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Gericht muss klären: Haft oder Klinik?

Aus dem Landgericht Gericht muss klären: Haft oder Klinik?

Weil ein Kunde die offene Rechnung nicht bezahlen konnte, griff ihn sein ­Drogendealer mit einer Nagelschere an. Die dafür verhängte Bewährungsstrafe reichte der Staatsanwaltschaft nicht – sie legte Berufung ein.

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Der Angeklagte soll bereits drei Tage nach seiner letzten Therapie rückfällig geworden sein und dann sogar harte Drogen wie Heroin konsumiert haben ( Symbolfoto).

Quelle: Frank Leonhardt

Marburg. Vor einem halben Jahr verurteilte das Strafgericht den angriffslustigen Dealer wegen gefährlicher Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu sechseinhalb Monaten auf Bewährung samt 100 Arbeitsstunden. Zu wenig, befand die Staatsanwaltschaft.

Der Berufungsgrund: Das Strafmaß beziehe die üppigen Vorstrafen des Angeklagten nicht ausreichend mit ein, sei „nicht tat- und schuldangemessen“, verlas der Vorsitzende Richter Gernot Christ die Begründung während der Berufungsverhandlung.

Was war zuvor geschehen? Mitte Juni 2015 traf sich der Angeklagte mit seinem späteren Opfer am Marburger Hauptbahnhof, um noch offene Rechnungen „aus Drogengeschäften“ einzutreiben, heißt es im Urteil des Amtsgerichts. Es kam zu einem lautstarken Streit und einer Rangelei. Mit einer mitgeführten Nagelschere stach der Beschuldigte mehrmals auf den Geschädigten ein. Auch nachdem der Fliehende stürzte nutzte der Angreifer die Lage des am Boden Liegenden aus und griff erneut an. Das Opfer erlitt ein halbes Dutzend leichte Stichverletzungen.

Einige Tage zuvor hatte sich der Täter zudem mit einigen Polizeibeamten angelegt, die in seiner Wohnung einem vermeintlichen Fall von häuslicher Gewalt nachgehen wollten. Der Angeklagte stellte sich den Polizisten in den Weg und versuchte sie mit Gewalt daran zu hindern, nach seiner Freundin zu sehen. Die Ordnungshüter legten ihm Handfesseln an.

Nicht zuletzt, da der junge Mann der Polizei wie der Justiz bereits gut bekannt war. Der heute 26-Jährige ist mehrfach einschlägig vorbestraft, unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Zum Tatzeitpunkt befand er sich bereits innerhalb einer Bewährungsfrist. Schon vor der ersten Instanz stand eine weitere Bewährungsstrafe daher auf der Kippe, wurde nur „mit äußerstem Wohlwollen“ vergeben. Der Anklagevertreter hatte damals auf achteinhalb Monate Haft plädiert.

Da der eigentliche Vorwurf aufgeklärt werden konnte und die Schuld des Angeklagten rechtskräftig fest steht, richtete sich die Berufung der Staatsanwaltschaft allein auf die Strafhöhe. Die Verteidigung hatte indes kein Rechtsmittel eingelegt, rechnete sogar mit „guten Erfolgsaussichten“ für die Anklagevertretung, sagte Verteidiger Sascha Marks. Der Rechtsanwalt führte jedoch einen entscheidenden Punkt ins Feld – die Abhängigkeit des Angeklagten.

Der junge Mann soll zur Tatzeit unter Drogeneinfluss gestanden haben, konsumiere seit langer Zeit große Mengen an verschiedenen Suchtmitteln, „ganz erheblich sogar“. Seit der letzten Verurteilung gab es einen Entgiftungsversuch – was üblicherweise vor einem Berufungsgericht ganz gut ankommt.

Sachverständiger soll Licht ins Dunkel bringen

Nicht in diesem Fall: Die Therapie hatte keinen Erfolg, der Süchtige hielt gerade einmal drei Tage durch. Mittlerweile habe er sogar Erfahrungen mit harten Drogen wie etwa Heroin gemacht, drohe immer weiter in den Drogensumpf und in die Beschaffungskriminalität abzurutschen.

Der Verteidiger schlug daher eine weitere Langzeittherapie als geeignetere Maßnahme zu einer üblichen Haftstrafe vor, „bevor es vollständig den Bach runter geht“, sagte Marks. Er spekulierte somit auf eine Zurückstellung der drohenden Strafe zugunsten der Drogentherapie. Damit brachte die Verteidigung eine gerichtlich angeordnete Unterbringung in eine Entzugsklinik ins Spiel. Diese geht in der Regel nicht ohne ausgiebige Prüfung vonstatten. „Eine Anordnung auf Unterbringung kommt in Betracht“, stellte Christ bereits fest.

Um ein erforderliches Gutachten und einen Sachverständigen bestellen zu können, wurde die Verhandlung bis auf weiteres ausgesetzt.

von Ina Tannert

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