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Richter kämpfte für Opfer der NS-Diktatur

Zum Tode von Heinz Düx Richter kämpfte für Opfer der NS-Diktatur

Der Standort seines Elternhauses im Stadtteil Weidenhausen war vielleicht mitursächlich dafür, dass Heinz Düx sich schon in Kindheit und Jugend im Widerspruch zum ­Zeitgeist befand.

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Der ehemalige Frankfurter Richter Heinz Düx ist am 3. Februar gestorben und am Freitag in seiner Heimatstadt Marburg beigesetzt  worden.

Quelle: Archiv

Marburg. Für seine politische Sozialisierung war ein Vorfall aus dem Jahr 1934 von besonderer Bedeutung. Ein SA-Sturm zog durch Weidenhausen über die Brücke zur Universität hinüber; und in der Mitte zwischen dem SA-Sturm und seiner Musikkapelle wurde ein jüdischer Mann durch die Stadt gezerrt, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift: „Ich habe ein Christenmädchen geschändet.“

Als zehnjähriger Junge erkannte Düx das Ungeheuerliche des Geschehens. Wenige Jahre später war seine Distanz zur „Volksgemeinschaft“ so offenkundig, dass er mit anderen sogenannte Feindsender hörte. Als Düx im Sommer 1944 zu Zwangsarbeiten im Bahn-Betriebswerk herangezogen war, fielen Bomben auch auf Marburg. Auf diese Weise kam am 12. März 1945 seine Großmutter im Eckhaus an der Bahnhofstraße/Elisabethstraße ums Leben. Der Einziehung zum Volkssturm entzog er sich und verschwand zu Verwandten im hohen Vogelsberg.

Nach dem Ende der Diktatur schloss Düx sein Jurastudium mit dem ersten Staatsexamen 1946 in Marburg ab. Er engagierte sich politisch, zunächst in der KPD, später in der SPD und der VdJ sowie in zahlreichen anderen kritischen Organisationen. Letztlich verstand er sich aber bis zuletzt mit einer gewissen Koketterie immer als Einzelkämpfer.

Nach der Referendarzeit und Tätigkeiten im Justizministerium und als Rechtsanwalt wurde Düx 1954 Richter. Im Zentrum seiner richterlichen Tätigkeit stand zeitlebens das Rechtsgebiet der Entschädigung und Rückerstattung von Vermögen an Opfer der NS-Diktatur. Von 1970 bis zur Pensionierung 1989 war er Vorsitzender des Entschädigungssenats am Oberlandesgericht Frankfurt.

Orientierung für nachfolgende Juristengenerationen

Ein für Heinz Düx persönlich, aber auch für die deutsche Justizgeschichte wichtiger Abschnitt seines Berufslebens war die zuvor von 1961 bis Mitte der 60er-Jahre entfaltete Tätigkeit als Untersuchungsrichter am Landgericht Frankfurt. Dort leistete er wesentliche Beiträge für die Strafverfolgung der im KZ Auschwitz und der „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hartheim begangenen Morde.

Düx begleitete bis ans Lebensende hellwach und kritisch die Entwicklung der Bundesrepublik. So unbequem er auch für die Justiz häufig gewesen sein mag, so sehr bot er aus dem gleichen Grund nachfolgenden Juristengenerationen Orientierung.

Denn er repräsentierte ein anderes Richterbild. In der öffentlichen Debatte um die Zulässigkeit von politischem Engagement von Richtern machte er unter Hinweis auf Artikel 146 der Hessischen Verfassung immer deutlich, worauf es ihm ankam: „Es ist Pflicht eines jeden, für den Bestand der Verfassung mit allen ihm zu Gebotestehenden Kräften einzutreten.“

Seine noch aus Zeiten als Fußballer beim Rasensportverein Germania 08 stammenden Verbindungen nach Marburg rissen auch in den folgenden Jahrzehnten niemals ab.

In den letzten Wochen seines Lebens standen die Erinnerungen an seine Marburger Jahre im Vordergrund seines Denkens. Dort waren die Wurzeln gelegt worden für das, was er zeitlebens als Aufgabe und Verpflichtung angesehen hatte.
Am 3. Februar ist Heinz Düx, Träger des Historischen Stadtsiegels der Universitätsstadt, im Alter von 92 Jahren gestorbenen und am vergangenen Freitag seinem letzten Wunsch entsprechend in aller Stille auf dem Marburger Hauptfriedhof beigesetzt worden.

von Georg D. Falk

  • Dr. h.c. Georg D. Falk, geboren 1949, war Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht Frankfurt. Er ist Richter des Hessischen Staatsgerichtshofs und Lehrbeauftragter der Philipps-Universität Marburg.
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