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Gericht baut „eine goldene Brücke“

Aus dem Landgericht Gericht baut „eine goldene Brücke“

Das Landgericht Marburg hat einen 27-Jährigen in einer Berufungsverhandlung wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Gegen die Therapie im Maßregelvollzug sträubt er sich.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Landgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Angeklagte war im Juni 2016 vom Amtsgericht Marburg zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.

Im Juni 2015 hatte sich der Angeklagte mit dem Geschädigten, der als Nebenkläger auftrat, in einem Back-Shop am Hauptbahnhof getroffen. Dort wollte der 27-Jährige 100 Euro vom Geschädigten zurückhaben, die dieser ihm aus Drogengeschäften schuldete. Da dieser das Geld nicht hatte, kam es zu einem Streit und einer Schubserei, wie der Nebenkläger sagte. Der Geschädigte floh daraufhin in seine Wohnung, der Angeklagte folgte ihm dorthin und klingelte Sturm.

Nachdem die anderen Bewohner den Geschädigten wegen des Lärms gedrängt hatten, mit dem 27-Jährigen zu reden, ging dieser hinunter und traf diesen auf dem Bürgersteig vor dem Haus.

Der Angeklagte zückte eine halbe Nagelschere, die er zum Schneiden von Marihuana benutzt und stach auf den Geschädigten ein. Der Nebenkläger versuchte zu fliehen, stolperte aber und der Angeklagte stach dem auf dem Boden Liegenden in den Rücken. Insgesamt stach er fünfmal in das Bein, die Brust, die Wange und zweimal in den Rücken. Von dem Angriff trägt der Nebenkläger bis heute kleine Narben.

„Seine Einsichtsfähigkeit war nicht beeinträchtigt“

Als Grund für die Gewalttätigkeit gab Rechtsanwalt Sascha Marks an, der Angeklagte sei aufgrund des regelmäßigen Drogenkonsums, insbesondere von Amphetaminen, bei der Begehung der Tat enthemmt gewesen. Die Ex-Freundin des Angeklagten, die als Zeugin geladen war, bestätigte, dass der 27-Jährige regelmäßig Alkohol und Speed konsumiert habe und sie bei ihm eine Persönlichkeitsveränderung feststellen konnte.

Zur Ermittlung der Schuldfähigkeit und Betrachtung seiner Suchterkrankung erstellte Stefan Regenfuß, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Vitos-Klinik für forensische Psychiatrie in Bad Emstal, ein Gutachten. Zum Tatzeitpunkt war der Angeklagte zwar enthemmt, aber „seine Einsichtsfähigkeit war nicht beeinträchtigt“. Der Gutachter kam zu dem Schluss, dass der Angeklagte seit der Scheidung der Eltern bereits im Schulalter alkoholkrank war sowie Cannabis konsumierte und spätestens mit der Beendigung seiner schulischen Laufbahn amphe­taminabhängig war. Zwischendurch hatte er auch Heroin, LSD und Crystal Meth probiert.

Die Sucht hinderte ihn auch daran, eine Ausbildung zu beginnen oder zumindest dauerhaft einer Beschäftigung nachzugehen. Darüber hinaus seien „ähnlich gelagerte Straftaten aufgrund der Suchterkrankung zu erwarten“ resümierte Regenfuß. Der Angeklagte war bereits in der Jugendzeit mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hat eine lange Liste an Vor- und Bewährungsstrafen auf dem Gebiet der Beschaffungskriminalität. Der Sachverständige empfahl dem Angeklagten eine stationäre Therapie.

Der Vorsitzende Richter Gernot Christ befürwortete eine Therapie anstelle einer Haftstrafe für den Angeklagten und sah darin „eine Chance, vielleicht die letzte, Ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen.“

Angeklagter: „Schicken Sie mich ins Gefängnis“

Doch der 27-Jährige weigerte sich, einen freiwilligen Therapieantritt zu erklären. „Schicken sie mich ins Gefängnis“, sagte er zur Überraschung der Anwesenden. „Ich werde mich bemühen, keine Straftaten mehr zu begehen.“ Als Grund für seine Weigerung gab der Angeklagte an, er habe Angst in der Therapie „bevormundet“ zu werden. Auch der Anwalt des Nebenklägers, Christian Kunath, pflichtete in seinem Plädoyer einer Therapie bei und kritisierte die Weigerung des Angeklagten scharf: „Sie sehen nicht, dass alle hier versuchen, Ihnen eine goldene Brücke zu bauen“, sagte Kunath.

Nach einstündiger Beratung verlas Richter Christ das Urteil. Der Angeklagte wurde zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Darüber hinaus ordnete er eine Therapie im Maßregelvollzug an, da der Sachverständige von einer „hinreichenden Erfolgsaussicht trotz Weigerung“ ausginge.

von Michael Noll

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