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Der „lange Anton“ geht auf Reisen

„Museum Anatomicum“ Der „lange Anton“ geht auf Reisen

Er ist 2,44 Meter groß und das Herzstück des Museums Anatomicum: der „lange Anton“. Mittlerweile ist der Riese über 400 Jahre alt, doch nächste Woche geht er nochmal auf Reisen und verlässt Marburg bis zum Herbst.

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Nina Ulrich und Gerhard Aumüller reichen ihm kaum bis zu den Rippen: Der „lange Anton“ ist das Herzstück der Sammlung im Museum Anatomicum.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Ein bisschen aufgeregt sind Dr. Nina Ulrich und Dr. Gerhard Aumüller schon. Schließlich geht bald ein besonderer Wegbegleiter ohne sie auf eine nicht ganz ungefährliche Reise. Es geht zwar nur vom Marburger Museum Anatomicum bis nach Nürnberg – doch wenn man nur noch aus Knochen besteht und über 400 Jahre alt ist, wird es eben doch eine lange Reise voller Herausforderungen. „Wir leihen ihn nach sehr langer Zeit das erste Mal aus. Da haben wir lange überlegt, ob wir das überhaupt machen“, erklärt Ulrich. Schließlich ist der „lange Anton“, das Skelett eines 2,44 Meter großen Mannes, nicht nur das älteste Präparat im Museum Anatomicum, sondern auch eines der ganz ­besonderen Ausstellungsstücke.

„Wie transportiert man so etwas unbeschadet  von A nach B?“ – das war laut Ulrich nur eine von vielen Fragen. Doch die wurden im Vorfeld zu ihrer Beruhigung geklärt und so kann die Reise nächsten Montag losgehen. Eine Speditionsfirma übernimmt den Transport der alten Knochen. „Die haben beispielsweise schon die Terrakotta-­Armee transportiert“, so Ulrich. Der „lange Anton“ komme in ­eine eigens angefertigte Transportkiste und werde mit Vakuumkissen, die in der Unfallmedizin eingesetzt werden, eingebettet und dann nach Nürnberg gebracht. Dort wird er im Germanischen Nationalmuseum Teil der Ausstellung „Columbus, Luther und die Folgen“, die sich mit dem Epochenwechsel und dem Alltag der Menschen beschäftigt.

„Der junge Anton ist gewachsen und gewachsen“

Der „lange Anton“ sieht Nürnberg nach langer Zeit wieder: Zu Lebzeiten war er schon mal dort. „Der junge Anton ist gewachsen und gewachsen“, erklärt Dr. Gerhard Aumüller. Irgendwann sei er auf Wanderschaft gegangen, habe sich bunt gekleidet selbst ausgestellt. Irgendwann sei er dann auch nach Nürnberg gekommen. Das weiß Aumüller, weil der „lange Anton“ auf einem alten Holzschnitt von 1575 dargestellt wurde. Es hieß, dass er 14 Jahre alt gewesen sei. Im Jahr 1583 wird er allerdings als 39 Jahre alt beschrieben. Das genaue Alter könne ­daher nicht festgelegt werden.

Zum Ende seines Lebens war der Riese laut Ulrich Leibwächter des Heinrich Julius von Braunschweig Wolfenbüttel. Gestorben ist er dann 1596 – wie aus Aufzeichnungen der ehemaligen Universität Helmstedt hervorgeht. Dort wurde er damals in der Anatomie zum Skelett präpariert, stand mehr als 200 Jahre in der medizinischen Fakultät. „Ein ehemaliger Anatom hat ihn dann 1810 mit nach Marburg gebracht“, so Ulrich. Sogar seine Krücke ist noch erhalten, denn laut Aumüller hatte der Riese massive degenerative Veränderungen an Gelenken und Wirbelsäule und einen offenbar fehlerhaft zusammengewachsenen Bruch im Oberschenkel. Warum der „lange Anton“ überhaupt so lang wurde, wird derzeit von Spezialisten genau untersucht. Sie haben Knochenmehl entnommen, daraus DNA gewonnen. Derzeit laufen laut Aumüller die Untersuchungen. „Vermutlich hatte er eine erbliche, meist spontan auftretende Erkrankung der Hirnanhangdrüse“, erklärt Aumüller. Die produziere dann unkontrolliert Wachstumshormone.

Wer den „langen Anton“ vor seiner Reise nochmal sehen will, hat bei der Nacht der Kunst am Freitag, 23. Juni, von 19 bis 22 Uhr die letzte Gelegenheit. Das Museum Anatomicum ist an diesem Abend geöffnet, der Eintritt ist frei.

von Patricia Grähling

Hintergrund
Das „Museum Anatomicum“ ist jeden ersten Samstag im Monat von 10 bis 12 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet drei Euro. Zusätzlich können Schulklassen und andere Gruppen sich für Führungen anmelden, die Medizinstudenten ehrenamtlich übernehmen. So sehen jedes Jahr etwa 3000 Besucher den „langen Anton“ und die unzähligen anderen Präparate in dem Museum.
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