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Verpflichtung zu moralischem Handeln

Heinrich Bedford-Strohm Verpflichtung zu moralischem Handeln

Die Veranstaltung des Collegium Philippinum in der Universitätskirche stand unter dem Titel „Von der Freiheit eines Christenmenschen – Reformation und gesellschaftliche Verantwortung“.

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, in der Universitätskirche.

Quelle: Michael Noll

Marburg. Als Redner war der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland eingeladen. Nicht erst im Lutherjahr sind die Schriften Luthers „alles andere als von gestern“, wie Professor Heinrich Bedford-Strohm sagt. Das Thema der Freiheit als Glaubensgrundlage und Gesellschaftspolitik ist für ihn „so eng verknüpft, damals wie heute“. Aber in den Zeiten von Terror und Krieg, entstehe mit dem Bedürfnis nach Freiheit ein Dissens zur Sicherheit.

Zu Beginn zitierte Bedford-Strohm aus dem zweiten Korinther-Brief 3,17, der für ihn die Grundlage des christlichen Verständnis‘ von Freiheit legt: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Daraus folgt die reformistische Tradition der Eleutheria. Luther entwickelte durch sein Studium der Bibel seine Rechtfertigungslehre, die sich von der Suche nach Gott und Freiheit durch Fasten und Kasteien entfernt. „Ich muss mir mein Heil nicht verdienen, ich bin schon gerechtfertigt“, fasste Bedford-Strohm zusammen. Aus dieser inneren Freiheit – dem Heil, das Jesus für alle verdient hat – entspringt die Rechtfertigung zum Handeln und auch die Chance, neu anzufangen.

Dabei sollten die Gläubigen sich nicht darauf beschränken, einzig ein „moralisches Punktekonto“ im Auge zu haben, sondern sich auch der moralischen Freiheit stellen. Luther folgerte daraus ein Verhältnis von Pflicht und Freiheit: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Für Luther gehören die beiden Seiten zusammen, denn erst durch die innere Freiheit, kann man äußere Freiheit erlangen. „Wir stellen uns Freiheit heute­ so vor, möglichst viele Optionen zu haben“, sagte Bedford-Strohm, „aber Freiheit ist nicht die Unabhängigkeit von aller Verpflichtung.“ Vielmehr sei sie Verpflichtung zu moralischem Handeln.

Referent bedauert, dass Buße in Politik nicht akzeptiert wird

Als zentrale Gesichtspunkte­ der moralischen Orientierung sieht Luther die Buße und die Sünde, denn aus ihnen folgt die Vergebung. „Wie viele Beziehungen könnten noch bestehen, wenn wir Buße und Sünde noch verstehen würden?“, fragte Bedford-Strohm. Denn die „kritische Selbstdistanz“, die Luther in der Buße gefunden hat, ermöglicht es, den ersten Schritt in die Freiheit zu gehen.

Doch warnt Bedford-Strohm vor der „verkrümmten“ Selbstbetrachtung, wie sie heutzutage häufig in Internetblasen und Echokammern zu finden sind, die den Betrachter durch Algorithmen immer wieder zur selben These lenken, anstatt ihm einen nötigen Überblick zu ermöglichen. Auch bedauert er, dass die Buße in der Politik nicht akzeptiert wird, denn „das Land würde sich verändern, wenn Politiker zu ihren Fehlern stehen könnten“ und dies als „Zeichen von Stärke als von Schwäche“ gesehen würde.

Die Funktion der Glaubenslehre, vor allem in gesellschaftspolitischen Themen, lehnt Bedford-Strohm an den lutherischen Grundsatz von „Sehen, Urteilen, Handeln“ an. Die „aufklärerische Funktion“ der Glaubenslehre, um die „moralische Tiefe“ einer Diskussion zu erkunden, sei genauso wichtig, wie die orientierende Funktion, die Gläubige dazu auffordert, ihre „innere Orientierung in den öffentlichen Diskurs zu bringen“. Dies ermögliche es den Gläubigen, in die öffentliche Diskussion auf Grundlage der Traditionen einzutreten, denn „Reformation und öffentliche Verantwortung sind untrennbar miteinander verbunden“, sagte Bedford-Strohm.

  • Ein Interview mit Professor Heinrich Bedford-Strohm folgt.

von Michael Noll

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