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Drogenkäufer fordert Geld zurück

Aus dem Landgericht Drogenkäufer fordert Geld zurück

Auch auf die Erstattung von Drogengeld hat ein geprellter Käufer Anspruch – den gelte es aber auf legalem Wege durchzusetzen, nicht indem man sein Opfer mit einer Nagelschere angreift, befand das Landgericht.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Landgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im September vergangenen Jahres überfiel der heute 32 Jahre alte Angeklagte seinen Ex-Drogendealer. Diesem hatte er einige Zeit zuvor 800 Euro überlassen, um für ihn Marihuana zu kaufen. Das Geld steckte der jetzige Geschädigte ein und verschwand, ohne den Deal abzuschließen.

Als der geprellte Käufer den Dealer schließlich auf einer Brücke beim Ginseldorfer Weg zufällig wiedertraf, griff er ihn an und verlangte sein Drogengeld zurück. Mit den Worten „Jetzt habe ich dich, wo ist mein Geld?“ soll der Angeklagte sein Gegenüber bedrängt haben. Von hinten ergriff der wütende Mann den Geschädigten am Arm und stieß ihm eine kleine Nagelschere gegen den Rücken. Bei dem folgenden Gerangel erlitt der Geschädigte eine kleine, etwa ein Zentimeter tiefe Stichwunde. Den Angriff gab der Beschuldigte vor der Strafkammer zu. Gezielt zugestochen, wie die Staatsanwaltschaft vermutete, habe er jedoch nicht, wollte seiner Forderung „nur Nachdruck verleihen“, beteuerte der Mann. Die Auseinandersetzung entstand aus Wut über das einbehaltene Geld, „er war natürlich sauer, aber er wollte ihn nicht verletzen“, erklärte Verteidiger Sascha Marks.

Geschädigter ist krank und erscheint nicht vor Gericht

Nach der Rangelei sei der Geschädigte zu einigen Passanten geflohen, soll kurz darauf wieder zurückgekehrt sein, bewaffnet mit einer Art Astschneider, gab der Rechtsanwalt die Version des Angeklagten wieder. Zudem seien zwei Kumpane des Dealers hinzu gekommen, woraufhin der Beschuldigte schleunigst wegrannte.

Die Verteidigung hob die ihrer Meinung nach fast schon lächerlich kleine Waffe hervor – eine kleine Nagelschere aus einem Mehrzweckwerkzeug. Klein, aber spitz und dennoch eine Waffe, mit deren Einsatz der Beschuldigte mit Stichwunden hätte rechnen müssen, relativierte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm.

Das Ganze sei dennoch eine eher geringfügige Tat, auch wenn man nicht damit rechne, das der Angeklagte „hier mit einer Tafel Schokolade raus geht“, spielte Marks auf ein geringes Strafmaß an. Die polizeiliche Aussage des Opfers, das unter anderem ein Messer bei dem Angreifer gesehen haben will, zweifelte er zudem an. „Jeden Satz nehme ich ihm auseinander“, kündigte der Verteidiger kämpferisch an.

Der Geschädigte tauchte wegen Krankheit allerdings gar nicht erst zum Prozess auf. Dass die ganze Geschichte überhaupt vor Gericht landete, verwunderte die Verteidigung. Nicht zuletzt, weil das Opfer wohl als Drogendealer tätig war.

Das sei auch der Grund, weshalb sein Mandant in vielen Punkten keine Angaben vor Gericht machen würde, um sich nicht selber belasten zu müssen, teilte Nebenklägervertreter Stefan Adler mit. Auf eine gerichtliche Vernehmung des Mannes sowie weiterer Zeugen wurde verzichtet.

Sein eigenes Geld kann man nicht rauben

Die Vorgeschichte beider Männer spielte eine große Rolle in der Betrachtung des Falles. Als Straftat angeklagt war eigentlich versuchter Raub. Im Rechtsgespräch wurde jedoch erörtert, dass neben der gefährlichen Körperverletzung eventuell eine räuberische Erpressung in Betracht komme oder auch eine versuchte Nötigung. Der Grund: Der Geschädigte hatte sich durch den nicht abgeschlossenen Drogendeal des Betruges schuldig gemacht, indem er die 800 Euro des Angeklagten behielt. Nun sieht das Gesetz in diesem Fall, wenn das Geld für illegale Aktivitäten gedacht war, eigentlich keinen entsprechenden Anspruch vor.

Ein Urteil des Bundesgerichtshofes relativiere diese Annahme jedoch; ein Anspruch bestehe durchaus, was den Straftatbestand für den Angeklagten verändere, befand die Kammer. Soll heißen: Sein eigenes Geld kann man nicht rauben. Zudem hatte er einen Anspruch auf Rückzahlung: „Auch Drogengeld kann man zurückverlangen, wenn man abgerippt worden ist“, erklärte der Richter. Allerdings nicht mit Gewalteinsatz, sondern legal über den gerichtlichen Weg. Das habe der Angeklagte nicht. Was er tat, „das war Selbstjustiz und das geht nicht“, mahnte Oehm.

Auch Staatsanwalt Jonathan Poppe schloss eine räuberische Erpressung aus, da zumindest nicht auszuschließen sei, dass der Angeklagte Anspruch auf das Geld hatte.

Wie relevant der vorangehende Betrug sei – darüber ließe sich zwar juristisch bestens streiten, man wolle aber „auch nicht päpstlicher sein als der Papst“, befand der Richter.

Schlussendlich entschied sich das Gericht für eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit versuchter Nötigung zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung. Als Auflage hat der Mann zusätzlich 100 Arbeitsstunden abzuleisten.

von Ina Tannert

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