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Bloße Zahlen werden zu Schicksalen

Holocaust Bloße Zahlen werden zu Schicksalen

Aus der Stadt und dem Landkreis wurden im Zweiten Weltkrieg 346 Menschen deportiert, viele von ihnen kehrten nie zurück. Die Geschichtswerkstatt Marburg hat die Schicksale zu den ­Zahlen aufgearbeitet.

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Die Politöne haben die Vorstellung des Gedenkbuchs „Von der Ausgrenzung zur Deportation“ musikalisch begleitet – und damit Lesungen über Einzelschicksale gefühlvoll begleitet. Mehr als 130 Besucher waren bei dem Programm im Rathaus dabei.Fotos: Grähling

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Einst lebte die Familie Drucker in Ockers­hausen: Meier und Jeanette Drucker mit ihren Söhnen Jakob und Max. Die Eltern starben in Theresienstadt, Max wurde in Majdanek ermordet. Nur Jakob Drucker überlebte, weil er in die USA fliehen konnte. Seine Enkelin Rachel Drucker bekam am Mittwochabend im ­Rathaus ­eines der ersten Exemplare eines Gedenkbuchs, das die Geschichtswerkstatt Marburg unter dem Titel „Von der Ausgrenzung zur Deportation“ herausgebracht hat.

Es haben sich 26 Autoren an dem 544 Seiten umfassenden Buch beteiligt, um die Geschichte der Ausgrenzung, der Entrechtung, der Deportation und der Ermordung von Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf nachzuzeichnen - und um einigen der 346 deportierten Menschen ein ­Gesicht zu geben, ihre Geschichte zu erzählen, ihre Gefühle, Ängste und Hoffnungen in Worte zu fassen. „Bloße Namen ­werden mit Biografien und oft auch mit Fotoaufnahmen verknüpft“, sagte Klaus-Peter Friedrich von der Geschichtswerkstatt bei der Buchvorstellung. „Die Opfer hinterließen Spuren, nicht nur in den Akten“, sagte er über die Mitarbeiter der Uni, die Viehhändler und Kaufleute.

„Warum noch ein Buch?“, fragte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Weil wir die Vergangenheit nicht Vergangenheit sein lassen dürfen“, beantwortete er selbst die Frage. Es gehe darum, ein empathisches Erleben der Geschichte zu ermöglichen, um sie greifbarer zu machen. „Ich spüre selbst Beklemmung, wenn die bloßen Zahlen der Deportierten zu Menschen werden, zu spürbaren, realen Schicksalen.“

Laut Landrätin Kirsten Fründt sei man es den Ermordeten schuldig, die Erinnerung aufrecht zu erhalten und nicht zu vergessen. Vor 75 Jahren seien die Menschen deportiert worden - „das ist der Zeitpunkt, daran zu denken, dass die Gräueltaten des Nationalsozialismus nicht irgendwo passiert sind, sondern hier.“ Das neue Buch sei daher wertvoll und kostbar, auch um jüngeren Generationen die Geschichte zu vermitteln.

Die Geschichte zeigt laut Spies, dass in der Gesellschaft kein Platz sein darf für Faschisten. „Deshalb ist es kaum zu glauben, wie fruchtbar dieser Schoß heute noch ist.“

Mehr als 130 Besucher ­waren bei der öffentlichen Vorstellung des Gedenkbuchs im Rathaus dabei. Neben den Worten zum Buch gab es Worte aus dem Buch: Der Schauspieler Frank Winterstein las Passagen daraus vor; etwa aus den Briefen von Henni Höchster, geborene Walldorf, aus Ebsdorf oder aus dem Leben von Walter Krämer. Professorin Marita Metz-Becker stellte die Marburgerin Marie Luise Hensel vor, die den Titel „Gerechte unter den Völkern“ bekam. Für den musikalischen Rahmen sorgten die Politöne - mal gefühlvoll und mal fröhlich sangen sie etwa den Theresienstädter Marsch, in dem es hoffnungsfroh heißt: „Schon morgen fängt das Leben an.“

Ermöglicht wurde das Buch neben dem großen ehrenamtlichen Engagement der Autoren laut der Geschichtswerkstatt-Vorsitzenden Elisabeth Auernheimer auch durch die Sparkasse Marburg-Biedenkopf: Der Vorstandsvorsitzende ­Andreas Bartsch überreichte der Geschichtswerkstatt bei der Vorstellung des Buches eine Spende in Höhe von 12000 Euro.

Das Buch ist erschienen im Rathaus-Verlag, herausgegeben von Klaus-Peter ­Friedrich im Auftrag der Geschichtswerkstatt Marburg, veröffentlicht von der Stadt Marburg und dem Landkreis Marburg-Biedenkopf. Erhältlich ist es zum Preis von 12,90 Euro beim Fachdienst Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rathaus unter Telefon 06421/2011346 oder per Mail unter oeffentlichkeitsarbeit@marburg-stadt.de sowie im Buchhandel, ISBN 9783942487108.

von Patricia Grähling

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