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Die Meister der Seile

Die Meister der Seile

Sie klettern auf Windräder, zwängen sich durch Aufzugsschächte, kraxeln auf Baukräne: Die Höhenretter sind die Spezialeinheit ­unter den heimischen Rettungskräften. Einsätze sind ebenso selten wie spektakulär. Die OP-Reportage.

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Höhenretter wie Lorenz Fokuhl (mittleres Bild) üben Rettungsszenarien.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Die schwarzen Stiefel suchen Halt auf dem rutschigen Metallpfeiler. Ein Arm umschlingt die dürren Streben des gelben Gerüsts, mit den Fingern seiner anderen Hand tastet Lorenz Fokuhl nach einer der Seilrollen, die an seinem Gürtel hängen.

Übung der Höhenretter in Marburg, Universitätsstrasse - 11.November 2017 : Foto / Michael Hoffsteter

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Er greift zu, hakt das Gerät ein, klemmt das Seil hinein, zurrt es fest und sichert so seinen Kletterpfad, den Vorstieg hinauf zum 55 Meter hohen Führerhaus des Krans vor dem Allianz-Haus in der Gutenbergstraße. Durchatmen. Der 26-jährige Höhenretter schaut nach oben, scannt mit den Augen die Kran-Struktur, wägt ab: Wo den nächsten Karabinerhaken setzen? Er packt mit der Hand die über ihm liegende Strebe, wippt mit einem Bein und zieht sich hoch. „Ist ein bisschen wie ein Affe im Dschungel“, ruft er irgendwo auf halber Höhe des Baustellenkrans. „Glitschig, anstrengend – und den ganzen Weg muss ich ja auch wieder zurück.“ Aber erst mal geht es an diesem nass-kalt-windigen Novembertag Meter für Meter in die andere Richtung: aufwärts. Fokuhl ist einer von 18 ehrenamtlichen Höhenrettern bei der Gefahrenabwehr des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

Auf der Baustelle der zukünftigen „2M Marburg Mall“ probt die Mannschaft um Einsatzleiter Alexander Gröb (30), die aus Freiwilligen Feuerwehrleuten und Rettungsdienstmitarbeitern besteht, den für die Truppe bislang in der Region noch nicht eingetretenen Ernstfall.

Die  Gruppe käme immer dann zum Einsatz, wenn es um das Retten von Menschen oder um technische Hilfeleistungen in Höhen oder Tiefen geht. Einsätze, bei denen die Feuerwehren und Rettungsdienste der Region mit ihren Möglichkeiten an ihre Grenzen stoßen. Es sind Unfälle bei Montagen an Windrädern, Stürzen in Baugruben, die Rettung Eingeschlossener in stehengebliebenen Aufzügen und Gondeln, oder eben wie heute die – simulierte – Hilfe für einen Herzinfarkt-Patienten im Kranführerhaus oder Selbstmordgefährdeten auf dem Kranausleger.

"Das schärft die Sinne"

„Mulmig sollte einem beim Klettern immer sein. Das schärft die Sinne, erhöht die Aufmerksamkeit. Ohne Respekt vor der Höhe wird man fahrlässig. Und ist man fahrlässig, passieren Fehler“, sagt Gröb und blickt auf Fokuhl, der weiter den spürbar schwankenden Kran von außen hinaufkraxelt. Rund acht Kilogramm Material tragen die Rettungskräfte bei ihren Einsätzen mit sich – bisweilen auch sperrige Gegenstände wie Tragen. „Kraft ist aber weniger wichtig als Verstand“, sagt Gröb.

Die Höhenretter sind – passend zu ihrem schwarzen Outfit – eine Spezialeinheit. Die Männer und Frauen müssen zusätzlich zur Feuerwehr oder Rettungssanitäterausbildung eine 80-stündige Grundausbildung absolvieren sowie jährlich mindestens 72 Fortbildungs- und Übungsstunden leisten.

Plötzlich fliegen drei Bündel durch die Luft. Lautlos öffnen sie sich, entwirren sich, je weiter sie gen Tal rauschen. Kurz vor dem Aufschlag gibt es einen Ruck, dann tänzeln sie als einzelne Seile über dem Erdboden.

Fokuhls Kollegen, die zuvor den Kran bestiegen, üben gerade auf dem bei jedem Schritt wippenden Kranausleger den Abstieg, haben die Bündel fallenlassen. Ein Schwung, dann gleiten sie geschmeidig an ihren bis zu 200 Meter langen Tauen hinab, ihnen ist dieser Übungseinsatz geglückt. Für sie geht‘s nun ab in den Schacht, in die Tiefe – ein Aufzug ist steckengeblieben. Und wieder heißt es für die 18 Männer und Frauen zählende Spezialeinheit: Material checken, Knoten machen, Seilschaften knüpfen – Menschen retten.

von Björn Wisker

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