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Opfer: „Ich habe bis heute Angst vor ihm“

Aus dem Amtsgericht Opfer: „Ich habe bis heute Angst vor ihm“

Weil er seine Lebensgefährtin mehrfach angriff, ihr Schläge und Tritte versetzte, ist ein erheblich vorbestrafter Alkoholiker zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Eine jahrelange Alkoholsucht, ausufernde Gewaltbereitschaft und zahlreiche Straftaten durchziehen das Leben des 33 Jahre alten Angeklagten. Dem schob das Amtsgericht einen Riegel vor und verurteilte den Wiederholungstäter wegen zweifacher Körperverletzung und Nötigung zu drei Jahren und vier Monaten Haft.

Besonders schwer vor Gericht wogen die „schweren Verletzungen“, die der Mann seiner ehemaligen Freundin vor knapp zwei Jahren zugefügt hatte, bewertete Strafrichterin Annika Woltmann den Fall. Zudem befand sich der Schläger im Tatzeitraum unter Bewährung – das vorangegangene Urteil floss in das aktuelle mit ein.

Der aus dem thüringischen Altenburg stammende Angeklagte besuchte im Juni 2014 seine Freundin in Marburg. Auf den Lahnwiesen kam es zum Streit. Der aggressive Freund schlug der Frau erst mit der Faust ins Gesicht, warf sie schließlich zu Boden, schlug und trat weiter auf den Brustkorb seines Opfers ein. Die Frau erlitt einen Rippenbruch samt Brustbeinbruch, zahlreiche Prellungen und Hämatome. Zwei Tage später folgte eine weitere Attacke, dieses Mal an einer Marburger Tankstelle.

Frau musste zwei Wochen in Klinik behandelt werden

Auch dort malträtierte der Mann sein Opfer mit Tritten und Schlägen. Die Frau musste zwei Wochen im Krankenhaus behandelt werden. Später drohte er ihr mit dem Tod, sollte sie ihn verlassen. Darüber hinaus soll er ihr die Handtasche mitsamt Bargeld gestohlen haben.

Vor Gericht gab sich der Mann verstockt, nahm das Urteil mit einem knappen Nicken teilnahmslos zur Kenntnis. Die Fragen der Prozessbeteiligten beantwortete er kurz angebunden und mit scheinbarem Unwillen. Die brutalen Attacken gab er zu, bestritt jedoch den Diebstahl und die Todesdrohung gegen seine Ex-Freundin, „das habe ich nie geäußert“, teilte er mit.

Im Gedächtnis seien ihm die Angriffe jedoch nicht geblieben, „an Details kann ich mich nicht erinnern“. Die Frage des Gerichts, wie seine verletzte Freundin später ausgesehen habe, konnte er nicht beantworten, „es war wohl ziemlich heftig – kann sein, dass ich zugetreten habe“, vermutete der Mann. Seiner lückenhaften Erinnerung nach „aber nur einmal“, spielte er die Sache herunter. Angesichts der massiven Verletzungen unwahrscheinlich, „wir haben die Fotos gesehen, die blauen Flecken stammen nicht von einem Tritt“, stellte Amtsanwältin Tina Grün klar. Das nahm der Beschuldigte mit einem kurzen Nicken hin, betonte, dass es ihm leid tun würde, „ich bereue die Straftat definitiv“. Dennoch sei er „kein aggressiver Mensch“. Nur unter Alkoholeinfluss werde er aufbrausend und verliere die Kontrolle.

„Dann schlug er zu, aus heiterem Himmel“

Die Geschädigte berichtete von einer Beziehung voller Gewalt und Angst. Das damals obdachlose Paar lebte zeitweise in Marburg. Regelmäßig sei es zu brutalen Übergriffen gekommen, der Ex habe sich dabei meist versichert, dass niemand in der Nähe war, „dann schlug er zu, aus heiterem Himmel“, so die Zeugin. Er forderte Geld von ihr, bedrohte sie und ihre Familie, warnte sie mehrfach, sie werde beobachtet und er würde sie überall finden. „Ich habe bis heute Angst vor ihm“, berichtete die junge Frau stockend vor Gericht.

Übergriffe des Ex-Freundes fanden in der Regel unter Alkoholeinfluss statt, erinnerte sie sich. Der Angeklagte bestätigte eine jahrelange Abhängigkeit, gab der Sucht die Schuld an seinem Verhalten, „der Alkohol hat mich dazu getrieben“.

Seit seiner Jugendzeit sei er Alkoholiker, trank im Tatzeitraum „täglich 15 Bier und zwei Flaschen Weinbrand – so viel wie es das Geld hergegeben hat“, teilte der Mann mit. Eine psychiatrische Sachverständige attestierte ihm eine „ausgeprägte, psychische Abhängigkeit“. Alkohol bestimmte seinen gesamten Alltag, Beschaffungskriminalität war an der Tagesordnung.

Der Mann hat zahlreiche Vorstrafen, stand unter anderem wegen dutzender Diebstahlsdelikte vor Gericht und saß bereits mehrmals in Haft. Diverse Suchttherapien in der Vergangenheit und gerichtlich angeordnete Aufenthalte in Entziehungsanstalten zeigten mangels Mitarbeit keine langfristige Wirkung.

Seine Einstellung dazu habe sich mittlerweile gewandelt, die letzte, monatelange Untersuchungshaft hätte ihn „gebremst“, beteuerte der Angeklagte. Heute sei er motivierter als früher, von der Sucht loszukommen, „ich möchte nicht mein restliches Leben in Haft sitzen“, betonte der 33-Jährige.

Voraussetzungen für eine weitere Unterbringung zur Langzeittherapie, wie sie die Verteidigung befürwortete, sah die Gutachterin jedoch nicht als gegeben. Dass der Mann derzeit den dafür notwendigen Willen aufbringen wird, bezweifelte auch die Richterin. Es blieb bei einer regulären Haftstrafe.

von Ina Tannert

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