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Dopamin ist „Schokolade fürs Gehirn“

Parkinson Dopamin ist „Schokolade fürs Gehirn“

Mit Professor Lars Timmermann hat das Uniklinikum einen eloquenten und forschungsstarken Neurologen gewonnen. Das zeigte der Chefarzt der Klinik für Neurologie in der Bürgervorlesung am Mittwoch.

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Professor Lars Timmermann ist Direktor der Uniklinik für Neurologie auf den Lahnbergen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Timmermann ist im zurückliegenden halben Jahr „in Marburg angekommen“, wie er sagt; das Team verstärkt sich zusehends. Demnächst auch mit Arzt-Zuwachs von den Universitäten Oxford und Stockholm.

Auf den Lahnbergen hat der Neurologe vier Punkte auf der Agenda, die er zunächst kurz aufzählte: die Bewegungsstörungen, zu denen als prominenteste Erkrankung Parkinson zählt, dann die Schlaganfallversorgung, Epilepsie und entzündliche Nervenerkrankungen wie die Multiple Sklerose. Seine wissenschaftlichen Meriten hat der 44-Jährige insbesondere bei Parkinson erworben.

Diese Krankheit stand auch im Fokus seines Vortrags zum Thema „Kranker Rhythmus im Gehirn – Parkinson, Zittern und Co“. Die schlechte Nachricht vorweg: Mit dem Alter verändert sich das Gehirn auf natürliche Weise. Irgendwann trifft jeden eine der sogenannten neuro-degenerativen Erkrankungen, von Parkinson bis Alzheimer und Demenz. Entsprechend gut besucht war mit weit über 100 Zuhörern das Plenum im Uni-Hörsaalgebäude.

Die gute Nachricht: Es gibt Wege und Konzepte der Prävention, außerdem verbessern sich die therapeutischen Strategien zusehends – und Timmermann forscht da mit seinem Team der Uniklinik an vorderster Front mit. Als beste Vorbeugung – und die ist einfach und billig zu haben – vor neuro-degenerativen Erkrankungen nannte Timmermann die Bewegung, „30 Minuten am Tag oder 10 000 Schritte“ und lebhafte soziale Kontakte. Das Gehirn sucht Beschäftigung – motorisch wie kognitiv. Dennoch, mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für die Zitterkrankheit Parkinson.

Muskelstarre und Zittern in Ruheposition

Die klassischen Symptome, und die kommen ohne modernste Diagnostik wie Bildgebung mit CT oder MRT aus, sind nach wie vor: eine Muskelstarre, verlangsamte Bewegungen, das Muskelzittern in Ruhe-position und Haltungsinstabilitäten.

Als therapeutische Konzepte kommen Medikamente und die sogenannte Tiefenhirnstimulation in Frage, wobei sich Timmermann als ein Fan der zuletzt Genannten zeigte. Je nach Fortschritt der Erkrankung, Lebensalter und vielen weiteren Aspekten greifen die Ärzte zu verschiedenen Therapieschritten. Bei Morbus Parkinson ist im Gehirn der Dopaminstoffwechsel gestört. „Dopamin ist wie Schokolade fürs Gehirn“, erklärt Timmermann. Das heißt, bei Dopaminmangel oder dem kompletten Wegfall dieses Botenstoffes fehlt das zentrale Stimulans für neuronale Regelkreise.

Mit Präparaten, die Dopamin oder eine Vorstufe enthalten, versuchen die Mediziner auszugleichen. Dies kann etliche Jahre funktionieren, bis die Therapie ins Leere läuft.

Dann sind Alternativen angesagt, wozu die Tiefenhirnstimulation zählt. Dabei versenken die Hirnchirurgen unter Beteiligung der Neurologen rund fünf Elektroden im Gehirn, die über ein externes Steuergerät die Gehirnareale stimulieren. Diese Therapie ist zwar nicht bei allen Patienten angezeigt, für sie spreche aber eine deutlich gesteigerte Lebensqualität, berichtete Timmermann aus Studien. Derzeit laufen Untersuchungen, die Elektroden immer weiter zu verbessern, um im Gehirn die Areale noch feiner anzusprechen.

Besonders spannend war der mutmaßliche Zusammenhang von Parkinson und pathologischen Befunden des Magen-Darm-Trakts. Zu den Symptomen der Hirnerkrankung zählen auch Verstopfungen des Darms. Nun haben Forscher gerade im Enddarm bestimmte Stoffe in Zellen gefunden, wie sie auch in durch Parkinson degenerierten Nervenzellen vorkommen.

In einer Studie erkrankten alle Patienten an Parkinson, die zuvor in den Darmzellen diese Stoffe aufwiesen. „Ist Parkinson, bevor es ins Hirn geht, vielleicht eine Magen-Darm-Krankheit?“, stellt Timmermann eine offene Forschungsfrage.

In speziellen Hauttests, genommen an verschiedenen Körperstellen, wollen die Forscher diesem Verdacht nachgehen. Studien dazu laufen. Sie könnten in ein Frühwarnsystem münden. Schließlich ist Morbus Parkinson, sobald er sich durch den Tremor bemerkbar macht, längst in fortgeschrittenem Stadium.

Es sieht also so aus, dass aus der Neurologie von den Lahnbergen noch viele interessante Forschungsergebnisse zu erwarten sind, die dann hoffentlich in praxisnahe Diagnose- und Therapieverfahren münden werden.

von Martin Schäfer

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