Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Der Bestatter als Dienstleister

Wandel in der Bestattungskultur Der Bestatter als Dienstleister

Das Thema Bestattung ­erlebt deutschlandweit ­einen Wandel. Die Urnenbestattungen nehmen zu, die traditionelle Form der Erdbestattung nimmt ­zumindest in Städten ab – auch in Marburg.

Voriger Artikel
Verpflichtung zu moralischem Handeln
Nächster Artikel
Finanzspritze für Schulsanierungen

Den Wandel in der Bestattungskultur bemerkt auch Bestatter Kurt Greif.

Quelle: Anton Rüth

Marburg. Nachdem vor 15 Jahren noch rund drei Viertel aller Begräbnisse eine klassische „Leichenbestattung“ und ein Viertel Urnenbestattungen waren, sind die Zahlen heute umgedreht. Deshalb stehen alleine auf dem Hauptfriedhof an der Ockershäuser Allee derzeit rund 400 Urnenkammern zur Verfügung. So ließen sich zuletzt rund zwei Drittel aller Verstorbenen in Marburg in einem Urnengrab beisetzen. Das geht aus Daten der Friedhofsverwaltung und des Statistischen Bundesamts hervor. Ein Grund für die Entwicklung ist offenbar das Geld. Die Satzung der Marburger Friedhofsgebühren zeigt erhebliche Unterschiede zwischen Urnen- und Erdbestattung. So liegen die Kosten für eine Erdgrabstätte von 2500 bis 5900 Euro, während eine Urnengrabstätte zwischen 1000 und 2500 Euro kostet.

Die Entwicklung bemerkt auch der Marburger Bestatter Kurt Greif: „Es ist so, dass der Trend dahin geht, aber es hat auch einfache Gründe. Viele Menschen besitzen bereits ein Doppelgrab von ihren Eltern und dort kann man einfach Urnen mit beisetzen. Auch die Auswahl an Formen und Gestaltungsmöglichkeiten lässt die Urnenbestattung immer beliebter werden, in diesen Bereichen hat man sozusagen freie Hand und kann die Urnen individuell gestalten. Trotz dieses anhaltenden Trends sind die Erdbestattungen vor allem in ländlichen Gebieten nach wie vor sehr präsent.“

Neben dem Trend zur „individuellen“ Urnenbestattung habe sich auch die Bestattungszeremonie selbst „merklich verändert:“ Der Dienstleistungsfaktor sei in den letzten Jahren einfach höher geworden. Der Bestatter bietet heutzutage einen großen Serviceumfang an, etwa Banner bei Beisetzungen in verschiedenen Formaten seien sehr beliebt. Diese beinhalten zumeist ein Bild des Verstorbenen mit einem kurzen Text, der meist von den Hinterbliebenen ausgewählt wird.

Abgesehen davon ist das Mitbringen von persönlichen Gegenständen bei Beisetzungen sehr beliebt. So wurde schon bei einer Beisetzung auf Bitte der Hinterbliebenen das Motorrad des Verstorbenen neben das Grab gestellt, „das wäre vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen.“ Diese Entwicklung wiederum führt zu einem erweiterten Betätigungsfeld des Bestatters: „Der Bestatter von heute sollte immer erreichbar sein, der Tod hält sich schließlich nicht an feste Öffnungszeiten.“

Auch unter Muslimen macht sich eine Wandlung bemerkbar. Der hessische Landtag hatte Anfang 2013 eine Gesetzesänderung auf den Weg gebracht, sodass der Gemeindevorstand nach Anhörung des Gesundheitsamtes eine Bestattung ohne Sarg aus religiösen Gründen gestatten kann.

Muslimische Gräberfelder sind ausgeweitet worden

„Diese Möglichkeit zu haben, ist ein sehr erfreulicher Schritt, das kommt unserer Tradition, der Kultur, den Sitten sehr entgegen“, sagt Saddat Ahmed von der Marburger Ahmadyya Muslim Jamaat. Seit der Eröffnung  des ersten islamischen Friedhofs 1967 am Hauptfriedhof kamen alleine hier zwei weitere muslimische Gräberfelder hinzu. Die Universitätsstadt ist eine von 20 hessischen Kommunen, in denen es eine Grabstätte speziell für Muslime gibt. Die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen befürwortet die Entwicklung: „Die Entscheidung für das Begräbnis in ‚fremder‘ Erde ist wohl ein weiterer entscheidender Schritt im langen Prozess zur Identifikation mit der ‚neuen‘ Heimat“, sagt ein Verbandssprecher.

Allerdings sind viele Riten der muslimischen Bestattung nicht mit dem deutschen Bestattungsgesetz zu vereinbaren, so besteht eine Sargpflicht und eine Wartezeit von 48 Stunden bis zur Beisetzung des Verstorbenen. In Marburg ist wie vielerorts in Deutschland die Sargpflicht gelockert worden, sodass eine Bestattung im Leinentuch nach Anhörung des Gesundheitsamtes möglich ist.Trotz dieser Änderungen sind traditionelle muslimische Bestattungen seit der Satzungsänderung selten angefragt und gestattet worden. Ein Grund dafür, dass sich Islamgläubige häufig in den Herkunftsländern ihrer Familie beerdigen lassen. „Wer die finanziellen Mittel hat, lässt sich in der Regel im Ausland beisetzen“, sagt Ahmed.

von Anton Rüth

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr