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Gotteshaus war einst ein Pferdestall

500 Jahre Kugelkirche Gotteshaus war einst ein Pferdestall

Wie alt die Kugelkirche ist, weiß niemand so ­genau. Sie könnte jetzt 500 Jahre alt werden – vielleicht aber auch erst in drei Jahren. Die katholische Gemeinde St. ­Johannes feiert dennoch dieses Jahr Jubiläum.

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Vor 1879 war die Tür im Chor der einzige Zugang zur Kugelkirche.

Quelle: Foto-Marburg

Marburg. „Wir feiern ins Ungewisse hinein, denn wir haben kein genaues Weihedatum“, sagt Pfarrer Franz Langstein. Er betreut die katholische Gemeinde St. Johannes Evangelist, die die Kugelkirche heute für ­ihre ­Gottesdienste nutzt. Vieles ist unbekannt in der wechselvollen Geschichte der kleinen Kirche in Marburgs Oberstadt – einige Informationen hat Elmar Brohl, Mitglied der Kirchengemeinde, schon zusammengetragen. „Bei allem, was wir wissen, ist 1517 das frühestmögliche Weihe­datum der Kugelkirche“, erklärt Brohl. „Sie könnte auch etwas jünger sein.“

Gefunden hat Brohl nur einen­ baulichen Hinweis auf das ­ungefähre Alter der Kugelkirche: Im Stifterwappen des Ehepaares Heinrich Imhof und Elisabeth von Treisbach findet sich die Jahreszahl 1516. Das spreche dafür, dass in jenem Jahr am Mauerwerk gearbeitet wurde. „Die Baumringbestimmung hat zudem ergeben, dass das Holz für den Dachstuhl im Winter 1516/17 gefällt wurde“, erklärt Brohl weiter. „Ab 1517 war also der Dachstuhl der kleinen Kirche sicherlich weithin sichtbar.“ Dass die Kirche in dem Jahr schon fertiggestellt wurde,­ halte er jedoch für unwahrscheinlich: Früher sei es üblich gewesen, erst den Dachstuhl zu errichten und zu verschiefern. Das Gewölbe sei dann vermutlich erst im Anschluss – quasi im Trockenen, geschützt vom Dach – errichtet worden. „Und am Gewölbe wurde sicher ein Jahr herumgebaut“, ist sich Brohl ­sicher.

Geziert wird die Kirche von einem sehr flachen Springrautengewölbe. „Das war damals ­unter den Architekten gerade in ­Mode“, weiß Brohl. Woher die Bauleute kamen, wisse er aber nicht – denn alle Rechnungen und Aufzeichnungen seien verloren gegangen, vermutlich im 30-jährigen Krieg. „Vielleicht stammten die Bauleute aus Sachsen“, hat er jedoch eine Vermutung. Denn Sachsen war neben dem Schwäbischen eines der Zentren für die Gewölbebauart. „Es gibt ­gewisse Übereinstimmungen mit dem Fenstermaß in sächsischen ­Kirchen.“

Bekannt ist, dass die Kugelkirche von den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“ genutzt wurde. Sie trugen eine Gugel – eine Art Kapuzenumhang – woraus sich laut Brohl der Name Kugelherren ableitete. Ihre Kirche wurde daher auch als Kugelkirche bekannt.

Studenten üben die Predigt in der Kugelkirche

Lange hielten sie jedoch keine Gottesdienste in ihrer neuen Kirche ab: Die wurde nach Einführung der Reformation 1527 geschlossen, die Gemeinschaft aufgelöst. „Die Kirche wurde mitsamt ihren Ländereien der Universität zugewiesen“, erzählt Brohl weiter. Die Studenten der evangelischen Theologie nutzten sie als Auditorium, übten dort das Predigen. Erst über 100 Jahre später seien dort wieder richtige Gottesdienste abgehalten worden: Von 1650 bis 1658 nutzte die „Reformierte Gemeinde“ die Kugelkirche. Im Jahr 1687 wies dann der Landgraf das Gotteshaus der französisch-reformierten Kirche zu, als immer mehr Flüchtlinge aus Frankreich nach Marburg kamen. „Bis in die 1820er-Jahre wurden in dem Gebäude die Gottesdienste auf Französisch gehalten“, so Brohl. Dann habe die Gemeinde sich aufgelöst – die Kugelkirche diente vermutlich mal als Pferdestall, mal als Holzlager – und sei zusehends verfallen.

Katholische Gottesdienste hat schließlich der französische König Jerome wieder erlaubt – und teilte den Katholiken laut Brohl den Chor der Elisabethkirche zu. „Das führte natürlich zu großem Ärger zwischen den rund 100 Katholiken und den mehr als 4000 Protestanten.“ Nach Ende der französischen Besatzung bekamen die Katholiken dann auch den Chor wieder entzogen und die Kugelkirche als Ersatz zugewiesen. „Sie war ziemlich heruntergekommen und es musste lange renoviert werden“, erzählt Brohl. Seit 1822 ist die katholische ­Gemeinde jedoch ununterbrochen in der Kugelkirche – und beendete damit die wechselvolle Geschichte des Gebäudes zwischen Uni, Kirche und ­Lagerraum.

von Patricia Grähling

Kuriosum: Jubiläum wurde bereits 1982 gefeiert

Bereits zum zweiten Mal wird das 500-jährige ­Bestehen der Marburger ­Kugelkirche gefeiert. Das letzte Mal war das im Jahr  1982 der Fall.

Es ist ein Kuriosum: Bereits vor 35 Jahren – im Jahr 1982 feierte die Kugelkirchengemeinde ihr 500-jähriges Bestehen. So gab es am 5. März 1982 einen großen Jubiläumsartikel unter der Überschrift „500 Jahre Kugelkirche“ in der Oberhessischen Presse zu lesen.
Demzufolge sei am 3. März 1482 die Trinitatiskapelle der Kirche des heiligen Apostels ­Johannes (Kugelkirche) zusammen mit einem Altar vom damaligen Mainzer Erzbischof geweiht worden. Diese Altarweihe habe die Kugelkirchengemeinde­ zum Anlass genommen, ihr Jubiläum zum 500-jährigen Bestehen der Kugelkirche zu feiern.

Das Jubiläumsprogramm war breit gefächert. Dazu zählten spezielle Predigten, ein Festgottesdienst, eine Besinnungsnacht und ein Pfarrfest rund um die Kugelkirche.

Doch wieso wird jetzt im Jahr 2017 erneut das 500-jährige ­Bestehen der Kugelkirche gefeiert. In der im Verlag Schnell und Steiner gedruckten offiziellen Broschüre zur 500-Jahrfeier wird das frühere Jubiläum ­jedenfalls nicht erwähnt.

Die OP fragte nach bei Pfarrer Franz Langstein, dem aktuellen Pfarrer der Kugelkirchengemeinde. Dieser sagte, dass er von dem früheren Jubiläum, das unter der Ägide seines Vorvorgängers Dechant Winfried Leinweber gefeiert worden sei, keine persönliche Kenntnis gehabt habe. Es habe ihn aber der ehemalige Stadtbaudirektor Elmar Brohl darüber informiert, der sich um die Baugeschichte der Kirche gekümmert habe. Gefeiert worden sei demzufolge laut Brohl wegen der Weihe eines Vorgängerbaus der Kugelkirche. Dieses „Kirchlein“ sei schon 1482 errichtet worden.

Seit 1982 gebe es aber einen völlig neuen Sachstand der Forschung. Das habe Brohl ihm ­bereits im Vorfeld der aktuellen Jubiläumspläne mitgeteilt.  Brohl ist Mitglied der Kirchengemeinde der Kugelkirche und kann sich sogar noch an das Jubiläumsjahr 1982 erinnern. Allerdings wisse er nicht mehr im Detail, welche Feierlichkeiten es damals gegeben habe, sagte er auf OP-Anfrage.

Eindeutig sei aber auf jeden Fall, dass die 500-Jahrfeier im Jahr 1982 wohl verfrüht gewesen sei. Dafür gebe es vor allem zwei entscheidende Gründe. Zum einen hätten dendo­chronologische Untersuchungen des Dachstuhls der Kugelkirche zweifelsfrei ergeben, dass das dafür verwendete Holz aus den Jahren 1516 oder 1517 stamme.

Zudem sei es erwiesen, dass das Grundstück, auf dem die Kugelkirche heute stehe, definitiv erst später als 1482 erworben worden sei. Das kleine Kirchlein, dessen Weihedatum im März 1482 gewesen sei, könne nur ein kleiner Fachwerkbau gewesen sein und allenfalls ein Vorgängerbau der größeren ­Kugelkirche.

Verweis auf Aufsätze von Angus Fowler

Brohl bezieht sich vor allem auf Erkenntnisse des Marburger Historikers Angus Fowler, die bereits im Jahr 1983 publiziert wurden. Unter anderem in einem Aufsatz im Marburger Almanach stellte damals Fowler die Ergebnisse seiner Nachforschungen dar, die den älteren Forschungsstand revidierten. Fowler wiederum bezog sich auf Nachforschungen des Marburger Archivars Dr. Wolf-Erich Kellner und von Dr. Albrecht Eckhardt, die er aber noch ergänzte.

Fowler schrieb in seinem Aufsatz, dass die Marburger Kugelkirche nach den aktuellen Forschungserkenntnissen „nicht gleich nach der Gründung des Stiftes 1476/77, sondern erst über 30 Jahre später wohl etwa 1510/20 entstanden sei. Erst dann seien den „Fraterherren“ die notwendigen großen Bargeldsummen zur Verfügung gestanden, um die Errichtung eines künstlerisch so bedeutenden Bauwerkes zu leisten“, schlussfolgerte Fowler. Der Grund und Boden, auf dem die Kugelkirche heute stehe, sei erst  1492 und 1495 durch die ­Kugelherren erworben worden, so Fowler.

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund
Weil die Kirchengemeinde St. Johannes Evangelist das genaue Weihedatum ihrer Kugelkirche nicht kennt, hat sie sich entschieden, den 500. Geburtstag ihres Gotteshauses in diesem Jahr zu feiern. Das Festwochenende findet­ statt von Donnerstag, 25. Mai, bis Sonntag, 28. Mai. Los geht es am Donnerstag mit einer Wanderung durch das Gemeindegebiet. Start ist um 12 Uhr am Bahnhof in Niederwalgern.
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