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„Er war völlig aggressiv“

Aus dem Landgericht „Er war völlig aggressiv“

Prozess wegen versuchten Mordes:Am Mittwoch sagte eine Zeugin des brutalen Raubüberfalls auf eine schwangere Frau in der Frankfurter Straße aus, der ein Jahr zurückliegt.

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Der Angeklagte verlässt das Polizeifahrzeug, das ihn zum Landgericht Marburg gebracht hat, und wird von Justizbeamten begleitet.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wie die Anwohnerin berichtete, hörte sie die verzweifelten Hilferufe des Opfers. „Es waren schrille, herzzerreißende Schreie, sie hat immer wieder ‚mein Baby, mein Baby‘ geschrien. Ich war schockiert“, erinnerte sich die Zeugin. Von einem Fenster aus sah sie die Attacken des Täters, „der Mann schlug und trat auf sie ein“. Beherzt „brüllten“ die Anwohnerin und ihr Mann den Angreifer vom Fenster aus lautstark an, woraufhin dieser von seinem Opfer abließ und in Richtung Stresemannstraße flüchtete. Die Ersthelfer kümmerten sich umgehend um die schwer verletzte Frau.

Wie genau der mit einer ­Kapuze vermummte Täter ausgesehen hatte, konnte die Zeugin nicht sagen, erkannte den Angeklagten auch auf Bildern nicht wieder. „Er war mittelgroß, schlank und sportlich“.

Diese Beschreibung könnte in etwa auf den Angeklagten zutreffen, reicht dabei nicht aus für eine klare Identifikation. So wie die Mütze und unauffällige Kleidung, die bereits mehrere Zeugen an dem Angreifer bemerkt hatten. „Helle Hose, dunkle Jacke – das sind keine markanten Unterscheidungsmerkmale“, stellte Verteidiger Sascha Marks bereits zuvor fest. Deutlich ­belastender waren da die Aussagen weiterer Zeugen zu anderen Tatkomplexen. Ein Polizist schilderte die Verhaftung des Angeklagten nach dem Überfall auf eine Tankstelle in der Gisselberger Straße am 9. Oktober vergangenen Jahres.

Dort wurden diverse Süßigkeiten gestohlen – im Anschluss soll der Beschuldigte den Mitarbeiter angegriffen haben und in Richtung Innenstadt geflüchtet sein. Die alarmierte Polizei traf ihn vor der Obdachlosenunterkunft in der Nähe an, wo er auf einer Treppe saß und ­Süßigkeiten aß. Er war dabei gut zu sehen, floh auch nicht, als er die überraschten Beamten bemerkte.

„Ich hatte mich schon auf einen Kampf eingestellt“

„Es war offensichtlich, dass er der Täter war, er hat quasi darum gebettelt festgenommen zu werden“, berichtete der Zeuge. Die Vermutung liegt nahe, dass der Mann für den nahenden Winter eine Unterkunft suchte,­ er möglicherweise auf wenige­ Monate im Warmen im Gefängnis spekulierte. Dennoch habe er sich schnell aggressiv verhalten, pöbelte und beleidigte die Polizisten, „ich hatte mich schon auf einen Kampf eingestellt“, sagte der Zeuge. Er schätzte den Beschuldigten als einen Menschen ein, „der andere durch Gewalt unterdrücken will“.

Der ist Polizei und Justiz bereits gut bekannt, war zudem ohne festen Wohnsitz, es soll Fluchtgefahr bestanden haben – es sei ihm daher „ein Rätsel“, weshalb der Verdächtige nach einem Tag wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, befand der Polizist.

Laut Vorwurf soll der Angeklagte am Abend darauf erneut einen Mann angegriffen und mit einem Pflasterstein beworfen haben. Die Attacke schilderte ein weiterer Geschädigter: Demnach trafen sich an diesem Abend mehrere Bekannte in einer Wohnung am Richtsberg, darunter der Angeklagte. Dieser soll den Bewohner gebeten haben, dort übernachten zu dürfen. Als dieser ablehnte kam es zu einer kurzen Rangelei, der Beschuldigte wurde­ rausgeworfen. Laut mehreren­ Zeugen kehrte er kurz darauf zurück, trat die Haustür ein und randalierte wutentbrannt in der Wohnung. „Er war völlig aggressiv, schrie herum und machte Krach“, meinte einer der Männer vor Gericht. Wieder soll er das Haus verlassen haben, drohte jedoch angeblich, zurückzukommen. „Er sagte, er kommt wieder – gesagt getan“, fasste der Hausbewohner zusammen.

Vom Treppenhaus aus soll der Angeklagte mehrere schwere Steine durch die ramponierte Tür geworfen haben. Dabei­ traf er einen der Bekannten am Oberkörper, der eine Brustprellung erlitt. Einen möglichen Grund konnte dieser nicht nennen, „er war sonst immer ruhig, ich hatte keinen Stress mit ihm – warum hast du auf mich geworfen?“, wandte sich der Geschädigte direkt an den Angeklagten. Der ignorierte die Zeugenaussagen, starrte die meiste Zeit still vor sich hin und machte weiterhin keine Angaben.

  • Der Prozess wird am Mittwoch, 8. November, ab 9 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert

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