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Emotionaler Prozessauftakt

Fahrlässige Tötung Emotionaler Prozessauftakt

Eine junge Motorradfahrerin war Mitte Juli 2015 in Cappel auf der Landesstraße 3125 verunglückt und nach monatelangem Klinikaufenthalt gestorben. Ein Autofahrer ist als Unfallverursacher angeklagt.

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Der Autofahrer muss sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Spürbar emotional gestaltete sich der Prozessauftakt am Donnerstagvormittag vor dem Marburger Strafgericht, bei dem sich der Unfallverursacher und die Eltern der verstorbenen jungen Frau gegenübersaßen.

Beide Seiten begegneten sich zurückhaltend höflich, sprachen betroffen, dabei offen über die Sachlage, dass angeblich durch das Verschulden des Angeklagten die Tochter der Nebenkläger zu Tode kam.

Der Unfall ereignete sich auf der Landesstraße 3125 zwischen Marburg und Heskem. Der Beschuldigte, ein 37 Jahre alter Mann aus dem Raum Neumünster in Schleswig-Holstein, war am frühen Abend mit seinem Cabriolet in Richtung Marburg unterwegs. Auf einer Kuppe bog er in einer 80er-Zone in die Blaue Straße nach Cappel ab. „Infolge von Unaufmerksamkeit“ übersah er die ihm entgegenkommende und vorfahrtsberechtigte Motorradfahrerin, heißt es in der Anklageschrift. Der Mann fuhr auf die Gegenspur, das Kraftrad kollidierte mit seinem Wagen und überschlug sich. Die Fahrerin wurde über den Unfallwagen geschleudert und erlitt schwerste Verletzungen. Die junge Frau starb Monate später im Krankenhaus.

Betont sachlich, dabei scheinbar schwer getroffen, berichtete der Angeklagte vor Gericht von dem Moment kurz vor der Kollision. Das andere Fahrzeug will er vor dem Zusammenprall erst nicht bemerkt haben. „Aus dem Nichts ist das Motorrad sicher nicht gekommen“, stellte Strafrichter Cai Adrian Boesken fest, der den Beschuldigten detailliert nach dem Abbiegevorgang befragte. „Zu 90 Prozent“ sei er sich sicher, dass er seinen Wagen zuvor gänzlich zum Stehen gebracht hatte, „ich weiß nicht, wie ich sie übersehen konnte“, beteuerte der Angeklagte mehrfach. Nachdem er beschleunigt hatte, bemerkte er aus dem Augenwinkel „doch noch ein Licht“ und habe sofort wieder abgebremst.

Nach der heftigen Kollision sei er umgehend aus dem Auto gesprungen und zu dem am Boden liegenden Opfer gelaufen. Ein ebenfalls anwesender Autofahrer in der Nähe benachrichtigte nach kurzem Zuruf bereits Notruf und Polizei.
Was danach geschah, spielte sich für den Beschuldigten wie im Nebel ab, er reagierte automatisiert, versuchte die Verletzte noch in die stabile Seitenlage zu bringen, half nach Aufforderung beim Einsatz der Rettungskräfte, „ich war einfach geschockt“, berichtete der Mann. Später kehrte er an den mittlerweile geräumten Unfallort zurück, „um ein stilles Gebet zu sprechen“.

Mutter: „Ich habe Mitleid mit Ihnen“

In den folgenden Tagen habe er versucht, durch die Polizei mehr über den Zustand des Opfers zu erfahren oder die Familie zu kontaktieren, ohne Erfolg. „Das war ein tiefer Schlag und in diesem Moment wohl auch verdient – es tut mir unendlich leid“, wandte sich der dreifache Vater an die Hinterbliebenen.

Er versuchte, mit ausgewählten Worten sein Bedauern ob ihres Verlustes auszudrücken, betonte mehrfach, wie schwer ihn der Unfall selbst belaste. Bis heute habe er mit den Unfallbildern vor dem geistigen Auge zu kämpfen, begab sich für einige Monate in psychiatrische Behandlung. „Meine Situation ist mit Ihrer nicht zu vergleichen, aber es geht mir sehr nahe.“

Mit ruhigen Worten und einer großen Geste kamen die Eltern der Verstorbenen dem Mann entgegen: „Ich habe Mitleid mit Ihnen“, sagte die Mutter des Opfers. Dennoch wies sie darauf hin, wie enttäuschend es für die Hinterbliebenen war, dass sich der Mann lediglich zweimal um eine Kontaktaufnahme bemühte, „das ist traurig“.

Den Verwandten erschien es wichtig, dass der Beschuldigte nicht nur etwas über die verstorbene Tochter erfährt, das verschuldete Unglück nicht in Vergessenheit gerät, sondern er sich auch künftig daran erinnere und mit Bedacht ins Auto steige. „Er soll es nie vergessen“, sagte der Vater.

Von der Nebenklage bezweifelt wird indes, ob sich der Angeklagte während der Autofahrt völlig korrekt verhalten hatte oder er mit erhöhter Geschwindigkeit fuhr. Das Cabriolet des Autofans war äußerlich auf Sportlichkeit getrimmt, innerlich angeblich nicht, „der Wagen war nicht getunt, ich bin kein Raser“, betonte der Angeklagte.

Nach Marburg kam er nur, um das von ihm selbst restaurierte Cabriolet zu einem Mechaniker seines Vertrauens zu bringen, der das Motorsteuerungsgerät korrekt programmieren sollte. „Es war kein Rennauto und nicht auf PS getrimmt“, gab dieser vor Gericht an. Während einer ersten Probefahrt geschah der Unfall, der jedoch scheinbar nichts mit der Funktionalität des Wagens zu tun hatte. Ein Sachverständiger begleitet den Prozess.

Noch nicht gänzlich geklärt ist die Frage, ob sich der Helm der Verunglückten noch vor dem Aufprall auf die Fahrbahn löste. Mehrere Zeugen machten darüber widersprüchliche Angaben.

  • Der Prozess wird am 3. März fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Der Unfallverursacher musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Tod einer jungen Motorradfahrerin: Der Unfallverursacher wurde zu 90 Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt – ein dem Gesetz entsprechendes Urteil, das in keiner Weise das Leid aufwiegen könne, sagte der Richter.

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