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Hülsens Rolle in NS-Zeit umstritten

Uni-Museum Hülsens Rolle in NS-Zeit umstritten

Über seine Studie, die zur Umbenennung des Ernst-von-Hülsen-Hauses in Kunstgebäude führte, berichtete der Historiker Dr. Albrecht Kirschner auf Einladung des Geschichtsvereins.

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Dr. Albrecht Kirschner präsentierte seine Studie, die zur Umbenennung des Ernst-von-Hülsen-Hauses in Kunstgebäude führte.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Im Jahr 1927 war das Haus in der Biegenstraße, in dem heute das Universitätsmuseum und mehrere Uni-Institute untergebracht sind, anlässlich des 400-jährigen Bestehens der Universität eingeweiht worden. Damals bekam es den Namen Jubiläumsbau. Im Jahr 1950 war es kurz nach dem Tod des langjährigen Uni-Kurators Ernst von Hülsen, der als Chef der Uni-Verwaltung den Bau vorangetrieben hatte, nach ihm benannt worden.

Im September vergangenen Jahres teilte Universitätspräsidentin Professorin Katharina Krause im Uni-Senat die Entscheidung des Präsidiums mit, dass das Hülsen-Haus in Kunstgebäude umbenannt werde. Grund dafür sei das Ergebnis einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie des Historikers Dr. Albrecht Kirschner. Der Name Hülsen-Haus sei wegen „erheblicher NS-Belastung“ des ehemaligen Kurators nicht mehr tragbar, teilte Krause mit.

Damit bezog sie sich auf das Fazit Kirschners am Ende seiner 85 Seiten umfassenden Studie. Hülsen habe an der Leitung und Verwaltung der Philipps-Universität im Sinne des Nationalsozialismus mitgewirkt, und man müsse daher von einer erheblichen NS-Belastung sprechen, bilanziert Kirschner darin. Es gebe keinen Grund, weiter ein unkritisch-einseitiges Gedenken zu pflegen, das die Verdienste Hülsens um die Universität hervorhebt, seine nationalsozialistische Belastung jedoch marginalisiere, wenn nicht ignoriere.

Bisher keinerlei Reaktionen

Auf Einladung des Geschichtsvereins erläuterte am Donnerstag Kirschner vor rund 80 Zuhörern im Staatsarchiv zum ersten Mal öffentlich die Ergebnisse seiner Studie. Er habe sich schon gewundert, wie geräuschlos die Umbenennung vor sich gegangen sei, betonte er. Denn er habe bisher keinerlei Reaktionen oder Fragen zu der Hülsen-Studie bekommen, betonte Kirschner.

Ausgangspunkt seiner achtmonatigen Recherche sei eine Studie des Historikers Dr. Harald Maier-Metz gewesen, in der dieser auf die „denunziatorische Rolle“ Hülsens bei der Entlassung des Altorientalisten Professor Albrecht Goetze an der Universität Ende des Jahres 1933 hingewiesen habe.

Kirschner betonte, dass der aus altem preußischen Adel stammende und seit 1920 als Marburger Uni-Kurator bestellte Jurist von Hülsen sich in den 20er-Jahren große Verdienste um die Erweiterung der Universität beispielsweise bei den Kliniksbauten im Nordviertel und beim Jubi­läumsbau erworben habe. Aber er habe sich nicht um die Weimarer Republik verdient gemacht, sondern als „stramm Konservativer“ als Vermittler zur republikanischen Regierung fungiert. Nach einem Zwischenspiel als Oberpräsident in Kassel  ab 1932 wurde Hülsen nach der NS-Machtergreifung von diesem Posten entlassen und dann ab dem 30. Mai 1933 wieder als Uni-Kurator – also oberster Verwaltungsbeamter der Universität – eingesetzt.

In dieser Funktion habe Hülsen dann die Entlassung des Altorientalisten Goetze aktiv betrieben. Es habe aber auch noch andere typische Verhaltensweisen des Kurators gegeben: So habe er sich bei der Entlassung des Theologen Martin Rades als „auswechselbares Rädchen“ im Getriebe des NS-Staates präsentiert und Befehle oder Schreiben einfach kommentarlos weitergereicht.

Kritik an Umbenennung

In anderen Fällen wie bei den Beschwerden gegen den Theologie-Professor Hans von Soden, einen prominenten Vertreter der „Bekennenden Kirche“, habe er sich aber erfolgreich für die betreffende Person  eingesetzt. Je mehr eine Person jedoch dem linken politischen Sektor zugehörig gewesen sei, desto weniger Chancen habe sie auf eine Empfehlung Hülsens gehabt. „Er hat Leute geschützt, aber er hat auch Leute in den Dreck geritten“, bilanzierte Kirschner. Jedoch sei Hülsen kein Nationalsozialist gewesen.

Nach dem Vortrag kam es zu einer lebhaften Diskussion. So sagte der emeritierte Kinderpsychiater Professor Helmut Remschmidt, ihm sei nicht klar geworden, was jetzt der schwerwiegendste Vorwurf gewesen sei, der zu der Umbenennung geführt habe. Dazu sagte Kirschner, dass er diese Entscheidung nicht getroffen habe, obwohl er sie wegen des Gesamtbildes für nachvollziehbar halte. Allerdings hätte man aus seiner Sicht auch den Schriftzug „Ernst von Hülsen“ ruhig an dem Gebäude stehen lassen können, verbunden mit einer erklärenden Tafel zur Biographie. „Die Umbenennung ist ein Skandal“, kritisierte der Marburger Historiker Professor Bernhard vom Brocke. Kirschner habe im Auftrag der Universität „alles Negative gesucht“, weil die Uni-Leitung den Namen weg haben gewollt hätte. Dabei habe die Leitung der Uni-Verwaltung in der NS-Zeit einem „Eiertanz“ geglichen. Kirschner verwehrte sich aber gegen die Meinung, dass er einen Auftrag zur Verurteilung Hülsens bekommen habe. Mit der Umbenennung gehe keine Verurteilung des ehemaligen Uni-Kurators einher, sagte er. Kritik an der Umbenennung kam hingegen auch von dem Historiker Erhart Dettmering. Die Philipps-Universität habe spät mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte in der NS-Zeit begonnen und dass sie jetzt gleich in ein Extrem verfalle, irritiere ihn. Zudem sei der neue Name Kunstgebäude „mehr als phantasielos“. Für diese Meinung erhielt er großen Beifall.

von Manfred Hitzeroth

Kommentar: Uni-Bau bleibt Hülsens Haus

Zwar wurde der Schriftzug „Ernst-von-Hülsen-Haus“ bereits im vergangenen Jahr auf Anweisung des Uni-Präsidiums von dem gerade in Renovierung befindlichen Uni-Museum entfernt. Und offiziell soll das Haus seit dem im August 2016 getroffenen Präsidiumsbeschluss nicht mehr nach dem Namensgeber, dem früheren Uni-Kurator Ernst von Hülsen, benannt werden. Die Grundlage dafür bot eine von der Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause bei dem Historiker Dr. Albrecht Kirschner in Auftrag gegebene Studie. Doch auch nach der erstmaligen öffentlichen Vorstellung dieser Studie durch den Verfasser an diesem Donnerstag bleibt eines unstrittig: der überragende Anteil Hülsens an dem Zustandekommen dieses Baus zur 400-Jahrfeier der Hochschule im Jubiläumsjahr 1927.

Erst nach Hülsens Tod wurde der „Jubiläumsbau“ in Hülsen-Haus umbenannt. Über die nachträgliche Aberkennung dieses Namens 66 Jahre später wurde bisher nicht diskutiert, doch einige Monate nach der Bekanntgabe dieser Entscheidung regt sich jetzt Widerstand. Lässt sich aus der Hülsen-Studie wirklich eine „erhebliche NS-Belastung“ herauslesen? Darüber lässt sich zumindest streiten. Einerseits spielte Hülsen wohl tatsächlich eine unrühmliche Rolle bei manchen Personalentscheidungen wie bei der Entlassung des Altorientalisten Albrecht Goetze im Jahr 1933, andererseits hielt er aber auch seine schützende Hand über prominente Angehörige der Universität wie den Theologen der „Bekennenden Kirche“ Hans von Soden. Auch Hülsens Rolle bei der „Arisierung“ des durch einen Nazi-Brandanschlag zerstörten Synagogen-Grundstücks ist diskussionswürdig. War er einer der typischen konservativen „Steigbügelhalter“ der Nationalsozialisten und somit ein gut funktionierendes Rädchen im Getriebe in der Zeit zwischen 1933 und 1945? Oder nutzte er wenigstens teilweise seine Spielräume, um die Universität nicht vollständig dem Zugriff der Nationalsozialisten auszuliefern? Die durch das Uni-Präsidium getroffene Entscheidung passt zumindest in einen bundesweiten Trend. Ob Geschichte allerdings wirklich mithilfe von Umbenennungen von Gebäuden aufgearbeitet wird, kann bezweifelt werden.

von Manfred Hitzeroth

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