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Bald 50 Windräder rund um Marburg?

Zukunftsvision Bald 50 Windräder rund um Marburg?

Wer es ernst meint mit der Energiewende auf Deutschlands Straßen, wird deutlich mehr Windkraftanlagen bauen müssen als bisher geplant.

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Ein Naturwissenschaftler glaubt, dass um Marburg herum zum Erreichen der Energiewende bis zu 50 Windkraftanlagen gebaut werden müssten.

Quelle: Jan Woitas

Marburg. Die Jahresleistung ­einer hochmodernen Schwachwindenergieanlage (WKA) der 3-MegaWatt (MW)-Klasse wie sie auf dem Marburger Bergrücken bei Görzhausen geplant ist, beträgt 6 000 MWh/Jahr bezogen auf eine überdurchschnittliche Volllaststundenzahl von 2 000 Stunden. Drei bis vier derartige WKA sollen in ca. 3,8 km Entfernung zum Marburger Schloss im Wald entstehen, sie werden das Schloss um ca. 280 Meter an Höhe überragen.

­E-Pkw braucht 2 700 Kilowattstunden pro Jahr

Der mittlere Energieverbrauch eines Elektrofahrzeugs der ­Minikompakt-Klasse beträgt hocheffiziente 18 KWh/100 km ( Link).
Rechnen wir weiter mit ­einer Jahreskilometerleistung von 15 000 km, so beträgt der ­Jahresenergieverbrauch dieses ­E-Pkw 2 700 Kilowattstunden (KWh/Jahr). Durchaus ermutigend ist, dass das obengenannte moderne Windkraftwerk der 3-MW-Klasse etwa 2 222 dieser E-Kleinstwagen (6 000 MWh pro WKA und Jahr / 2,7 MWh pro E-Auto und Jahr) durchschnittlich mit Strom beliefern könnte.

 Windkraft und E-Mobilität

Dunkelflaute und Verluste durch notwendige elektrochemische Zwischenspeicherung der Energie wie auch die Batterie-Selbstentladung und kritische Ökobilanz bei der Batterie-Herstellung seien hier einmal vernachlässigt. 

Nun zur Frage: Wie viele moderne WKA werden benötigt, um derzeit 46 Mio. Pkw (Statistisches Bundesamt) in Deutschland oder 130 000 Pkw im Landkreis Marburg-Biedenkopf (Statistisches Landesamt Hessen), wohlgemerkt auf Kleinstwagenniveau, nicht Tesla S, auf 100 Prozent Strom umzustellen? Diese Frage stellt sich, weil die Grünen 100 Prozent „Dekarbonisierung” (CO2-Befreiung) des Straßenverkehrs bis 2030 in ihrem Wahlprogramm fordern.

Energiewende erst zu 30 Prozent erreicht

Die angedachte Lösung: Verkehrswende durch Sektorenkopplung der E-Mobilität mit der Energiewende ( Link).
Eine einfache Rechnung zeigt, dass wir allein für die Dekarbonisierung des Pkw-Verkehrs (ohne Lkw, ohne Haushalte und Industrie) mehr als 20 000 moderne WKA zusätzlich zu den für die Energiewende bereits arbeitenden 28 000 WKA in Deutschland einplanen müssten. Damit ist es aber nicht getan, denn die Energiewende bis 2050 ist derzeit erst zu etwa 30 Prozent erreicht.

Deutschland bräuchte weit mehr als 100.000 Windkraftanlagen

Und die Verkehrswende­ wäre damit erst nur für Pkw, noch nicht für den besonders energieträchtigen Lkw-Schwerlastverkehr erreicht. Im Endausbau müssten in Deutschland weit über 100 000 WKA am Energiemix mitarbeiten, wohl das Fünffache dessen, was heute bereits in Betrieb ist.

Für den Landkreis Marburg-Biedenkopf bedeutet dies: Nicht nur die vom RP Gießen angestrebten 280 WKA für die Versorgung der Haushalte und des Gewerbes im LK mit Strom aus Erneuerbaren Energiequellen (EE), diese Betrachtung gilt ­bereits für den EE-Mix mit Photovoltaik (PV), Wasserkraft und Biogas, sondern noch  59 WKA obendrauf für die Verkehrswende! Auf das Stadtgebiet Marburg beschränkt bedeutet dies: nicht allein mindestens 50 WKA für die autarke Versorgung der Haushalte, der Uni und Standortfirmen mit Strom aus WKA ( Links), vielmehr einen Anteil weiterer 59 WKA, dreimal so hoch wie die E-Kirche, für den Genuss der E-Mobilität in Marburg zusätzlich on top auf die bewaldeten Hügel um Marburg!

Warum sagt uns das keiner?

Bei dieser Betrachtung von E-Marburg-2030 ist freilich zu berücksichtigen, dass zum Glück ein etwa 30-prozentiger Anteil dieses gigantischen Aufwands für die Energiewende im Verbund mit der Verkehrswende aus der deutlich umweltverträglicheren, überall willkommenen PV kommen wird. Deshalb wird man sich aber dennoch auf ­etwa 50 WKA auf den Hügeln direkt um Marburg bei einer Totalwende zwingend einstellen müssen, das gebietet die Physik und Mathematik! Warum sagt uns das keiner?
 
Alternative Geothermie
Diese zwingend notwendige WKA-Dichte gibt es nirgendwo sonst auf dieser Welt – denkt man, doch Vorsicht: wie müsste eine derartige EE-Versorgung von Frankfurt mit seinen Standortfirmen und Flughafen aussehen? Jedem, der kritisch nachrechnet, muss bewusst sein, dass eine 100-prozentige Dekarbonisierung der Stromversorgung und gleichzeitig des Verkehrs, ja selbst nur der sehr wünschenswerte massive nachhaltige Ausbau der E-Mobilität, einzig mit dem höchst überfälligen Ausbau der unbegrenzt vorhandenen, Wetter- und jahreszeitunabhängigen, leicht ­regel- und integrierbaren, kurz (im Gegensatz zu Sonne und Wind) grundlastfähigen(!) Tiefengeothermie, der nachhaltigsten aller EE, der Menschheit je gelingen kann. ( Link).

WKA-Monokultur statt Ausbau der Tiefengeothermie

Klar, auch die birgt Risiken, doch wer diese nicht rasch meistert, hat den unerschöpflichen Lohn nicht verdient! Aber so, wie Deutschland profitgetrieben mit dem einseitig massiven Ausbau von Diesel-Mobilität den Zug in die postfossile Moderne zu verpassen scheint, so scheint es jetzt der WKA-Monokultur zu verfallen und den Anschluss an den Ausbau der Tiefengeothermie zu verpassen.

von Gastautor Dr. Jörg Sundermeyer,
Professor für anorganische Chemie und engagiert in der Bürgerinitiative Windkraft Michelbach

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