Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Die mit dem großen Schlitz

Wunderheiler Die mit dem großen Schlitz

Es hat ein wenig von Götzenverehrung, die Zusammenkunft des Freundeskreises „Bruno Gröning“, bei der Menschen berichten, wie sie von ihren ­Leiden geheilt wurden.

Voriger Artikel
Kombi-Fahrer attackiert 23-Jährige
Nächster Artikel
Aus dem Reich der Mitte nach Marburg

Der Schein trügt: Auch diese Krücken wurden nach dem Vortrag über die Wunderheilungen Bruno Grönings noch benötigt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Nein, Fotos von den Referentinnen dürfen wir an diesem Nachmittag nicht machen. Am Eingang werden wir beschieden, dass sie sich „gestört“ fühlen würden. An der Stirnseite des Raumes ist ein altarähnliches Etwas aufgebaut – ein Tisch, bedeckt mit einer Decke und geziert mit einem großen Porträtbild von Bruno Gröning, dem Wunderheiler.

Ich komme voller Vorurteile in diese Veranstaltung. Ich glaube­ an die Kraft beispielsweise ­traditioneller chinesischer Medizin oder an die Wirksamkeit fernöstlicher Philosophien wie Yoga oder Qi Gong, aber nicht an Heilströme. Ich habe etwas gegen Menschen, die ich im Verdacht habe, dass sie mir mein Geld aus der Tasche ziehen möchten, ich habe etwas gegen Quacksalber und gegen obskure Heilsversprechen. Ich bin gespannt, ob der angekündigte Vortrag mir zu bewusstseinsverändernden Eindrücken verhilft.

25 Menschen haben sich hier versammelt, um den Berichten um Grönings Wundertaten zu lauschen. Die meisten sind Stammgäste bei den Veranstaltungen, kennen sich aus mit dem offenbar immer gleichen Ablauf. Der Versuch nämlich, eine DVD mit Berichten von Zeitgenossen Bruno Grönings abzuspielen, gelingt erst im vierten oder fünften Anlauf – und nachdem mehrere Zuhörer dem offenbar überforderten technischen Assistenten anfeuernde Tipps zugerufen hatten. Irgendwann bekommt der arme Mann es hin.

"In offener Körperhaltung"

Zu diesem Zeitpunkt hat Heilpraktikerin Ursula Obermann ihr Publikum schon aufgefordert, in „Ruhe“ und „in offener Körperhaltung“ zu sitzen, weil „diese Kraft“ – später ist dann auch von „dem Heilstrom“ die Rede – nicht einfach zu einem kommt.

Man muss schon etwas dafür tun, nämlich die Hände nach oben geöffnet in den Schoß zu legen. „Machen Sie sich von allem frei“, sagt die ­Referentin, und dann ertönt ein wenig sphärische Musik – so ähnlich, wie ich sie von Entspannungsübungen her kenne. Mein Sitznachbar ist offenbar ein alter Hase. Er hat nicht nur die Hände schön brav nach oben geöffnet, sondern auch die Augen geschlossen. So sitzend, lauscht er dem Vortrag.

Frau Obermann schaut mich zwischendurch strafend an, weil ich in einer Hand einen Kugelschreiber halte und in der anderen meinen Notizblock – ich habe hier schließlich zu arbeiten. Leider habe ich jetzt keine Hände mehr frei, die ich nach oben halten kann.

Lahme können wieder laufen – wie in der Bibel

Vielleicht ist das der Grund, dass mich das Gehörte nicht so richtig beeindruckt. Da wird von Bruno Gröning erzählt, der irgendwann erkannt hat, dass er den Heilstrom lenken kann.

1949 gelingt ihm seine erste­ Heilung. Ein junger Mensch wurde von seiner Muskeldystrophie plötzlich geheilt. Seine Eltern schenken Bruno Gröning ein Haus – „aus Dankbarkeit“, wie den Zuhörern berichtet wird, und ich muss unwillkürlich an die große Spendenbox denken, die im Eingangsbereich steht und die einen großen Schlitz hat – auch für Scheine geeignet.

Die weiteren Wundertaten von Gröning hören sich an wie schlecht abgeschrieben. Aus dem neuen Testament nämlich, das von Wundertaten des Jesus von Nazareth berichtet: „die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt“, heißt es im Matthäus-Evangelium.

„Wer dat nicht glauben will, der muss es lassen“

Und so ähnlich muss es bei Bruno Gröning gewesen sein. Bei Grönings Vorträgen seien Wunder geschehen, werden wir belehrt, Gelähmte seien aus ihrem Rollstuhl aufgestanden. Ein Mann, der wegen einer Kriegsverletzung sein Ellenbogengelenk nicht mehr richtig strecken konnte, wird in dem Film gezeigt, und der Gute berichtet begeistert, dass er seinen Arm nach einem Vortrag von Bruno Gröning plötzlich wieder benutzen konnte. „In einer einzigen Sekunde ist es passiert.“ Vielleicht hat der Mann, der im Film auftritt, mit dem recht, was er anschließend sagt: „Wer dat nicht glauben will, der muss es lassen“, sagt er.

Barbara Lindemann aus Kassel jedenfalls glaubt daran. Sie berichtet an jenem Nachmittag in Marburg, dass sie Weichteilrheuma, 30 Jahre Schmerzen und deswegen Depressionen hatte. Nachdem sie „spontan“ bei einem Vortrag war, habe sie über Nacht ihre Depression „verloren“. Danach nahm sie in Gemeinschaftsstunden fünf Mal täglich „die Kraft“ in sich auf – und wurde, man glaubt es kaum, von ihren Leiden geheilt. Auch Gerda Schemann ist es ähnlich gegangen, auch sie berichtet von einer Heilung, nachdem sie „mehrmals täglich den Heilstrom“ in sich aufgenommen habe. „Ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie, das klingt fast wortgleich wie der Satz von Barbara Lindemann, die an genau der richtigen Stelle ihres Vortrags in Tränen ausbricht und noch hervorbringt: „Ich bin einfach glücklich, dass ich ein neues­ ­Leben geschenkt bekommen habe. Heute kann ich nur sagen: danke.“

Auch in mir passiert in diesem Moment ganz spontan etwas: Vor meinem geistigen Auge erscheint, keine Ahnung warum, die Spendenbox mit dem großen Schlitz.

Gemeinschaftsstunden? Heilstrom aufnehmen, mehrmals täglich Heilstrom aufnehmen?  Der „Freundeskreis Bruno Gröning“ will, so sagt er in seinem Öffentlichkeitsmaterial, dass die Menschen regelmäßig zu ihm kommen. Das mit der Spontanheilung muss nämlich nicht jedem so gehen, wie Psychologin Beate Neebe berichtet: „Es gibt Spontanheilungen, aber auch lange Wartezeiten.“

Auf einmal war das Verlangen weg

Das mag jene beruhigen, bei denen es noch nicht geklappt hat. Meinen Sitznachbarn vielleicht auch, den mit den nach oben geöffneten Händen. Der hat nämlich in der Stuhlreihe vor sich ein Paar Krücken abgelegt. Er jedenfalls springt während des Vortrags nicht auf.

Vorsichtshalber betonen die Gröning-Jünger, dass jeder seinen Arzt behalten soll und seine Religion. Sie wenden sich gegen den Vorwurf von Ärzten und Kirche, sie seien Esoteriker oder eine Sekte.

Auch Beate Neebe ist ­übrigens geheilt worden. Von ­ihrer Nikotinsucht. Auf einmal war das Verlangen weg, berichtet sie. Konkrete Heilsversprechen macht auch diese Jüngerin nicht.

Eines zumindest haben Frau Neebe vom Freundeskreis Bruno Gröning und ich gemeinsam. Auch ich habe mit dem Rauchen aufgehört, ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen. Es ist, ehrlich gesagt, so ziemlich das einzige Laster, das ich mir mit meiner sonst nicht gerade üppigen Willenskraft abgewöhnt habe – aber ganz ohne „diese Kraft“ oder „göttlichen Heilstrom“.

Ich habe genug gehört und überlasse die Gröning-Anhänger sich selbst. Meine Vorurteile, mit denen ich gekommen bin, nehme ich unverändert wieder mit.

Auf dem Weg zum Ausgang komme ich wieder an der Kiste vorbei. Sie wissen schon, die mit dem großen Schlitz.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Esoteriker in der Stadthalle
Der „Freundeskreis Bruno Gröning verspricht Schwerkranken Heilung durch einen „Heilstrom“. Foto: Tobias Hirsch

"Hilfe und Heilung auf geistigem Weg" verspricht eine Broschüre des „Freundeskreises Bruno Gröning“. Fachleute halten die Versprechen des Vereins für gefährlichen Unsinn.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr