Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Exzessiver Arbeiter und kluger Rebell

Emil von Behring Exzessiver Arbeiter und kluger Rebell

Am 31. März dieses Jahres ist der 100. Todestag des Marburger Medizin-Nobelpreisträgers Emil von Behring, dem auch eine entscheidende Rolle in der historischen Krankenhaus-TV-Serie „Charité“ zukommt.

Voriger Artikel
Umzug der Uni-Bibliothek verzögert sich
Nächster Artikel
Musiklehrer und Schüler hauen auf die Pauke

Emil Behring (Matthias Koeberlin, links) untersucht in der TV-Serie „Charité“ Hedda (Stella Hilb), die schwangere Frau seines Kollegen Paul Ehrlich (Christoph Bach, sitzend vorne), beobachtet von Hilfsschwester Ida (Alicia von Rittberg, hinten links) und Therese (Klara Deutschmann).

Quelle: ARD/Nik Konietzny

Marburg. Die Wege von drei später weltberühmten Nobelpreisträgern kreuzten sich Ende des 19. Jahrhunderts in der Berliner Klinik Charité. Der Forscher und Mediziner Robert Koch sowie seine beiden Assistenten, Paul Ehrlich und Emil von Behring, stehen auch im Mittelpunkt der sechsteiligen historischen Krankenhaus-Fernsehserie, deren ersten beiden Teile am kommenden Dienstag, 21. März, ab 20.15 Uhr in der ARD zu sehen sind.

Die Marburger Medizinhistorikerin und Behring-Expertin Dr. Ulrike Enke freut sich sehr, dass die Darstellung eines wichtigen Abschnittes der deutschen Medizingeschichte in der Verfilmung unter der Regie von Sönke Wortmann einen so prominenten Sendeplatz bekommen hat. Sie hat als Beraterin der beiden Drehbuchautorinnen, Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann, wichtige Hintergrundinformationen über Leben und Werk Behrings beigesteuert, der nach seiner Berliner Zeit (1888 bis 1895) als Professor an die Marburger Universität berufen wurde.

Für seine Entdeckung eines Diphterie-Heilmittels erhielt Behring 1901 den erstmals vergebenen Medizin-Nobelpreis. In Marburg gründete der Medizin-Professor dann auch die Behringwerke.

In Berlin war Behring eigentlich am von Robert Koch geleiteten Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten beschäftigt und nicht als Arzt an der Charité, stellt Enke im Gespräch mit der OP klar. Allerdings hatte Behring vorher auch als Militärarzt gearbeitet und konnte als ausgebildeter Arzt auch operieren. Und welche Rolle spielt der Mediziner in der im deutschen Drei-Kaiser-Jahr 1888 angesiedelten TV-Serie? „Er war ein durchaus komplizierter und sperriger Mensch“ sagt Behring-Darsteller Matthias Koeberlin. Behring habe Schwierigkeiten gehabt, in der oberen Gesellschaftsschicht Fuß zu fassen, zumal wegen seiner psychiatrischen Erkrankung, erläutert Drehbuchautorin Thor-Wiedemann. Man habe das auch „periodisches Irresein“ genannt, sagt Koeberlin. „Er war manisch-depressiv“.

Morphium gegen Schmerz

„Ich würde nicht von einer psychiatrischen Erkrankung bei Behring reden. Es trifft auch nicht zu, dass Behring manisch-depressiv gewesen ist“, sagte Ulrike Enke auf OP-Anfrage. Es sei allerdings so gewesen, dass der Wissenschaftler Behring lange­ Phasen der exzessiven Arbeit bis morgens um drei Uhr gehabt habe, in denen er sehr wenig geschlafen habe. Neben dieser in Briefen und Tagebüchern dokumentierten Schlaflosigkeit sei auch nachgewiesen, dass ­Behring zeitweise wegen Depression in Sanatorien in Behandlung gewesen sei. Das sei ab 1907 sogar für drei Jahre der Fall gewesen.

In der TV-Serie ist außerdem von einer Opiumsucht Behrings die Rede. Auch dieses kann die Behring-Expertin aber so nicht bestätigen. Allerdings habe der Nobelpreisträger in fortgeschrittenem Alter ab dem Jahr 1910 Narkotika – wahrscheinlich vorwiegend Morphium – genommen, um seine Schmerzen zu betäuben.

Behring als verrückter Wissenschaftler an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn? Diese Zuspitzung und Form der künstlerischen Freiheit mag ­Enke so nicht mittragen. Allerdings sei Behring aus ihrer Sicht schon ein getriebener Mensch gewesen, der nicht in sich geruht habe. Er habe gegen seine wissenschaftlichen Vorgänger und die Schul­meinung auf kluge Weise rebelliert und „gegen den Strom“ gedacht. Dieses Denken habe ihm neue Räume eröffnet und zum wissenschaftlichen Durchbruch verholfen.

„Schwieriger Charakter“

Klar sei auch, dass Behring wohl insgesamt ein „schwieriger Charakter“ gewesen sei. Gegenüber seiner Frau und den sechs Söhnen sei er wie auch im Verhältnis mit seinen Schwiegereltern nett und reizend gewesen.

Gegenüber den Kollegen sei er jedoch sehr bestimmend und eigenständig gewesen, und auch als Geschäftsmann habe er oft mit allen Mitteln seinen Willen durchgesetzt. „Bei den Kollegen ist Behring eher unbeliebt – durch sein hochfahrendes und auftrumpfendes Wesen vergreift er sich mitunter im Ton, von manchen wird er belächelt“, sagt Behring-Darsteller Koeberlin über die von ihm dargestellte historische Figur.

Die Liaison Behrings mit der Hilfsschwester Ida, die in der „Charité“-Serie eine wesentliche Rolle spielt, ist allerdings frei erfunden, erläutert Enke.

Behring heiratete im Alter von 42 Jahren 1897 die 20 Jahre jüngere Else Spinola, die Tochter des Verwaltungsdirektors der Charité. Er habe davor auch ­Damenbekanntschaften gehabt, erläutert Enke. So schreibe seine Schwester Emma in einem Brief davon, dass „Emil sich wieder mal verlobt habe“. Genaueres über sein damaliges Privatleben liege bisher jedoch eher im Dunkeln, betont die Wissenschaftlerin.

Klar sei nur, dass Emil von Behring sehr verliebt in seine junge Braut gewesen sei, was auch aus den Brautbriefen hervorgehe.

von Manfred Hitzeroth

Biographie bezieht Kontext mit ein

Die Marburger Medizinhistorikerin Dr. Ulrike Enke verfasst derzeit eine wissenschaftliche Biographie über Emil von Behring, die im Jahr 2019 abgeschlossen sein soll.

Der Arzt und Wissenschaftler Emil von Behring (1854 bis 1917) zählt zu den einflussreichsten Medizinern des frühen 20. Jahrhunderts. „Zur Heroisierung der historischen Figur, die mit Ehrentiteln wie „Retter der Kinder“ und „Retter der Soldaten“ geschmückt wurde, trugen neben den Erfolgen in der Serumtherapie der Diphtherie und des Tetanus die bereits zu Lebzeiten verliehenen Auszeichnungen bei“, schreibt Dr. Ulrike Enke. So erhielt Behring den ersten Nobelpreis für Medizin 1901 und wurde im gleichen Jahr in den Adelsstand erhoben. Weltweite Bekanntheit sei er geworden, wegen seiner Erfindung und Entwicklung des Diphtherie-Antitoxins, da er als Arzt und Unternehmer seit 1904 im Marburger Behringwerk oHG selbst produzierte. „Behrings wissenschaftliche und ökonomische Erfolge waren nicht erst in dieser Zeit aufs Engste mit der preußischen Regierung verflochten“, meint Enke.

1940 legten Heinz Zeiss und Richard Bieling eine Behring-Biographie vor, welche die bereits vorliegenden umfangreichen Quellen des Nachlasses nach national­sozialistischen und rassistischen Kriterien auswählten und gewichten. Der lebensgeschichtlich bedeutende Aspekt des Unternehmertums in Verbindung mit der eigenen Forschung sei dabei aber nicht kritisch beleuchtet worden. Zudem seien die Bezüge Behrings zur jüdischen Familie seiner Ehefrau ebenso unterschlagen worden. Die 2005 erschienene Behring-Biographie des Amerikaners Derek S. Linton hingegen bezieht zwar die neuere Forschungsliteratur zur Geschichte der Bakteriologie mit ein, Originaldokumente zu den Lebensstationen und zum wissenschaftlichen Werk werden darin jedoch kaum berücksichtigt, meint Enke.

Enke plant nun in ihrem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Emil von Behring (1854 bis 1917: Person, Wissenschaftler und Unternehmer“ die Erstellung einer wissenschaftlichen Biographie. Sie soll die Persönlichkeit des Forschers sowie  sein wissenschaftliches Werk, unternehmerisches Wirken und gesellschaftliches Umfeld im Kaiserreich und während des Ersten Weltkriegs zueinander in Beziehung setzen. Enke arbeitet für ihre Biographie ständig neue Quellen ein, wie Tagebuch-Eintragungen und rund 2000 Briefe aus dem Behring-Nachlass.

von Manfred Hitzeroth

 
Behring-Tag: Symposium in Alter Aula

Am 31. März 1917 starb Emil von Behring in Marburg. Aus Anlass des 100. Todestages des Medizin-Nobelpreisträgers gibt es am Freitag, 31. März, ein umfangreiches Programm, das die Stadt Marburg und die Philipps-Universität organisieren.

Vormittags findet eine Kranzniederlegung am Behring-Mausoleum mit geladenen Gästen statt.

Außerdem wird am 31. März von der Universität ­der Emil-von-Behring-Preis verliehen: Die amerikanische Immunologin Dr. Yasmine Belkaid wird für ihre herausragende Forschung über das Zusammenwirken von Mikroorganismen und Immunsystem geehrt.

Vor der Preisverleihung gibt es in der Alten Aula ab 14.30 Uhr ein Symposium mit dem Immunologen Professor Klaus Rajewsky (Berlin) und dem Virologen Professor Harald zur Hausen (Heidelberg) unter dem ­Titel „Infektionsforschung 2017 – 100 Jahre nach Emil von Behring“. Ab 17 Uhr findet die Preisverleihung statt.

Am Samstag, 1. April, gibt es eine öffentliche Wanderung auf der Behring-Route auf den Spuren des Nobelpreisträgers. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Hauptbahnhof.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr