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„Die Theorie selbst wird zur Pose“

Studium-generale-Auftakt „Die Theorie selbst wird zur Pose“

Vor fast 50 Jahren setzte die 68er-Bewegung neue Maßstäbe für Protest wie Mystik. Zu diesem Anlass wirft die Universität beim Studium generale einen kritischen Blick auf eine umstrittene Zeit der Auf- und Umbrüche.

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Vor mehreren hundert Zuhörern sprach Dr. Armin Nassehi im Audimax.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Gab es 1968? Dass es das Jahr innerhalb unserer Zeitrechnung gab, ist wohl ­unumstritten. Mehr Klärungsbedarf bot und bietet dagegen die zeitliche und kulturelle Entwicklung einer neuen Protestkultur und das tatsächliche ­Erbe einer Phase der Auf- und Ausbrüche. Darüber sprach Dr. Armin Nassehi, Professor der Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Auftakt der neuen Vortragsreihe.

Das von Mythen umwölkte Jahr 1968 steht für eine globale Phase der Revolte, der Veränderung, den Ausbruch aus alten, verkrusteten Strukturen. Doch vom Himmel gefallen ist diese­ Entwicklung sicherlich nicht, die Anfänge diverser politischer und sozialer Transformationsprozesse liegen Jahre zuvor, teils Jahre nach 1968, auch wenn diese heutzutage mit diesem einen Datum in Verbindung gebracht werden, hob der Dozent hervor. „Fragen, die wir heute mit ‚68‘ verbinden, wurden bereits von den 1960er-Jahren gestellt und diskursiv betrachtet.“

Bedeutende Ereignisse und Theorien, die Einfluss auf die Gesamtentwicklung nahmen, fanden überall und zu unterschiedlichen Zeitpunkten statt. Vom Verbot eines kritischen Büchertisches an der Universität in Berkeley 1964, ein Jahr später in Berlin, samt zugehöriger Proteste, dem Tod von Benno Ohnesorg bis zur Bedeutung von Konsumgesellschaft und Religion jener Zeit.

„1968 war vielleicht nicht der Auslöser, sondern die Folge“, lautete eine These des Kultursoziologen. Die Folge einer neuen Form der Kommunikation und eines Hinterfragens von einfach allem, einer neuen Form der Reflexion, aus dem eine sozialkulturrevolutionäre Phase hervorging, betonte er eine Säule seiner These.

Die zweite Säule wäre die Entwicklung der Popkultur. Deren wichtigste Eigenschaft ist das Neue, das Andere, das Besondere, das wiederum im Vergleich zum ersten Part weit weniger Diskurs zulassen muss. Hand in Hand geht damit eine sich entwickelnde Form von „Posing“, die sich bis heute erhalten habe. Hintergrund war dabei vielleicht noch der Ausbruch aus der Konvention, in popkultureller Form war diese Protestform jedoch häufig die unreflektierte Pose, so der Referent.

Bei vielen, wenn auch nicht bei allen Vertretern von „68“.

„Baader war ein Mörder und eine Pop-Ikone“

Ikonen jener Zeit wie der umstrittene Andreas Baader wurden als „unreflektiertes Phänomen“ betrachtet. „Baader war ein Mörder und eine Pop-Ikone“, wodurch er als Figur ganz ohne Reflexion funktionierte, so Nassehi. Im Gegensatz zu Rudi Dutschke, „der Dauerreflexion schon fast bis zum Exzess betrieb“. Beide Figuren seien Teil einer neuen Ikonen-Darstellung. Das „Posing“ sieht Nassehi dabei als ein kritisches Erbe von „68“. Im Extremfall bedeute das: „Die Theorie selbst wird zur Pose – auch wenn das eine sehr böse These ist.“

Im Gegensatz dazu entstand aus der 68er-Bewegung auch eine heutige Form eines respektlosen Umgangs mit Theorien, und zwar in einem ganz positiven Sinne: Heutige Studierende seien in der Lage, anerkannte Theorien nicht zu mystifizieren, unabhängig vom Autor kritisch zu bleiben, sich nicht blenden zu lassen und „wirklich hinterfragen zu können – auch das ist ein Erbe von ‚68‘“, lobte Nassehi.

von Ina Tannert

Hintergrund
Die Vortragsreihe „Studium generale“ widmet sich in diesem Wintersemester dem Thema: „1968: Aufbrüche – Ausbrüche – Umbrüche in Marburg, Deutschland und der Welt. Ein Rückblick nach 50 Jahren“. Dabei steht der kritische und wirkungsgeschichtliche Blick im Fokus, „es geht nicht darum, 1968 zu monumentalisieren oder zu verklären und auch nicht um eine schulterklopfende Selbstinszenierung“, fasste Dr. Eckart Conze vom Studium generale zusammen. Bis Mitte Februar findet fast jeden Mittwoch eine Vorlesung zum Thema im Audimax des Hörsaalgebäudes statt.
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