahrheitspflicht erinnern musste.

Dass ein Messer zum Einsatz kam, dem Geschädigten ein tiefer, etwa sieben Zentimeter langer Schnitt zugefügt wurde – das stand außer Frage. Unklar blieb, ob tatsächlich der Angeklagte­ das Messer dabei hatte. Alle drei Belastungszeugen wollen gesehen haben, wie er die Waffe zückte – mal aus einem Rucksack, mal aus der Jackentasche oder gar aus der Hosentasche soll er die 20 oder auch 40 Zentimeter lange Klinge hervorgezogen haben. Mit dieser soll er in Richtung Oberkörper des ­Geschädigten gestochen haben, der die Attacke mit dem Arm abwehrte. „Er hat das Messer gezogen und mich bedroht“, war sich der Zeuge sicher.

Den Vorwurf bestritt der Angeklagte vehement. Die drei Kontrahenten bezichtigte er, sich zuvor in einer noch größeren Gruppe von rund einem Dutzend Personen mit Waffen ausgerüstet zu haben. Als er mit seinen Freunden in Reichweite­ kam, seien die drei gezielt auf sie zugekommen.

Auch er vermutete eine Racheaktion nach dem Streit am Vortag, „am Abend vorher wollten die mich umbringen – sie müssen erfahren haben, dass ich bei der Polizei war und Anzeige erstattet hatte“, so seine Vermutung.

Während der Rangelei soll ­einer der anderen wieder eine Schusswaffe gezückt haben, ein weiterer das lange Messer. Daraufhin sei er in Panik geflohen, „ich dachte, die wollten mich erschießen, ich hatte furchtbare Angst“. Was seine Kollegen dabei taten, daran konnte er sich nicht mehr erinnern, ebenfalls nicht, wer den Geschädigten verletzte.

Seit dem Vorfall leide er an starken Angstzuständen, benötige psychologische Betreuung. Vor einigen Jahren kam er im ­Jugendalter als Flüchtling aus Afghanistan nach Marburg. Ein Großteil seiner Familie soll ermordet worden sein oder gilt als verschollen. Die gewalttätige­ Auseinandersetzung habe bei ihm alte Wunden aufgerissen. Wie die Jugendgerichtshilfe mitteilte, gilt der 19-Jährige als schwer traumatisiert. Hinsichtlich seiner Vorgeschichte und einem „freundlichen, hilfsbereiten Charakter, fällt es schwer, sich ihn als Täter vorzustellen“, heißt es im Bericht.

Dies bezog auch Staatsanwalt Christian Laubach in sein Plädoyer mit ein, der zwar keine besondere Schwere der Schuld feststellen konnte, die Messerattacke dennoch als erwiesen betrachtete: „Alle hatten ihren Anteil an der Sache und sind ­alle keine Chorknaben – aber der Stich steht fest.“

Ankläger forderte Urteil nach Jugendstrafrecht

Der Anklagevertreter sprach sich für eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht und für 120 Arbeitsstunden aus. Dem widersprach Verteidiger Gunther Specht, der auf die Widersprüche in den Zeugenaussagen hinwies. Er berief sich auf den rechtlichen Grundsatz „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den ­Angeklagten.

Darauf entschied auch das Schöffengericht. Die Schuld des Angeklagten konnte „nicht mit der erforderlichen Sicherheit“ nachgewiesen werden, fasste­ der Richter zusammen. Und selbst wenn der Beschuldigte­ das Messer dabei hatte und auch einsetzte – dass er dies im allgemeinen Getümmel nicht in Notwehr tat, wäre gleichfalls nicht zweifelsfrei beweisbar.

von Ina Tannert

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