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Gymnasiallehrer beklagen Abi-Niveau

„Qualitätsproblem“ im Unterricht Gymnasiallehrer beklagen Abi-Niveau

„Der Mensch fängt nicht erst beim Abiturienten an“, sagt Hans-Georg Klingelhöfer. Als Sprecher des Hessischen Philologenverbandes im Landkreis kritisiert er sinkende Leistungsanforderungen an Gymnasien.

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Ein Schüler einer fünften Klasse meldet sich. Aufgrund von zunehmender Heterogenität in den Klassen wird ein solch geregelter Unterricht schwieriger.

Quelle: Frank Rumpenhorst

Marburg. Der Fachkräftemangel ist in aller Munde, das mäßige Abschneiden Deutschlands bei Pisa-Studien wird allenthalben kritisiert. Aus der Politik werden regelmäßig Stimmen laut, die eine bessere Bildung für deutsche Schüler fordern.

Aus Sicht des Hessischen Philologenverbandes, der Organisation von Gymnasiallehrern an Gymnasien und Gesamtschulen, gehen die Vorstellungen dabei jedoch in eine falsche Richtung. Nicht allein der höhere Abschluss auf dem Papier stehe für die Qualität der Schulausbildung.

Nicht für jeden Schüler ist Abitur der beste Abschluss

„Ich ärgere mich immer, wenn es heißt, wir haben zu wenige Abiturienten beziehungsweise zu wenige Akademiker“, sagt Hans-Georg Klingelhöfer, Pressesprecher für den Bezirksverband Marburg-Biedenkopf. Nicht für jeden Schüler sei der höchste Bildungsabschluss immer das Beste. Er persönlich wisse von einigen Kindern, „die am Gymnasium schwach waren, woanders dann aber mehr Spaß und am Ende auch mehr Erfolg hatten“.

Die „zunehmende Heterogenität“ – also die größeren Unterschiede zwischen den einzelnen Schülern – sei schon seit einigen Jahren ein Problem, das dem Philologenverband „seit Jahren auf den Nägeln brennt“. „Oft geht man im Unterricht Kompromisse ein“, so Klingelhöfer, das Niveau aber leide darunter letztendlich. Dies führe zu einem „Qualitätsproblem“ im Unterricht und daraus resultierend zu einer „Notenaufweichung“.

Eine Resolution des Hessischen Philologenverbandes aus dem vergangenen Jahr definiert das Gymnasium als eine Bildungseinrichtung, die sich durch „vertiefte Allgemeinbildung“ und „dezidierten Wissenschaftsbezug“ auszeichne. Sie solle Abiturienten bestmöglich „auf ein Universitäts- und Hochschulstudium sowie auf eine anspruchsvolle Berufsausbildung“ vorbereiten. Innerhalb des Bildungssystems stelle sie damit eine „eigenständige Schulform innerhalb des gegliederten und an Begabungen orientierten Schulwesens“ dar.

Formulierungen, die auf ein „stärkeres Profilbewusstsein“ der jeweiligen Schulform abzielen, das auch der Vorsitzende des Bezirksverbandes, Dr. Theo Keup, einfordert. Schließlich wolle man jungen Menschen individuell die beste Bildung bieten und auf ihre Persönlichkeit eingehen.

Empfehlung von Grundschullehrern verlieren an Bedeutung

„Begriffe wie Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit dürfen nicht politisch verflacht und instrumentalisiert werden“, ergänzt Klingelhöfer, denn jeder Mensch sei „einzigartig und individuell“. Dabei biete gerade die duale Ausbildung beispielsweise eine gute Bildung für Menschen, deren Begabung eher im praktischen Bereich liegen. Um dieses System werde Deutschland international beneidet. Schuld an der immer stärkeren Fokussierung auf das Gymnasium sei aber nicht nur die Politik, sondern auch die Eltern. „Die Vorstellung ist oft: Wenn du Abiturient bist, steht dir die Welt offen. Und: Wenn der Bruder auf dem Gymnasium war, muss die Schwester auch dahin.“ Die Empfehlung von Grundschullehrern verliere immer weiter an Bedeutung.

Verschärft wird die Entwicklung zudem von zwei aktuellen Herausforderungen. Zum einen durch die fortschreitende Inklusion, zum anderen durch Flüchtlinge. Dadurch kommen zwei Gruppen von Schülern hinzu, die einen besonderen Förderungsbedarf haben. Wenn Klassengrößen nicht an die steigenden Anforderungen angepasst würden, werde es immer schwerer, allen gerecht zu werden (siehe Kasten). „Viele Befürworter der Totalinklusion erleben im Moment einen Ernüchterungsprozess“, sagt Keup.

Die Herausforderung bei der Integration der Flüchtlinge in den Unterricht könne zudem „kaum größer sein“. Die Hoffnung, diese Schüler relativ schnell in die Regelklassen eingliedern zu können, habe sich bisher zumeist nicht erfüllt. Daher werbe der Philologenverband dafür, „nicht nur idealisierte Anforderungen zu vertreten“, so Keup. Von der Politik werde häufig suggeriert, „das alles zu haben ist“, unabhängig von anfallenden Kosten und Ressourcenverfügbarkeit vor Ort.

Inklusion und Flüchtlinge: Lehrer aus dem Landkreis berichten
In den Schulen häufen sich die Probleme. Besonders betroffen sind dabei Hauptschulen und berufliche Schulen. Ein Vortrag über „Lehrertypen“ im Bezug auf Stress sorgte zuletzt an der Adolf-Reichwein-Schule für Aufregung. Über den neuen Whatsapp-Service der Oberhessischen Presse meldeten sich auch einige Lehrer aus dem Landkreis anonym zu Wort. „Immer mehr Schülerinnen und Schüler haben zunehmend Konzentrationsprobleme und können sich nichts mehr merken. Das hängt sicher mit mangelnder Bewegung und Überreizung durch Smartphone und Co. zusammen“, schreibt eine Lehrerin aus einer „Haupt- und Realschule mit Grundschule“. Hinzu kämen nun eben die neuen Herausforderungen. „Die inklusiv beschulten Kinder – wenn es um Verhaltensauffälligkeiten geht – nehmen viel Raum ein und bekommen viel Aufmerksamkeit durch häufige Ermahnungen. Die anderen Schüler kommen dann definitiv zu kurz und die Flüchtlinge sind durch die Sprachbarrieren nur schwer zu integrieren“, berichtet sie.
Ein weiterer OP-Leser, der mit einer Lehrerin verheiratet ist, bestätigt den Eindruck, macht aber deutlich dass zu differenzieren sei: „Meine Frau unterrichtet selber auch Flüchtlinge und hat hierfür extra ein Seminar besuchen müssen. Sie kann die Eindrücke bestätigen, da hier die verschiedensten Bildungsgrade und Sprachentwicklungen in einer Klasse zusammengewürfelt werden. Manche haben bereits in ihrem Heimatland einen hohen Schulabschluss erreicht, anderen können fast nichts. Andererseits sammelt sie auch positive Erfahrungen mit Flüchtlingsklassen: Da diese Menschen froh sind, nun in einem sicheren Umfeld zu sein und Schulbildung zu bekommen, beteiligen sie sich rege am Unterricht und lernen fleißig. Mehr Probleme hat meine Frau mit deutschen Jugendlichen, die noch schulpflichtig sind, aber keinen Bock mehr haben.“

von Peter Gassner

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