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Gutachter: Rechtsextremes Verbrechen

Münchner Amoklauf Gutachter: Rechtsextremes Verbrechen

Der Marburger Philipp K. war in den Amoklauf von München eingeweiht und auch die Polizei hatte Hinweise auf eine Gewalttat – davon ist der Anwalt ­Yavuz Narin überzeugt.

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Der Angeklagte Philipp K. (M) sitzt zusammen mit seinen Anwälten David Mühlberger (links) und Sascha Marks im Landgericht im Verhandlungssaal. Foto: Sven Hoppe

Quelle: Sven Hoppe

Marburg. Die Gutachter, die am Freitag im Prozess aussagten, sehen ein rechtsextremes Hassverbrechen – das genaue Motiv des Täters bleibt aber nach den Einschätzungen der Experten diffus. Der 18-jährige Täter David S. sei ein „einsamer Wolf“ gewesen, der einen Terroranschlag verübt habe, sagte der Politikwissenschaftler Florian Hartleb am Freitag in München. Dass sich S. vorrangig für Mobbing in der Schule habe ­rächen wollen, reiche als Erklärung nicht aus.

Das Geschehen könne „als Akt eines allein handelnden Terroristen“ bezeichnet werden, heißt es im Gutachten des Direktors des Jenaer Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft, Matthias Quent. Dabei seien allerdings persönliche und politische Faktoren „untrennbar miteinander verschmolzen“. Im Ergebnis müsse die Tat zwingend als „politisch motivierte Kriminalität“ eingeordnet werden.

Der Berliner Professor für ­Politikwissenschaft und Soziologie, Christoph Kopke, sagte­ hingegen, es sei dem Täter „nicht darum gegangen, eine politische Aussage zu treffen“. Vielmehr seien die psychischen Erkrankungen von David S. „der eigentliche Antrieb“ für die Tat gewesen, zudem auch die Rache für Mobbing.

Der Münchner Anwalt Yavuz Narin vertritt mehrere Angehörige von Todesopfern, die als Nebenkläger am Verfahren teilnehmen. Er befürchtet, dass das Urteil gegen K. zu milde ausfallen wird.

OP: Was hat der Prozess über Philipp K. zutage gefördert, das zuvor nicht bekannt war?
Yavuz Narin: Für mich steht mittlerweile fest, dass K. über den Plan von David S. Bescheid wusste. So hat eine Frau aus dem Rheinland vor ihrer Familie geprahlt, sie habe über das Internet mit K. und S. in Kontakt gestanden und auch Tipps zur Bedienung der Tatwaffe Glock 17 gegeben. Sie wusste auch bereits am Abend der Tat, dass der Täter dieses Modell bei K. gekauft hatte. Drei ihrer Familienmitglieder haben diese Aussage bestätigt.

OP: Wie haben Sie K. im ­Gerichtssaal erlebt?
Narin: Er hat null Mitgefühl für die Opfer und Angehörigen gezeigt – nicht einmal, als ihn der Vater eines 14-jährigen Todesopfers direkt angesprochen hat. Regungen zeigt er nur, wenn er fürchtet, hart bestraft zu werden – zum Beispiel in Briefen an ­seine Familie.

"Geschlossenes rechtsextremes Weltbild"

OP: Welche Rolle spielt Rechtsextremismus für den Angeklagten?
Narin: Die Beweise und das Gutachten eines psychiatrischen Sachverständigen zeigen,­ dass K. ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild vertritt. Er hat sich in der Neonazi-Szene bewegt, in Chats fremdenfeindliche Sprüche geschrieben. Dabei ging es auch um Gewalt. Er hat gesagt, dass er sich einen Dritten Weltkrieg wünsche.

OP: Sie wollen erreichen, dass K. nicht nur wegen fahrlässiger Tötung, sondern wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wird, was ihn theoretisch lebenslang hinter Gitter bringen könnte. Können Sie sich damit durchsetzen?
Narin: Nein. Wir haben beantragt, dass das Gericht dem Angeklagten einen sogenannten rechtlichen Hinweis erteilt. Das ist Voraussetzung für eine­ Verurteilung als Mordhelfer. Das Gericht hat sich aber dagegen gesperrt. Darum haben wir die Kammer wegen Befangenheit abgelehnt.

OP: Wieso lautet die Anklage­ nur auf fahrlässige Tötung, wenn die Beweislage angeblich so klar ist?
Narin: Die Staatsanwaltschaft wollte dieses Verfahren von Anfang an kleinhalten. Die Ermittlungsakten zeigen, dass verdeckte Fahnder schon vor einem Jahr Kontakt sowohl zu Philipp K. als auch David S. hatten. In den Akten, die an das Gericht gegeben wurden, fehlen diese Informationen aber. Die Behörde will nicht offenbaren, dass die Tat hätte verhindert werden können. Außerdem stützt sie die Einschätzung, dass David S. vor allem aus Rache für Mobbing in seine Schulzeit gehandelt hat und nicht aus rassistischen Motiven. Aber die Staatsanwaltschaft hat klargestellt, dass es ihrer Einschätzung nach mehrere Motive für den Amoklauf gab – einschließlich Rechtsextremismus.

OP: Hat auch die Polizei den Rechtsextremismus ausgeblendet – wie etwa nach den Morden des NSU?
Narin: Nein, die hat ihre Arbeit in diesem Fall sehr gut gemacht. Gerade das bayerische Landeskriminalamt hat die Angehörigen einfühlsam betreut.

von Tom Sundermann

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