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Kahles letzte Dienstfahrt

Abschied von Lieblingsprojekten Kahles letzte Dienstfahrt

Ganz am Ende seiner Amtszeit zeigte Ex-Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) bei einem „rollenden Pressegespräch“ Projekte, die für Schwerpunkte seiner Arbeit stehen: Umwelt, Kinderbetreuung, Radverkehr.

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Gemeinsam mit Bernd Nützel (links) besichtigt Franz Kahle den Solarpark in Gisselberg.

Quelle: Foto: Till Conrad

Marburg. Der Bürgermeister sitzt selbst am Steuer des Dienstautos an seinem vorletzten Arbeitstag - kein Zufall, dass der Wagen ein Elektroauto ist, und kein Zufall auch die Projekte, die er sich noch einmal anschaut - sie stehen für das, was der 58-Jährige in öffentlicher Erinnerung wissen will, als das, was auch nach Ende seiner Dienstzeit bleibt.

Im Vieraugengespräch während der Fahrt plaudert der Fast-Pensionär über seine wichtigsten politischen Anliegen. Ein bisschen Wehmut schwingt mit; Kahle hat schließlich nicht aus freien Stücken aufgehört, sondern keine politische Mehrheit mehr für seine Wiederwahl gehabt. Die letzten Monate seiner Amtszeit waren keinesfalls konfliktfrei, insbesondere nicht im hauptamtlichen Magistrat.

Kahle plaudert ein wenig über persönliches Verhältnis zu Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), sagt, er wolle nicht „nachtreten“. Politische Meinungsverschiedenheiten aber verschweigt er nicht, hält insbesondere die Ankündigung, Kinderbetreuung solle in Marburg kostenfrei angeboten werden, für übereilt.

Eines der letzten großen Umweltprojekte: Solarpark in Gisselberg

Noch verrät der Polit-Profi nichts über seine näheren Zukunftspläne, erwähnt nur ein Buchprojekt, für das er einen Beitrag versprochen hat - in der aktiven Kommunalpolitik sieht er sich offenbar nicht, will aber Rat geben, wenn er denn gefragt ist.

Die Fahrt gewährt auch einen Einblick in das Verhältnis, das der Bürgermeister als Dienstherr zu seiner Verwaltung pflegte: Thomas Engelbach, den Leiter des Fachdienstes Tiefbau, liest der Bürgermeister un­kompliziert auf dessen Weg zum vereinbarten Treffpunkt auf, von Stadtplaner Bernd Nützel gibt es ein Buchgeschenk und eine herzliche Umarmung zum Abschied.

Der Solarpark in Gisselberg ist eines der letzten großen Umweltprojekte - und eines der größten. Die Vollast GmbH baut hier seit Sommer auf fünfeinhalb Hektar im Auftrag des Magistrats zwischen der Bahn und der B3a. Wenn die Anlage Ende des Jahres in Betrieb genommen und an die Stadtwerke übergeben wird, werden hier mehr als 10600 Solarmodule stehen, die 800 Marburger Haushalte mit Strom versorgen können.

Der Solarpark Gisselberg ist eines der letzten Umwelprojekte von Ex-Bürgermeister Kahle. Foto: Conrad

Der Solarpark Gisselberg ist eines der letzten Umwelprojekte von Ex-Bürgermeister Kahle.

Quelle: Till Conrad

Mit einer Gesamtleistung von 2,8 Megawatt ist der Solarpark vier Mal leistungsfähiger als der in Wehrda. „Wir werden auf die Solarenergie nicht verzichten können, wenn wir die Energie­wende erreichen wollen“, sagt Kahle. Diese seine Haltung ist bekannt, seine bundesweit einzigartige „Solarsatzung“ aus dem Jahr 2008 hatte vorgesehen, dass Hausbesitzer in Marburg flächendeckend solarthermische Anlagen einbauen müssen, wenn sie Dächer sanieren, anbauen oder Heizungen austauschen. Die Satzung wurde später kassiert, brachte Marburg - und auch Kahle - aber bundesweit in die Schlagzeilen.

Betriebskindergarten „gehört einfach dazu“

Beim nächsten Halt gibt es Sekt: Die Kinderkrippe „Baderhaus“ auf dem Gelände des Elisabethvereins am oberen Rotenberg besteht seit Herbst 2016, zu einer Einweihungsfeier hatte man bis dato aber keine Zeit gefunden. Das denkmalgeschützte Jugendstilgebäude wurde denkmalgerecht saniert und an den Eltern-Kind-Verein übergeben, der hier zwei Gruppen für jeweils 10 U3-Kinder betreibt. Seit Beginn dieses Kindergartenjahres sind 15 der 20 Plätze Belegplätze von Siemens Healthcare und werden als Betriebskindergartenplätze mit 3600 Euro pro Jahr gefördert.

Die Kinderkrippe Baderhaus. Foto: Till Conrad

Die Kinderkrippe Baderhaus.

Quelle: Till Conrad

„Wir stehen im scharfen Wettbewerb um ­junge Leute - deswegen gehört ein Betriebskindergarten heute bei größeren Unternehmen einfach dazu“, sagt Karl May, Personalleiter bei Siemens Healthcare. Er verweist auf die guten Erfahrungen mit der 2009 eingeweihten Krippe Froschkönig in Marbach, die 30 Betriebsplätze für die Behring-Firmen bereitstellt. Kahle freut sich, dass die Kinderbetreuung in seiner Amtszeit zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.

Fuß- und Radweg am Ortenberg war umstritten

Keine ­Selbstverständlichkeit war der Ausbau des Fuß- und Radweges vom ­Ortenbergsteg zur Waggonhalle. Anwohner hatten sich lange gegen den Ausbau des früheren Anliegerwegs gewehrt. Ein Jahr nach der Einweihung glaubt Kahle aber, dass sich die Ausbauentscheidung der Stadt bewährt hat.

Ex-Bürgermeister Franz Kahle stellt mit Michael Hagenbrink (rechts) und Matze Schmidt von der Waggonhalle den neuen Fuß-/Radweg am Ortenberg vor. Foto: Till Conrad

Ex-Bürgermeister Franz Kahle stellt mit Michael Hagenbrink (rechts) und Matze Schmidt von der Waggonhalle den neuen Fuß-/Radweg am Ortenberg vor.

Quelle: Till Conrad

Eine ältere Anwohnerin, die kurz vor der Dämmerung ihren Hund ausführt, erkennt den scheidenden Bürgermeister und wünscht sich für ein kleines Stück zwischen dem Ausbau­ende und dem Waggonhallen-Parkplatz mehr Licht. Kahle verspricht, sich darum zu kümmern. Zuständig für dieses Problem ist aber jetzt sein Nach­folger, Wieland Stötzel (CDU).

von Till Conrad

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